Als Nachfolger auf dem Thron wurde von den Großen des Landes Muanga, der siebzehnjährige Sohn Mtesas, gewählt. Von seinem Vater hatte Muanga wohl die Fehler, aber nicht die Vorzüge geerbt. Er besaß dessen grenzenlose Eitelkeit ohne seine Intelligenz und war trotz seiner Jugend und seiner Bekanntschaft mit der Mission und Gottes Wort schon ein Meister in allen heidnischen Lastern. Seinen Brüdern und den Ministern des Vaters ließ er gegen die Landessitte das Leben, aber den Missionaren machte er bald das Leben schwer. Er war ein Spielball der fremden- und christusfeindlichen Parteien am Hofe und schwankte wie ein Rohr hin und her in seinen Meinungen und Handlungen. Eine seiner ersten »königlichen« Handlungen war, daß er die katholische Gegenmission, welche dem Lande den Rücken gekehrt hatte, wieder zurückrief.

Um recht zu verstehen, was nun folgt, müssen wir im Auge behalten, daß damals die Zeit der kolonialen Erwerbungen an der Ostküste war, wo die Deutschen einen Landstrich nach dem anderen in Besitz nahmen und die Engländer ebenso taten. Der alte Argwohn und die alte Furcht von der Eroberung des Landes durch die Weißen lebte dadurch neu auf und setzte sich besonders in Muangas engbegrenztem Gehirn mit der Macht einer fixen Idee fest. Und die Missionare wurden mehr denn als je als Vorläufer und Spione feindlicher Überfälle und Eroberungen beargwöhnt und bewacht. Ihr Leben schwebte nun täglich in Gefahr.

Im Januar 1885 erbat sich Mackay vom König die Erlaubnis, nach Kagai zu reisen. Sie wurde ihm gewährt und zugleich angekündigt, daß ihn ein Araber begleiten solle. Das war verdächtig. Denn der Muselmann galt als Erzfeind Mackays. Trotzdem wurde aus der Begleitung nichts, und Mackay reiste mit Missionar Ashe und einigen bekehrten Wagandajungen ab. Auf dem Wege nach dem Hafen wurden sie in einem dichten Walde von einer bewaffneten, von jenem Araber befehligten Bande überfallen und zur Rückkehr gezwungen. Die Knaben aber wurden gefangen, mißhandelt und gefesselt zurücktransportiert. Mackay wandte sich in der Hauptstadt beschwerdeführend an den Kanzler, erhielt aber statt einer Genugtuung nur die Drohung, sie würden am nächsten Tage sämtlich aus dem Lande gejagt werden. Das auszuführen hatte der heuchlerische Katikiro glücklicherweise nicht den Mut, an den armen Wagandaknaben aber ließ er seinen ganzen Zorn aus. Die Missionare ahnten das Schlimmste und boten alles auf, ihre Lieblinge zu retten. Es half nichts. Sie wurden am 31. Januar 1885 in der Nähe der Stadt unter ausgesuchten Martern über langsamem Feuer geröstet und verbrannt. Aus den Flammen aber erscholl der Gesang: »killa siku tansifu!« (täglich, täglich loben wir Dich!). Die ersten Märtyrer Ugandas! Sie starben wie Helden mit Lobgesängen auf den Lippen und besiegelten ihren Glauben mit ihrem Blute. Es waren drei Knaben im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren.

Den Missionaren blutete das Herz, als sie hörten, was vorgefallen war. Sie stärkten sich aber durch den Glauben, daß die Pforten der Hölle die Gemeinde Christi nicht überwältigen können und arbeiteten in der Stille rüstig weiter. Den Unterricht erteilten sie geheim an verschiedenen Orten, um ihre Zöglinge, die gar nicht abgeschreckt waren, vor den Häschern zu schützen. Einige Zeit erfreuten sie sich der Ruhe, und es schien, als sollten bessere Tage wiederkehren. Der König versicherte Mackay, daß das Blutbad an den Christen nicht von ihm, sondern nur von dem Kanzler ausgegangen sei, und forderte den Missionar auf, ihn auf seiner üblichen Reise durchs Land zu begleiten. Auf dieser Reise befand sich außer Mackay auch der Pater Lourdel als Vertreter der katholischen Mission im Gefolge des Königs. Ugandas Könige liebten es, durch ein aus allerlei Nationalitäten zusammengesetztes Gefolge den Untertanen zu imponieren.

Nach einem Volksglauben sollten die schlimmsten Feinde Ugandas nicht aus dem Süden, sondern vom Osten her zu erwarten sein. Es herrschte deshalb eine abergläubische Furcht vor allen Fremden, die sich an dieser »Hintertür« des Landes zeigten. Mackay und alle seine Mitarbeiter kamen vom Süden über den See ins Land. Unglücklicherweise wählte aber in dieser Zeit ein anderer die Route von Mombas durch Usoga nach dem Nil, um Uganda auf diesem kürzeren Wege zu erreichen. Er mußte also durch die gefürchtete Hintertür kommen. Es war der Bischof Hannington, der als Missionsbischof sich dem Werke widmen wollte. Kurz vorher waren auch die deutschen Kriegsschiffe vor Sansibar an der Ostküste zur Unterstützung der Besitznahme unserer heutigen Kolonie Ostafrika erschienen. Das erregte Muangas Argwohn aufs äußerste. Es erschien ihm zweifellos, daß nun die Weißen kämen, um auch sein Land zu »essen«, und daß der Bischof nur ein Vorbote dazu war. Er sandte deshalb heimlich Botschaft an den von ihm abhängigen Häuptling Luba in der Landschaft Usoga und befahl ihm, den Bischof zu ermorden. Hannigton war mittlerweile in Lubas Dorf am Nil angelangt. Nur die brausenden Wasser, die sich aus dem Viktoriasee durch die Ripponfälle nach Norden wälzen, trennten ihn noch von dem Lande seiner Sehnsucht. Von brennendem Verlangen getrieben, stieg er auf eine Anhöhe, um, wie Moses vom Pisga, das ersehnte Land zu schauen. Da überfielen die Häscher Lubas den Wehrlosen, banden ihn, stießen ihn vor sich her und setzten ihn gefangen.

Mackay hatte von Muangas Blutbefehl gehört und versuchte alles, den armen Bischof zu retten. Täglich erbat er sich Audienz beim Könige, ohne sie zu erlangen. Er klammerte sich dann in seiner Herzensangst an die Hoffnung, daß Gott die Gebete um Rettung Hanningtons erhören und ein Wunder zu seiner Befreiung tun werde. Vorher hatte er auch heimlich einen Warnungsbrief an den Bischof geschickt. Der Bote aber kam zu spät. Am 29. Oktober 1885 wurde Hannington mit fünfzig seiner Leute auf erneuten, strengen Befehl Muangas ermordet!

In den Briefen Mackays aus jener Zeit zittert die Erregung und das Weh über diesen Mord in allen Schwingungen nach. »Unsere Sache steht in Gottes Hand; Sein Wille geschehe auch an uns. Es ist aber eine peinliche Lage, wenn einem das Schwert immer über dem Haupte hängt. Der höchste Minister oder Richter (Katikiro) ist unser schlimmster Feind. Dieser Brief wird vielleicht aufgefangen, denn wir müssen ihn heimlich abschicken.... Wir leben noch in großer Angst, aber bisher hat uns der Herr gnädig vor diesem gott- und sinnlosen Menschen geschützt. Er, der von Anfang an auch das Ende sieht, ist unsere einzige Hoffnung und Zuflucht, denn hier kann uns jetzt keine Macht der Erde schützen.«

Wir hören aus diesen Mitteilungen, daß seit dem Auftreten des Missionsbischofs und der deutschen Flotte an der Küste das Leben der Missionare in größter Gefahr schwebte. Nach einer geheimen Verabredung des Königs und der vornehmsten Häuptlinge sollten sie alle umgebracht werden. Sofort rafften sie ihre wertvollsten Sachen zusammen, um sie Muanga als Geschenke zu überbringen, verrieten aber nicht, wer ihnen den Plan hinterbracht hatte. Der König überhäufte sie, nachdem er die Geschenke angenommen, mit Droh- und Schimpfreden. Er werde alle, die ins Missionshaus gehen, töten und die Missionare in den Stock legen lassen. Dann möge ganz Europa kommen, um sie zu befreien! Lukonge, der Ukerewekönig, hätte doch auch zwei weiße Männer getötet, und die Engländer hätten ihm nichts anhaben dürfen. Mackay schwieg still und wagte nicht, auf den Tod des Bischofs anzuspielen.

Ein Lieblingspage des Königs, der die anderen Diener zu befehligen hatte, wagte eines Tages zu sagen, daß es nicht recht war, den Bischof zu töten, da die Weißen nur dem Wohle des Landes dienen wollten. Der kühne Sprecher, ein katholischer Christ, wurde sofort dem Scharfrichter übergeben und lebendig verbrannt.

Mackay dachte nun, es sei an der Zeit, sich aus Uganda zu entfernen und bessere Tage zur Wiederkehr abzuwarten. Er und die anderen Missionare wurden aber so beobachtet, daß an eine heimliche Abreise nicht mehr zu denken war. Der König erklärte, er ließe sie nicht ziehen und wenn siebzig Briefe von England kämen. »Ein großer König, wie ich bin,« fügte er anmaßend hinzu, »darf auch nie ohne einen Mann sein, der ihm seine Gewehre und andere Sachen in Ordnung halten kann.«