Die Gerichtsbarkeit üben die Häuptlinge. In besonderen Fällen entscheiden die Hofbeamten oder der König. Auf Ehebruch steht Todesstrafe. Mord wird gewöhnlich durch Geldstrafen, Diebstahl durch Verlust der Hände oder Ohren oder Nase gesühnt. Mtesa hält ein Heer von Scharfrichtern, die am fantastischen Kopfputz erkenntlich und sehr gefürchtet sind. Der Kontrast zwischen ihrem grausigen Treiben und der friedlichen Natur wird von einem Reisenden auf dem Wege von der Hauptstadt Rubaga nach dem Viktoria Niansa sehr scharf gezeichnet. »Wie durch einen Garten wandeln wir durch Bananenwälder und Hütten dahin. Beständig wechseln künstliche und natürliche Gärten. Ein schönes und gesegnetes Land mit seinem roten Boden, seinen grünen Gärten, seinen luftigen Bergen, seinen lauschigen und dunkeln Tälern. Verschwenderisch hat die Natur ihre Reize gespendet, und nur der Mensch stört die Harmonie des Bildes. Kadaver mitten auf dem Wege zwingen uns, auszuweichen. Rauschenden Fluges verlassen die Geier eine grausige Mahlzeit. Vier Leichen liegen da; alt und jung hat sie der Henker hier zusammengerafft, dem einen die Kehle bis zur Wirbelsäule durchschneidend, dem anderen mit wuchtigem Hiebe den Hinterkopf zerschmetternd. Und täglich und stündlich ziehen an ihnen die Leute vorüber, vielleicht bald selbst ähnlichem Geschick verfallend.«
Zur Grausamkeit gesellt sich eine große Sittenlosigkeit, eine Folge der Vielweiberei. Der König hat etwa 7000 sogenannte Frauen. Die Großen seines Reiches tun es ihm nach, und in den niederen Klassen herrscht ein empfindlicher Mangel an Frauen.
Über die Religion der Waganda sei zum besseren Verständnis der folgenden Kapitel hier auch einiges vorausgeschickt. Sie glauben an ein höchstes Wesen, das Welt und Menschen schuf und das sie Katonda nennen, d. h. Schöpfer. Da er aber zu erhaben ist, um sich um Menschen zu kümmern, leisten sie ihm keine Verehrung, sondern nur den niederen Göttern oder Dämonen, die sie Lubare nennen. Diese Dämonen lassen sich an bestimmten Orten nieder und beherrschen bestimmte Gegenden und Dinge. Der gefürchtetste Lubare ist Mukasa, der Gott des Niansa, der wie eine Art Neptun im Wasser lebt, den See beherrscht und auf Uganda großen Einfluß hat. Von Zeit zu Zeit zieht er aber vor, in irgend einer Person zu wohnen, die sein Orakel wird, übernatürliche Kräfte besitzt, Kranke heilen, Regen machen, Krieg, Teurung und Seuchen bringen und weissagen kann und auf die Regierung, sowie auf das Volksgemüt einen furchtbaren Einfluß ausübt. Vor Antritt einer Reise wird diesem Geist ein Fruchtopfer geweiht und unter Gebet ins Wasser geworfen. Die Kriegsgötter Chikwuka und Neuda wohnen auf Bäumen. Ihnen bringt man schwarze Tiere zum Opfer, ehe es in den Krieg geht. Die Flußgötter begnügen sich meistens nur mit Menschenopfer. Die verstorbenen Könige werden ebenfalls als Götter betrachtet. Die über ihren Gräbern erbauten Hütten werden von Häuptlingen bewacht, gelten als Orakelstätten und sehen oft Menschenopfer. Eine Schar von Medizinmännern fabrizieren und verkaufen dem abergläubischen Volke, dessen Glaube wie überall im Heidentum in der Furcht vor bösen Geistern besteht, allerlei merkwürdig geformte Talismane gegen die bösen Mächte. Die mohammedanischen Händler, die sich schon vor sechzig Jahren im Lande angesiedelt haben, machten die ersten Bekehrungsversuche. Sie haben aber wenig Erfolg. Wohl nennt sich Mtesa einen Anhänger des Islam, unterwirft sich aber nicht der Beschneidung. Hundert Jünglinge, die sich diesem Ritus unterzogen, ließ der König einfach verbrennen.
Durch Handelsbeziehungen mit der Ostküste und Sansibar wurde die Suahelisprache eingeführt und viel neben der einheimischen angewandt, ein Umstand, der für Mackay und seine Kampfgenossen sehr wertvoll war.
Nachdem wir nun mit Uganda etwas bekannt geworden, werden wir mit viel größerem Interesse die Erstlingsschar der Streiter Christi auf ihrem Marsche nach diesem Felde begleiten.
König Mtesa. (Text siehe Seite [26].)
Fünftes Kapitel.
Auf dem Marsche.
Wir haben Mackay verlassen, als er sich in Kottbus zur Rückreise nach England rüstete. Daß er sobald von der Missionsgesellschaft angenommen wurde, verdankte er u. a. auch der guten Empfehlung, die ihm sein väterlicher Freund in Berlin, der Hofprediger Baur, gab: »Ein Kind frommer Eltern, unermüdlich im Studium der Heiligen Schrift und von einem glühenden Verlangen beseelt, das Evangelium, dessen Kraft er an sich erfahren hat, auch anderen mitzuteilen, erscheint er mir als hervorragend geeignet für das Missionsfeld. Er ist selbstverleugnend im Lebensgenuß, bereit, anderen zu helfen, und ich kann mir gut vorstellen, daß er vermöge seiner selbstlosen Hingabe im Verein mit seinem klaren Verstand und entschiedenen Willen auch in schwierigen Lagen seinen Weg finden und nicht nur durch die Predigt des Wortes, sondern auch durch seine ganze Lebenshaltung einen wohltätigen Einfluß auf seine Umgebung ausüben wird.«
Im März 1876 ist er schon in London und rüstet sich zur Ausreise. Nach seinen persönlichen Angaben und unter seiner Aufsicht wird rasch ein zerlegbares Boot und ein zerlegbarer Dampfkessel zur Mitnahme gebaut. Dann galt es sich noch zu üben in allerlei Künsten, die auf dem Felde not sind, z. B. Impfen, Photographieren und Handhaben geographischer Instrumente. Dazu noch die tausenderlei Dinge, die eingekauft und mitgenommen sein wollten. Kaum nahm er sich Zeit, dem Vater und der Schwester Lebewohl zu sagen. Für weitere Verwandte oder Freunde war er in dieser Zeit überhaupt nicht zu haben.