Der Straßenbau war 230 englische Meilen weit gediehen. Da hörte Mackay, daß Leutnant Smith und O'Neill ermordet seien und Mtesa beabsichtige, zur Züchtigung des Häuptlings Lukonge eine Flotte von tausend Kanus hinzusenden. Diese Rache konnte das Unglück nicht ungeschehen machen, aber der Mission viel schaden. So schnell als möglich eilte daher unser Held vorwärts an die Stätte des Unglücks, um alle, die dem Häuptlinge Rache geschworen, zu besänftigen und weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Der Eilmarsch dauerte ein ganzes Vierteljahr, von März bis Juni 1878. Es ging oft durch riesenhafte Landstriche, die von erbarmungslosen Sklavenhändlern verheert waren. Die Erlebnisse Mackays würden Bände füllen, hätte er Zeit und Lust gefunden, alles niederzuschreiben. Nur einiges konnte er aufzeichnen und nach Hause berichten. Ein großer Häuptling verweigert ihm aus Furcht für sein kostbares Leben das Nachtquartier, aber ein kleiner teilt mit ihm die schmutzige Hütte, die zugleich Kuh- und Schafstall ist. Da kommt ein Streifzug der Wahehe, führt einen Kriegstanz vor der Hütte auf und verlangt einen Ochsen, den sie sofort erhalten. An Mackays Warenbündel zeigen sie ein besonderes Interesse, sind aber schließlich mit einer Elle Zeug zufrieden. Dann kam der Abschiedsgruß. Mackay saß auf dem Boden, neben sich die doppelläufige Flinte, die er aber nicht anrühren durfte. Er regte kein Glied, als sie mit eingelegten Speeren auf ihn losstürzten und hinter den großen bemalten Schilden aus Fellen einen Halbkreis um ihn schlossen. Einen Augenblick verharrten sie in dieser Stellung, dann senkten sie die Schilde und verneigten sich höflich. Hätte Mackay nur einmal nach seinem Gewehr gegriffen, wäre aus diesem Waffenspiel ein grausiger Ernst geworden.
Ein strömender Regen ging in der Nacht nieder, drang durchs Dach und machte die Hütte voll flüssigen Dunges. Über die Verpflegung während dieses Marsches schreibt er: »Ich bekomme jetzt einen dicken Brei von mwere und manchmal von mtama, das etwas besser ist zu essen, da die Diebe an meinem kleinen Vorrat von Zwieback Gefallen fanden. Mwere schmeckt wie Sägemehl und Asche, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran und würde es schließlich ganz genießbar finden, wenn nicht unter dem Mehl soviel Sand wäre. Tag für Tag auf die Nahrung angewiesen, die hier zu kaufen ist, lernt man so recht beten: ›Unser täglich Brot gib uns heute!‹ Oft bekommt man außer dem Korn noch ein Huhn. Aber schlimm ist es doch, nach dem ermüdeten Tagesmarsche sich erst etwas zum Essen auftreiben und dann warten zu müssen, bis das Korn zerstoßen und gekocht ist. Holz zur Feurung ist auch nur mit Mühe zu bekommen, und Trinkwasser, wenn man es so nennen darf, muß ebenfalls weit hergeholt werden. Frühstück und Mittagessen fallen da meistens zusammen. Da diese Mahlzeit erst gegen Abend zu bekommen ist, dient sie zugleich als Abendbrot. Aber wie im Psalm 104 geschrieben steht: ›die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott‹, so wahr ist es, daß ich nie Mangel hatte und sicher nie haben werde.«
Endlich erblickte er »den silberschimmernden See« und rief mit Inbrunst wie einst die Griechen des Anabasis: »Das Meer, das Meer!« Am 13. Juni erreichte er das Dorf Kagai am Südufer des Niansa, aber noch ein halbes Jahr sollte vergehen, ehe er seinen Fuß auf das jenseitige Ufer des Riesensees setzen und in Uganda Einzug halten konnte.
In einer großen, von dem Häuptling des Orts entliehenen Hütte, befand sich alles, was von dem wertvollen Eigentum der ihm vorausgegangenen Expeditionen noch übrig war. Die fürchterlichste Unordnung herrschte hier. Bücher, Muscheln, Gießformen, Papier, Angeln, allerlei Handelsartikel, Drucklettern, Zeltstangen, Patronen, Karbol, Sägen, Samen, Koffer, Konserven, Pumpen, Pflüge, Maschinenteile – alles durcheinander. Verzweifelt starrte Mackay nach der anstrengenden Reise auf diese Bescherung. Das Boot »Daisy«, welches in einzelnen Teilen auf den Köpfen der Träger den Weg von der Küste zum See gemacht hatte und von O'Neill zusammengesetzt worden war, lag in traurigster Verfassung da. Die heißen Strahlen der Tropensonne, die weißen Ameisen und Zähne der Flußpferde hatten ihm arg zugesetzt. Mehrere Wochen hatte Mackay vollauf zu tun, um einigermaßen Ordnung in dies Durcheinander zu bringen und das Boot flott zu machen.
Mit den Eingeborenen lebte er bald auf freundschaftlichem Fuße. Ihre Sprache ist mit der suahelischen, die Mackay bereits erlernt hatte, ziemlich verwandt. Er konnte sich also mit ihnen unterhalten und, dem Drange seines Herzens folgend, etwas von Gott und dem Heiland erzählen. Kam der Sonntag und die Arbeit ruhte, so fragten alle: Warum? Dann zeigte er seine Bibel, setzte ihnen auseinander, daß dies Buch Gottes Wort sei und Gott den Ruhetag eingesetzt hat. Viele zeigten Lust, lesen zu lernen, um selbst hören zu können, was Gott in diesem Buche für sie geschrieben hat.
Die missionarische Tätigkeit machte Mackay besondere Freude, offenbarte ihm aber auch die große Schwierigkeit derselben und die Notwendigkeit langer, gründlicher Pionierarbeit unter dem tief umnachteten Volk.
Siebentes Kapitel.
Blutsbrüderschaft mit dem Ukerewekönig Lukonge.
Etwas nördlich von dem Karawanenort Kagai liegt die Insel Ukerewe. Ihr König ist der berüchtigte Lukonge, welcher vor drei Monaten die beiden Missionare erschlagen ließ. Zu einem Rachekrieg der arabischen Händler für den ermordeten Songoro war es dank ihrer Feigheit noch nicht gekommen. Als Mackay den Arabern sagte, er sei nicht als Rächer der Bluttat, sondern als ein Bote Christi gekommen, der nicht wie Mohammed die Schuld räche, sondern vergebe, waren sie aufs höchste überrascht.
Dem Häuptling (oder König) von Ukerewe sandte er Botschaft, daß er ihn sehen wolle, aber aus friedlicher Absicht. Die Bewohner von Kagai waren über Mackays Vorhaben sehr bestürzt und überzeugt, daß er nie wiederkehre. Er aber stärkte sich in seinem Gott wie David in Ziklag und bestand darauf, Lukonge zu besuchen, wenn derselbe es wünsche.