Viertes Kapitel.
Der Kampfplatz

Vor einem halben Jahrhundert war Ostafrika noch ein völlig verschlossenes Land. Man hielt es für eine wasserarme Wüste. Die Anregung, dieses Land geographisch zu erschließen, haben vornehmlich evangelische Missionare gegeben. 1844 eröffnete der sprachenkundige deutsche Missionar L. Krapf in Mombas an der Ostküste die erste ostafrikanische Missionsstation. Zwei Monate später begrub er Weib und Kind. Selbst schwer krank schrieb er an die »Christliche Missionsgesellschaft«: »Sagen Sie unseren Freunden, daß in einem einsamen Grabe an der ostafrikanischen Küste ein Glied Ihrer Mission ruht. Das ist ein Zeichen, daß Sie den Kampf mit diesem Weltteil begonnen haben. Da die Siege der Kirche über die Gräber von vielen ihrer Glieder führten, können Sie desto mehr überzeugt sein, daß die Stunde naht, in welcher Sie berufen sind, Ostafrika von der Ostküste aus zu bekehren.« In dem württembergischen Landsmanne Joh. Rebmann erhielt Krapf einen heldenhaften Mitarbeiter. Beide Männer haben sich um die Mission sehr verdient gemacht durch ihre sprachlichen Arbeiten. Außerdem haben sie große geographische Verdienste besonders durch die Entdeckung der innerafrikanischen Schneeberge Kilimandscharo und Kenia.

Ihre Berichte von dem Vorhandensein eines großen Binnenmeeres im Inneren Afrikas riefen großes Erstaunen wach und führten zur Entsendung einer ganzen Reihe von Entdeckungsexpeditionen.

Seit Jahrtausenden barg dieses Landgebiet ein viel umstrittenes Rätsel, das uralte Geheimnis der Nilquelle. Die Mitteilungen der deutschen Missionare regten den Forschergeist aufs neue mächtig an und gaben wichtige Winke zur Lösung des harten und alten Rätsels.

Die englischen Forscher Speke und Grant wagten sich zunächst soweit vor, daß sie die beiden großen Binnenseen, den Tanganjika und den Ukerewe, entdeckten. Bei einer zweiten Expedition, die Speke allein unternahm, blieb er drei Jahre in dem dunkeln Gebiet ohne Lebenszeichen an die Außenwelt und überraschte plötzlich die ganze Welt mit dem in Ägypten aufgegebenen Telegramm: »Die Nilquelle ist entdeckt.« Speke meinte in dem Ukerewesee die langgesuchte Nilquelle gefunden zu haben. Speke verfolgte den Lauf des Nilstromes aufwärts bis in diesen See. Da er aber keine Zuflüsse am Viktoria Niansa, wie Speke den See nannte, fand, sah er den See selbst als Quelle des großen Stromes an. Spätere und genauere Forschungen führten aber doch zur Entdeckung eines Zuflusses. Man verfolgte denselben und fand seine Quellen in den Schnee- und Eisregionen des Mondgebirges im Südwesten des Sees. Die Wasser dieser Hochgebirge fließen als Alexandranil in den Viktoria Niansa, von diesem durch die Ripponfälle als Somersetnil in den Albertsee und von hier als Nil weiter nach Norden und Ägypten. Das ist des uralten Rätsels endliche Lösung.

Schon durch Spekes treffliche Reisebeschreibungen wurde die Aufmersamkeit auf den herrlichen Viktoriasee und seine bevölkerten Uferländer gelenkt und Uganda am Nordufer als das schönste und mächtigste Reich im Inneren bezeichnet. Die Missionsstationen, welche heute so zahlreich im Seengebiet der Nilquelle sich finden, sind das Denkmal des Missionars Livingstone, des Königs unter den Entdeckern, der, von Süden kommend, bis zum Nordende des Tanganjika vordrang. Den äußeren Anstoß zur Ugandamission aber gab der kühne Amerikaner Stanley, der sich aufgemacht hatte, den verschollenen Livingstone zu suchen und ihn zur Freude der zivilisierten Welt in Udschidschi am Ufer des langgestreckten Sees Tanganjika auffand. Der Amerikaner wurde durch den Engländer bei dieser Gelegenheit für die Interessen der Mission gewonnen. Stanley weihte sich der Fortsetzung des Livingstoneschen Werkes, Afrika für die christliche Kultur und Predigt zu erschließen und den furchtbaren Sklavenhandel abzuschaffen. Nach Livingstones Tode – er starb auf den Knien betend 1873 in Tschitambo im Inneren Afrikas – trat Stanley seine erste große Reise durch den dunkeln Weltteil an, welche den Lauf des Kongo festlegte. Auf dieser Tour hielt er sich einige Monate bei dem König Mtesa von Uganda auf und schrieb von hier aus jenen enthusiastischen Brief an die englischen Christen, der die bekannte elektrisierende Wirkung ausübte und zur Gründung der Mission in Uganda führte.

Das Königreich Uganda, dessen Einwohner auf eine Million geschätzt wurden, machte auf alle Entdeckungsreisende äußerlich den besten Eindruck. Das Land ist bergig und schön gelegen, der Boden fruchtbar und birgt Eisen, Kristall und Töpfererde. Die Täler werden von Sümpfen und Mooren durchzogen, in denen sich Elefanten und Büffel aufhalten. Produkte sind Kaffee, Tabak, Zuckerrohr, Mais, Bohnen und Bananen von vorzüglicher Qualität. Das ganze Gebiet ist ein Bananenwald.

Die Einwohner heißen Waganda. Sie unterscheiden sich vorteilhaft von anderen Völkern des Nilquellengebiets durch Reinlichkeit, zureichende Bekleidung aus Pflanzenstoff oder Fellen und durch den Mangel jeglicher Tätowierung oder Verstümmelung des Körpers. Sie wohnen in sorgfältig gebauten, kegelförmigen Grashütten, die sie sehr schnell herstellen können. Stanley sah am Viktoriasee Mtesas Armee in 30 000 rasch gebauten Hütten lagern. Ihre primitiven Hausgeräte, ihre Bänder, Schnüre und Werkzeuge verraten industriellen Sinn. Die Männer beschäftigen sich mit Hüttenbau, Kriegführen und Jagen. Den Frauen überlassen sie Ackerbau und Viehzucht. Hauptnahrungsmittel sind Bananen und süße Kartoffeln. Der Kaffee wird nicht gekocht, sondern als Delikatesse gekaut. Wer da weiß, was sich in Uganda schickt, der hat stets Kaffeebohnen bei sich, um sie Freunden anzubieten. Aus den Bananen bereiten sie verschiedene Sorten Wein in großen Mengen. Die Waganda sind Helden im Saufen und Fressen. Einem Reisenden zeigte man einen Mann, der eine ganze Ziege auf einen Sitz verzehren konnte. Bei Festlichkeiten saufen sie den leichten Wein aus Trögen wie das liebe Vieh. Schnupfen und Tabakkauen überlassen die Frauen den Männern. Im Rauchen aber geben sie ihnen nichts nach.

An Waffen haben sie Schild, Speer, Bogen und vergiftete Pfeile. Jeder Mann, der die Waffen führen kann, ist Soldat. Ertönt die Kriegstrommel, dann entledigen sie sich der Kleider bis auf ein Lendentuch, bemalen das Gesicht und eilen mit den Waffen zum Sammelplatz. Die Jugend übt sich in Spiel und Wettkampf. Der Geselligkeit dienen Musik, Gesang und Tanz. Sie haben ein verhältnismäßig gutes Zahlensystem.

Die Regierungsform ist ein eingeschränktes Königtum. Dem König stehen drei Oberhäuptlinge zur Seite, die einen bedeutenden Einfluß auf die Regierung besitzen. Trotzdem verfügt der König noch über eine große Macht, z. B. über Leben und Tod sämtlicher Untertanen. Für die Masse des Volks ist er unnahbar. Seine ständigen Begleiter sind der erste Beamte des Reichs (der Katikiro), der Hofkoch und der Hofbräuer. Diese drei bilden mit vier anderen Häuptlingen den sogenannten Luchiko (Hohen Rat). Am Hofe herrscht ein übertriebenes, unwahres Zeremoniell. Fremde werden stets mit großem Pomp empfangen. Seine Majestät sitzt dann auf seinem Thron, umkauert von Hofschranzen und Zauberern aller Art. Als der englische Forschungsreisende Speke Audienz hatte, saß er, unfähig, sich zu unterhalten, etwa eine Stunde stumm vor dem König, gaffend und begafft, bis Mtesa sich mit der Frage erhob, ob er ihn nun gesehen habe. Dann entfernte er sich mit einem nach außen gespreizten Gang. Das soll dem Löwen abgesehen sein und in Uganda als majestätisch gelten. An Zauberei ist soviel vorhanden, daß der König stets in einer Wolke von abergläubischem Unsinn wandelt und handelt.