Nach einer Woche landete ein Kanu mit einer Gesandtschaft vom Ukerewefürsten, um Mackay zum Besuch ihres Gebieters abzuholen. Er hatte sich entschlossen, um jeden Verdacht auszuschalten, allein und ohne Waffen mitzufahren. Gleichwohl prüfte er die Gesinnung der Gesandtschaft, indem er verlangte, daß drei von ihnen als Geiseln in Kagai zurückblieben. Nach einigem Zögern willigten sie ein. Nun wußte Mackay, daß sie nichts Böses im Schilde führten und verzichtete zu aller Erstaunen auf die Geiseln. Mackay bestellte sein Haus für alle Fälle, steckte Chinin und Pulver gegen Fieber und Ruhr, sowie einige Mittel als Gegengift ein, da Lukonge als Giftmischer berüchtigt war, und trat nur in Begleitung eines Dolmetschers die Reise an.
In zwei Tagen kam das Boot ans Ziel. Nach einer kurzen Rast hatte er die erste Audienz. Lukonge saß in seiner Baraza, einer nach vorn offenen Hütte. Sein Thron bestand aus einem Holzschemel mit einem Bein. Um ihn her kauerten die Höflinge im Sand. Seine Majestät ging dem Missionar entgegen, gab ihm die Hand und setzte sich wieder mit großer Würde. Er trug mit sichtbarem Stolze ein Gewehrfutteral, das jedenfalls einem der ermordeten Missionare gehörte. Zur Feier des Ereignisses hatte er noch ein rotes Taschentuch als Kopfschmuck verwandt. An Armen und Beinen glänzten viele Ringe aus Eisen und Messing.
Die erste Audienz war der Sitte gemäß sehr kurz. Am folgenden Tage machte der König seinen Gegenbesuch in Begleitung seiner Häuptlinge. Dabei erzählte er Mackay die Geschichte von dem Unglück. Er habe nicht die weißen Männer töten, sondern nur den Araber Songoro, der ihm aus der Schuldhaft entlaufen sei, für seine Verräterei züchtigen wollen. Der Araber sei aber zu den Weißen gelaufen, die von ihm ein Boot gekauft hatten, und habe sie bewogen, ihn mit ihren Waffen zu schützen. O'Neill habe zehn seiner Leute erschossen und dreißig schwer verwundet. Als dem Araber und den Weißen die Munition ausging, hätten sie auf einem Kahn fliehen wollen; der Kahn sei aber verschwunden gewesen und ein weiterer Ausweg nicht vorhanden. Seine Leute wären sehr erbittert gewesen und hätten alle, den Araber mit zwanzig seiner Leute und leider auch die beiden Weißen, niedergemacht.
Mackay, der die Schwerverwundeten noch sah, erkannte, daß die Boten des Kreuzes durch die Rache eines Heiden für die Falschheit eines Muselmannes, der sich unter ihren Schutz stellte, das Leben verloren haben, weil sie leider ihre Waffen gebrauchten, um einen anderen zu verteidigen. Er ließ Lukonge wissen, daß er ihm glaube und das Vorgefallene bereue. Nun sei er aber gekommen, um Frieden zu machen. Er wisse noch nicht, was die mächtige Königin Viktoria, die mehr Soldaten habe, als Lukonge zählen könne, als Rache für ihre Söhne tun werde, er wolle aber bemüht sein, die Sache zu schlichten, wenn Lukonge bereit sei, Missionare auf seine Insel zu lassen, damit sie sein Volk lehren können.
Der schwarze König lachte über die Idee, als gäbe es einen mächtigeren Herrscher als ihn, und erwiderte, seine Leute hätten Furcht vor den Weißen. Nun lachte Mackay, daß die Leute des großen Königs von Ukerewe sich vor drei weißen Männern fürchten, wenn sie als Missionare kommen. Schließlich erhielt er die nachgesuchte Erlaubnis. Es sollten aber nicht so viele Lehrer kommen, fügte Lukonge noch hinzu.
Vor der Abreise trug Lukonge Mackay die Blutsbrüderschaft an, was dieser dankbar annahm. Unter feierlichem Zeremoniell wurde der Bund geschlossen. In einem Kreis von Zuschauern stand eine Ziege. Lukonge erfaßte ihre Vorderbeine und Mackay die Hinterbeine. Dann erklärte ein Dritter, daß dies das Siegel eines ewigen Bruderbundes sei, und schnitt mit scharfem Messer die Ziege in zwei Stücke. Hierauf erhoben alle Anwesenden unter Johlen ihre Hände gen Himmel, und die Sache war beendet. Als Gegengeschenk für die königliche Huld überreichte Mackay seinem nunmehrigen »Bruder« einen Schlafrock. Unter Freundschaftsbeteurungen aller Art wurde der Gast verabschiedet. Nach neuntägiger Abwesenheit landete er sicher und fröhlich wieder in Kagai.
Beim Landen wurde er vom wilden Freudengeheul der Eingeborenen begrüßt. Die Frauen tanzten wie toll auf dem Strande herum. Eine Tochter des Häuptlings Kaduma hatte sich dazu mit einer Last von Perlen behangen. Der alte Häuptling Kaduma aber zeichnete den Tag leider dadurch aus, daß er noch mehr Pombe (eine Art Bier) trank als sonst. Zu Mackays Leidwesen endete die Freudenfeier – echt europäisch – mit total betrunkenen Leuten. Auf seinem bisherigen Wege hatte er immer wieder Gelegenheit zu sehen, daß die Trunksucht der Fluch Afrikas ist. War genug Bier da, sah man nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder betrunken stehen und liegen. Mackay wurde dadurch ein Abstinent. Er äußerte, daß die Enthaltsamkeit das Geheimnis zur Erhaltung der Gesundheit in den Tropen sei und die erste Bedingung der Zivilisation in Afrika. »Die Westküste ist dem Rum zum Opfer gefallen; die Kaffern im Süden leiden ebenfalls daran; auf der Ostküste in Sansibar wird aus Zuckerrohr ein scheußlicher Trank gebraut, der überall an der Küste zum Ruin des Suahelistammes verzapft wird. Die Wanika bohren den Kokosnußbaum an und saugen mit Strohhalmen den Saft. Fast jedes Dorf gleicht morgens schon einem Saufgelage. Im Inneren wird das Getreide zu berauschendem Getränk verwandt. Am Niansa bereiten sie aus Pisang einen Wein, der König und Volk mit den Banden der Trunksucht umschlingt.«
Achtes Kapitel.
Ankunft in Uganda.
Aus der heiligen Geschichte wissen wir, daß der Nil durch seine Überschwemmungen mit fettem Tonschlamm den Boden Ägyptens befruchtet und so der Schöpfer und Erhalter der Fruchtbarkeit jenes Landes ist. Wir befinden uns, wie wir früher schon hörten, jetzt mit Mackay in dem interessanten Quellgebiet des mächtigen Nilstromes oder, wie die Geologen sich ausdrücken: »im Seengebiet der Nilquelle«. Das Steigen und Fallen des Wassers im Viktoria Niansa entscheidet eigentlich über den Verlauf der Ernten in Ägypten. Mackay gibt in seinen geistreichen Briefen auch eine beachtenswerte Erklärung über die sieben fetten und mageren Jahre zur Zeit Josephs. Nach seiner Ansicht bildete die im Süden des Niansa liegende Landschaft Usukuma mit diesem See zusammen früher ein großes Binnenmeer. Da habe sich eines Tages das Bett des heutigen Niansa gesenkt, der große See floß allmählich aus, und die abfließenden Wasser riefen die sieben fetten Jahre in Ägypten hervor. Der riesige Wasserbehälter schrumpfte dann in den See zusammen, den wir heute Viktoria Niansa nennen. Kein Wunder, daß nun die stark verminderten Wasserzuflüsse durch die Ripponfälle (Somersetnil) die Hungersnot in dem Kornlande zur Folge hatten. Nach und nach wurde das durch den Seeausfluß hervorgetretene Land Usukuma von Regengüssen getränkt, der Überfluß an Wasser strömte in den See und von da in den Nilstrom. Dadurch wurde nach sieben Jahren das Gleichgewicht wiederhergestellt, und jetzt steigt und fällt der Nil alljährlich wie in alter Zeit.
Als Mackay diese lehrreichen Beobachtungen machte, kam der in Rubaga stationierte Pastor Wilson nach Kagai, um seinen Mitarbeiter abzuholen. So rasch ging es aber noch nicht mit der Abreise. Mackay mußte sich erst noch von einem heftigen Fieberanfall erholen. Dann wurde das Boot noch einmal nachrepariert. Endlich schlug die Stunde der Abfahrt nach Uganda. Vier Tage lang hatten sie gute Fahrt. Dann warf ein Sturm die »Daisy« an das Gestade von Nsougora. Mit Mühe und Not konnten die Missionare sich und ihre wertvolle Habe retten. Die herbeigeeilten Eingeborenen blickten neidisch auf das Gepäck der Schiffbrüchigen, weigerten sich aber hartnäckig, ihnen in den Bemühungen um das Boot beizustehen. Die unbarmherzigen Wellen rissen schnell das ganze Fahrzeug auseinander. Um es einigermaßen wiederherzustellen, bedurfte es acht Wochen angestrengter Arbeit. Mackay sagt, es sei so gewesen, als wenn man aus einem Stiefel einen Pantoffel zu machen sucht. Sie rafften die Trümmer zusammen, ließen in der Mitte etwa acht Fuß wegfallen, setzten zusammen, was vom Vorder- und Hinterteil geblieben war, und flickten es mit dem aus der Mitte gefallenen Holze wieder aus. Dann stachen sie aufs neue in See und setzten mutig ihre Reise fort.