»Eine große Persönlichkeit bemerkt man nicht allein, wenn sie gegenwärtig ist; man wird ihren Wert dann noch mehr inne, wenn die Stelle leer ist, die sie einnahm.« In England wurde der Heimgang Alexander Mackays als ein nationaler Verlust allgemein empfunden und tief betrauert. Die Zeitungen des ganzen Landes brachten anerkennende Leitartikel über ihn, ein Beweis, daß die Welt ab und zu doch noch einen Missionar zu schätzen weiß, wenn er auch nicht auf außergewöhnliche Weise sein Leben verloren hat wie Hannington. Privatbriefe voll Trauer liefen bei dem gebeugten Vater aus allen Gegenden ein, und viele kirchliche Körperschaften sandten besondere Beileidsadressen. Der Anzeiger der Church Missionary Society, der Mackay angehörte, schrieb: »Obwohl wir A. Mackay sehr hoch schätzten, waren wir doch nicht auf das Maß von Teilnahme und Bewunderung gefaßt, welches sein Tod hervorrief. Wir gestehen offen, daß wir nicht wußten, welche hohe Achtung er in der öffentlichen Meinung gewonnen hatte.«
Colonel Grant, einer der beiden Reisenden, die Uganda zuerst kennen lernten, bricht in das Lob aus: »Der Verlust, welcher die Zivilisation in Zentralafrika getroffen, ist nicht leicht wieder wettzumachen. Denn aus zwanzig unter uns könnte man noch nicht einen Mackay machen.« Ein Begleiter Stanleys, der Offizier Jephson, welcher drei Wochen Mackays Gast in Usambiro war, sagt in einem ergreifenden Briefe an den Vater u. a.: »Als eine Handvoll zusammengebrochener, verbitterter Männer kamen wir auf seiner Station an, und dank seiner Güte traten wir die Reise nach der Küste mit frischem Eifer und neuer Liebe zu unserem Werke an. Die einsame Gestalt, die auf dem Kamm des Hügels stand und uns noch Grüße nachwinkte, wird mir immer in Erinnerung bleiben. – Der Name ihres Sohnes ist auf der Liste der großen Männer, die ihr Leben in der furchtlosen Ausübung ihrer Pflicht verloren haben. Die Eingeborenen schienen nur ihn zu lieben und nur ihn zu kennen.«
All diese Lobpreisungen haben freilich vorzugsweise die kulturelle Seite der Arbeit Alexander Mackays im Auge. Es wäre aber ungerecht, seine Missionstat so einseitig aufzufassen. »Ein Mann, der heute mit den Mohammedanern theologische Streitfragen ausfechten muß und furchtlos Christum als Sohn Gottes und der Welt Heiland bekennt und morgen sich damit zufriedengibt, stundenlang Knaben lesen zu lehren und einfache Bibeltexte zu erklären und am dritten Tage geduldig die Worte des Lebens in eine Sprache übersetzt, die keine Sprachlehre noch Wörterbuch hat – solch ein Mann war kein gewöhnlicher Missionar«, ist mehr als ein Industriemissionar, ist ein Apostel Jesu Christi! Sein treuster Freund und Waffengefährte, der Missionar Ashe, sagt von Mackay, daß er zu den Wenigen gehörte, welche furchtlos vorwärtsblicken und auf uns den Eindruck machen, als ob sie das Antlitz des lebendigen Gottes sähen. Nie sei er an einem Menschen oder einer Sache verzweifelt, ein Mann, auf den man bauen konnte. Vierzehn Jahre hat er in Afrika ausgehalten, vierzehn Jahre voll Widerspruch, Gefahr, Fieber, Herzeleid, Enttäuschung – und bei alledem sei er fest und unbeweglich geblieben in dem Werk des Herrn. Er habe an seinem Leben und seiner geduldigen Liebe gesehen, daß ein frommer Mensch eine wunderbare Höhe der Christusähnlichkeit erreichen kann. »Mackay war ein demütiger, reiner, hochherziger Mann – mit einem Wort: ein großer Missionar!«
Wir legen diesen Immortellenkranz im Geiste auf jenes einsame Grab mit dem kleinen Marmorkreuz unter den Palmen Ostafrikas und geloben, uns für das Große so zu begeistern und im Kleinen so treu zu sein, wie Alexander Mackay, der Held von Uganda, es war. Wir wissen, daß er zu denen zählt, die ihre Kränze und Kronen vor dem Throne Gottes und des Lammes niederlegen, und sprechen: »Herr, Du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft. Denn Du hast alle Dinge erschaffen, und durch Deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen.«
Wir dürfen aber von dem einsamen Kreuze nicht scheiden, ohne noch einen flüchtigen Blick auf die Hügel und Hütten Ugandas zu werfen. Mackay hat nicht mehr erlebt den traurigen Bürgerkrieg zwischen katholischen und evangelischen Christen, zwischen seinen geistlichen Kindern und denen des Pater Lourdel, in dem die Römischen als Anstifter unterlagen; nicht mehr erlebt die gewaltige Bewegung zum Evangelium, die in der Missionsgeschichte beispiellos dasteht. Er sah nicht mehr das Gotteshaus in der Hauptstadt mit den viertausend Sitzplätzen und die heilshungrigen Scharen den Missionaren die Häuser stürmen, wenn eine Kiste mit Bibeln angekommen war. Er sah nicht mehr, was unsere Augen sehen: das einst so blutgetränkte Uganda überzogen mit einem Netz von Missionsstationen, mit Kapellen und Schulen und einer Schar eingeborener Evangelisten.
In den letzten fünf Jahren hat die Mission Mackays 35 000 meist erwachsene Heiden in Uganda getauft. Die Gemeinde, welche Mackay 1882 mit fünf Wagandaknaben gründete, vier Jahre später fast hundert Blutzeugen zählte und 1887 einer zerstreuten und hirtenlosen Herde glich, in die der Wolf gefahren ist, diese Gemeinde umfaßt heute mehr als 60 000 Glieder, hat neben den englischen Missionaren dreißig eingeborene, ordinierte Pastoren und 2500 sonstige Lehrer und Gehilfen, die, soweit sie besoldet sind, von der Wagandakirche unterhalten werden. In den zahlreichen Schulen werden jetzt über 32 000 Kinder unterrichtet, und der jährliche Zuwachs beträgt 670 Schüler.
Das hat Mackay alles nicht mehr hören und sehen können, und doch ist es der Baum, den er einst im Glauben gepflanzt und mit aufopfernder Geduld und Hoffnung bis an sein Ende gepflegt hat. Weil er den Brunnen so tief grub, springt heute das Wunderwasser so hoch. »Er war gesetzt, Frucht zu bringen und eine Frucht, die da bleibe« und hat sich den hohen Titel, den ihm dankbar die Nachwelt gibt, zur Ehre seines Meisters wohl verdient.
Verdrängt, verjagt, besiegt und ausgefegt
Und doch ein Held, der ewig Palmen trägt!
Das ist Alexander Mackay. Möge sein Andenken neue Gnade auf uns bringen!