Unter der Hand konnte der erkrankte Missionar O'Flaherty fortgeschafft werden. Mackay und Ashe waren nun allein auf dem Kampfplatz. Sie erfreuten sich noch einige Zeit größerer Freiheit und geringerer Ungnade. Dann brannte Muangas »Palast« völlig nieder. Man beschuldigte die Christen der Brandstiftung, fand aber beim König kein Gehör. Am Tage nach dem Brande schlug der Blitz dicht neben dem Hause ein, das der König bezogen hatte. Halbtoll vor Furcht floh Muanga und wählte sich eine andere Residenz am See. Dort besuchte ihn Mackay einige Male und tröstete ihn durch Geschenke.

Trotz des Verbots, daß bei Todesstrafe sich niemand dem Missionsgehöft nähern dürfe, wuchs die Zahl der Christen beständig. Die zuvor eingesetzten eingeborenen Ältesten taten treu ihre Pflicht, und die bekehrten Waganda verbreiteten in ihren Dörfern die Botschaft vom Heil in Christo. Unter dem Schutze der Nacht wagten heilsbegierige Seelen den Gang zum Missionshaus und ließen sich unterweisen und taufen. Anfang 1886 bestand die Gemeinde aus 150 Seelen.

Unter den neubekehrten war auch eine Prinzessin namens Nalumasie. Sie warf die ihrer Obhut anvertrauten Amulette, Zaubersachen und Ahnenreliquien ins Feuer. Das wurde dem König hinterbracht, der darüber sehr ungehalten war. Kurz darauf mutete er einem seiner Pagen eine unnennbare Schandtat zu, der sich der christliche Jüngling mutig und entschieden widersetzte. Das erregte des Königs heidnischen Zorn in hohem Maße. Er schlug den Pagen und den Palastmeister, der auch »lesen« konnte, mit seinem Speere blutig und befahl, sofort alle Christen zu fangen und niederzumetzeln. Alle Häuptlinge erhielten die strenge Weisung, ihre christlichen Untertanen anzuzeigen und auszuliefern.

Noch am selben Tage wurden zwölf Jünger Jesu auf offener Straße mit Keulen erschlagen oder von Speeren durchbohrt. Viele andere wurden gefangen gesetzt. Im Missionshaus war gerade Unterricht, als ein Eilbote vom Hofe die drohende Gefahr ansagte. Die Schüler hatten eben noch Zeit, sich den Häschern durch schnelles Verschwinden durch Seiten- und Hintertüren zu entziehen. Der Gemeindeälteste Munjago war in seiner Hütte mit anderen zum Gebet versammelt, als die Scharfrichtergehilfen erschienen. Die erschreckten Christen brachen durch die Rohrwände der Hütte und suchten das Weite, aber Munjago blieb. Angesichts einer an der Tür stehenden Flinte wagten die Häscher nicht, näher zu kommen. »Fürchtet nicht, daß ich euch erschieße,« rief ihnen der Älteste zu und ließ sich dann ruhig fassen und fesseln.

Die evangelischen Missionare wandten sich an die katholische Mission und baten um ihre Mitwirkung zu dem Versuch, das Leben der Gefangenen zu retten. Der Bischof lehnte es aber mit einer nichtssagenden Begründung ab, sich in dieser Angelegenheit mit den Evangelischen zu verbinden. Nun trat Mackay allein den sauren Gang zum König an. Kurz vorher hatte er Muangas Lieblingsflinte repariert. Als Dank dafür wurde ihm ein Wunsch freigestellt. Daran erinnerte er jetzt den König. »Was willst du denn haben?« fragte Muanga. »Ich bitte um das Leben derer, die noch verhaftet, aber noch nicht hingerichtet sind.« Der König erwiderte: »Sie sind alle tot.« Als Mackay dies bezweifelte, gab ihm Muanga das Versprechen, daß den Gefangenen kein Leid geschehen solle. Ein Strahl der Freude glitt über das sorgenvolle Antlitz unseres Kämpfers. Aber wer konnte dem Wort dieses wankelmütigen Blutmenschen trauen? Die Christen blieben in Haft, und Mackay erhielt trotz wiederholter Anfragen und Bitten keine weitere Audienz in dieser Sache.

Unter schrecklicher Spannung, die oft schlimmer als die gefürchtete Gewißheit ist, kam der denkwürdige 5. Juni heran. An diesem Tage wurden 32 von den gefangenen Christen lebendig verbrannt. Einigen hackten sie zur Mehrung ihrer Qual zuerst Arme und Beine ab; dann warf man die verstümmelten Körper in die Glut. Die Märtyrer gingen alle freudig in den Tod und beteten wie Jesus und Stephanus noch für den König, für das Vaterland und für ihre Mörder. Auf den obersten Scharfrichter machte dies einen so tiefen Eindruck, daß er es dem König berichtete und hinzufügte, er hätte noch nie Leute mit solcher Tapferkeit und solchem Mut sterben sehen. Der grausame Nero aber hatte für dieses Heldentum nur den leichtfertigen, vom Hofe mit satanischem Gelächter unterstrichenen Spott: »Aber ihr Gott hat sie doch nicht aus meiner Hand gerettet!«

Aber »das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche«. Diese alte Wahrheit sollte sich auch hier aufs neue bestätigen. Obwohl der Besuch des Missionsgehöftes jedem Eingeborenen bei Todesstrafe verboten war und die Missionare ihr Haus nicht mehr verlassen durften, konnten doch in dieser schwersten Zeit noch elf Taufen vollzogen werden. Diese Täuflinge wurden tatsächlich in den Tod hineingetauft, wie der Apostel Paulus von sich und den Gläubigen in Rom zu Neros Zeit aussagt. Mackay war in diesen dunkeln Tagen wohl gebeugt und traurig, unsagbar traurig im Blick auf die bleichenden Gebeine seiner Brüder, aber nicht hoffnungslos, denn er schreibt: »So gewiß wie wir wissen, daß morgen die Sonne wieder aufgeht, wissen wir auch, daß dies unglückliche Land wieder lichtere Tage sehen wird. Und bei alledem haben wir noch viel Ursache zur Dankbarkeit.«

Wie oft war seit seinem Wirken in Uganda unserem Helden schon das Todesurteil gesprochen! Aber der Herr war mit ihm, und Muanga fürchtete sich mehr, das Todesurteil vollziehen zu lassen, als Mackay sich fürchtete, es zu empfangen. Er hatte jenen Heldenmut, der auf die Drohung: »Vor der Menge der Pfeile und Lanzen werdet ihr die Sonne nicht sehen!« die überraschende Antwort gab: »Also kämpfen wir im Schatten!«

König Muanga. (Text siehe Seite [92].)