Vierzehntes Kapitel.
Auf einsamem Posten.
Als die Lage sich immer schwieriger gestaltete, hielten es die beiden Missionare für weise, das Land im Interesse der eingeborenen Christen für einige Zeit zu verlassen. Aber nur einer erhielt die Erlaubnis zur Abreise. Mackay mußte als Geisel im Lande zurückbleiben. Der König fürchtete die Rache der Engländer für das Blut des Bischofs und die übrigen Metzeleien, die er auf dem Gewissen hatte. Am 25. August 1886 trennten sich die tapferen Männer schweren Herzens voneinander, und Ashe kehrte nach England zurück in der Hoffnung, die englische Regierung werde durch seine Berichte veranlaßt, energische und geeignete Maßregeln zu ergreifen, um Muanga zur Vernunft zu bringen. »Ich muß mich«, schreibt Mackay, »damit zufriedengeben, allein hierzubleiben – aber doch nicht allein. Noch kann ich den wenigen Übriggebliebenen unserer jungen Gemeinde durch meine Gegenwart dienen, und unser Gott wird bessere Zeiten für uns kommen lassen.«
Bisher hatte Mackay immer einen oder mehrere Mitarbeiter, von denen einige treue und brave Kampfgenossen waren. Wir erinnern uns noch an den ersten, der mit dem Leutnant Smith den Boden Ugandas betreten hatte, an den Rev. Wilson. Er holte seinerzeit Mackay von Kagai ab und führte ihn nach Rubaga. Nach zwei Jahren aber mußte dieser mit gebrochener Gesundheit heimkehren. Von den anderen Genossen ist besonders O'Flaherty zu erwähnen, der am längsten dem Klima widerstehen und vier Jahre an Mackays Seite wirken konnte. O'Flaherty stand bei Mtesa gut angeschrieben. Seine ausgezeichneten Kenntnisse des Koran und seinen treffenden Witz konnte er im Kampfe mit den Muselmännern gut verwerten.
Einmal klagte der Araber Suliman die Engländer als die gierigsten Länderfresser beim Könige an und prophezeite, daß sie ganz Afrika aufessen würden. Mtesa ließ darauf O'Flaherty rufen, und dieser sagte: »Ja, ja, wir haben ganz Sansibar aufgegessen, Menschen, Häuser und Vieh und Bäume und alles. Nichts ist dort übrig als die Steine, die am Meeresufer liegen, und auch diese werden wir nächstens verschlingen. Auch dies Land werden wir verschlingen. Aber erst müssen wir etwas stärker werden, und da möchte ich den König bitten, mir einen großen Ziegenbock zu schenken, daß ich kräftiger werden kann.« Dieser Witz löste bei Mtesa ein wohlgefälliges Lachen aus. Als Anerkennung ließ er dem freimütigen Missionar eine fette Ziege geben.
Bei einer anderen Gelegenheit suchte der Araber dem Könige zu imponieren mit dem Hersagen eines langen arabischen Glaubensbekenntnisses, von dem niemand ein Wort verstand. O'Flaherty aber sang einen Vers der englischen Nationalhymne, worauf Mtesa meinte, das wäre gerade so schön wie das Arabische, er solle nur noch mehr singen.
O'Flaherty hatte Mtesa einmal gesagt, wenn er ihm Eisen zu Werkzeugen und Leute zur Arbeit liefere, wolle er nach Lehm graben, Ziegel brennen und ihm ein schönes Haus bauen. Für das Gelingen setze er seinen Kopf ein; vielleicht finde man bei dem Graben auch Silber im Boden. Dies Wort wirkte wie ein Funke im Pulverfaß. Alle schrien nach Silber, der Weiße habe seinen Kopf dafür verpfändet, jetzt solle er nach Silber graben. Auch der König stimmte schließlich bei und erklärte, am Hause liege ihm nichts, aber Silber wolle er haben. Dann ließ er seine Scharfrichter kommen und fragte den Missionar feierlich: »Willst du jetzt nach Silber graben oder deinen Kopf verlieren?« O'Flaherty suchte noch einmal das Mißverständnis aufzuklären und sagte dann bestimmt: »Da dir am Hause doch nichts gelegen ist, werde ich jetzt auch nicht nach Lehm graben; willst du aber meinen Kopf – hier ist er!« Die Araber triumphierten, die Häuptlinge riefen: »Recht so!« und ein hoher Beamter fing an, den Weißen zu verhöhnen. O'Flaherty aber fuhr ihn an: »Wie darfst du es wagen, des Königs Gast zu beleidigen?« Nun nahm Mtesa wieder das Wort, winkte den Scharfrichtern, sich zu entfernen, lobte den Missionar und sagte, nicht er, sondern Mackay wäre es, der sich weigere, für sie nach Silber zu graben. Alles stimmte natürlich auch jetzt wieder dem Könige bei; O'Flaherty aber nahm seinen Kollegen kräftig in Schutz und erklärte: »Wenn Mackay stirbt, sterbe ich auch. Er und ich sind eins.« Ein Muselmann brachte dann noch andere Anklagen vor, aber O'Flahertys Geistesgegenwart und witzige Gegenreden imponierten dermaßen, daß ihm kein Leid geschah und die Häuptlinge ihm nach der Versammlung allerlei Schmeichelhaftes sagten.
O'Flaherty erlebte den Regierungswechsel in Uganda nicht mehr. Noch vor Mtesas Tode mußte er gesundheitshalber die Arbeit einstellen und heimreisen. Unterwegs auf der Fahrt durch das Rote Meer erlag dieser wackere Kampfgenosse dem Fieber. Er durfte auf der Reise nach der irdischen Heimat in die himmlische eingehen.
Mackays trautester und treuester Freund, der die trübsten Stunden mit ihm durchwacht hatte, war der Missionar P. Ashe. Er stand drei Jahre, von 1883 bis 1886, an Mackays Seite und kämpfte mit ihm für Gottes Reich und Gottes Ehre. Mackay schreibt von ihm: »Ashe ist ein prächtiger Kamerad, ein sehr ernster Christ und ein treuer Missionar. Er ist mein anderes Ich. Wenn er zu euch kommt, so denkt, ich käme.«
Nun mußte er auch diesen Trost entbehren und auf dem gefährlichen Posten allein noch neun Monate aushalten. Daheim lebten die Seinen in beständiger Sorge um ihn. Er tröstete sie aber in seinen Gefangenschaftsbriefen und versicherte ihnen, daß er sich wohlbefinde und solange ausharren wolle, als es möglich sei. Heimlich zu fliehen, hätte er wohl Gelegenheit, er würde aber sich dazu nur in der äußersten Not entschließen. Mit fieberhafter Eile arbeitete er unterdessen an der Vollendung seines Lieblingswerkes, an der Übersetzung des Matthäusevangeliums. Die zuverlässigsten Wagandachristen halfen ihm tapfer dabei, die klarsten Ausdrücke für ihre Sprache zu finden. Was fertig war, wurde sofort gedruckt und von der Presse weg verkauft. Der Hunger nach Gottes Wort war zu dieser Zeit so groß, daß eine große Kiste mit Testamenten, die von England geschickt wurden, innerhalb zehn Tagen ausverkauft war.
Mackay ahnte, daß bei dem zunehmenden Einfluß der Araber am Hofe seines Bleibens nicht allzulange mehr sein würde. Nun hatten die Christen doch wenigstens ein ganzes Evangelium in ihrer Sprache in der Hand, um daraus selbst ihre Seelen nähren und stärken zu können, falls sie des Lehrers und Hirten beraubt würden.