Aus einer Zeitung erfuhr Mackay, daß Stanley früher an demselben Orte gestrandet war und mit knapper Not der Niedermetzelung entging. Ein Glück, daß er sich nachher nicht rachsüchtig zeigte. Hätte er nachträglich auch nur einen Schuß auf sie abgegeben, so hätten sie sich jetzt jedenfalls an diesen weißen Schiffbrüchigen gerächt. Aber Gott hat in Seiner Güte und Vorsehung über Seinen Boten gewacht und sie nach vielen Erfahrungen Seiner leitenden Liebe und helfenden Treue endlich an das Ziel ihrer Reise gebracht.
Am 6. November 1878 zogen sie in Rubaga, der Hauptstadt Ugandas, ein. Nach zweieinhalbjährigem Reisen und Harren hatte unser Held seinen Kampfplatz erreicht, auf dem er zwölf Jahre ununterbrochen bleiben, leiden, streiten und schließlich sterben sollte.
Von Mtesa und seinen Häuptlingen wurde Mackay glänzend empfangen. Der König liebte es, sich mit dem Pomp und Glanz eines morgenländischen Herrschers zu umgeben. Die Missionare wurden von weißgekleideten Pagen den Königsberg hinaufgeleitet. Dort lag der »Palast«, ein langes, hohes Gebäude aus Rohr und Gras. In den Höfen standen Soldaten mit Uniformen, in der großen Empfangshalle saßen und standen die Großen des Landes. Im Hintergrunde thronte die schwarze Majestät auf einem weißen Lehnstuhl. Vor ihm war ein Leopardenfell, das Zeichen königlicher Würde, ausgebreitet. Huldvoll wird Mackay begrüßt, dankbar werden seine Geschenke entgegengenommen. Dann läßt der König einen Freudenwirbel trommeln. Alle Häuptlinge nicken taktmäßig mit dem Kopfe, klatschen in die Hände und rufen: »njausig, njausig!« (danke, danke!). »Das ist für den Namen Jesu,« erklärte der König herablassend, und der erste Empfang war beendet. Abends sandte Mtesa seine Gegengeschenke: zehn Ochsen, Tabak, Kaffee und Honig.
Von ihrem Lande und ihrer Größe haben König und Volk hohe Begriffe. Sie halten sich für das mächtigste Reich der Welt. Mtesa versicherte Mackay großmütig: »Wenn England nicht mit mir Streit sucht, ich werde nie Händel mit ihm anfangen.« Ein König, der nichts als die Schmeichelei seiner Höflinge kennt, deren Leben er ganz in seiner Gewalt hat, ist selbstverständlich schwer zu behandeln. Die Missionare gebrauchten hier viel Schlangenklugheit und Taubeneinfalt, um das Wort der Wahrheit recht zu teilen.
Aus Unvorsichtigkeit hätte sich Mackay im ersten Monat beinahe selbst vergiftet. Er sammelte Rizinussamen und aß etwa ein halbes Dutzend der Körner. Heimgekehrt, las er in seinem medizinischen Ratgeber, daß die Körner Gift enthalten und drei genügen, den Tod herbeizuführen. Mackay nahm Gegengift, befahl sich, die Seinen und sein Werk dem Herrn und legte sich hin zum Sterben. Nach sechs Tagen aber konnte er wieder, wenn auch zum Skelett abgemagert, an den königlichen Hof gehen. Der Herr hatte Seinen Diener gerettet, wie Er Mark. 16 zugesagt hat.
Am Hofe wurde die Suahelisprache fast allgemein verstanden. Mackay hatte diese Sprache schon unterwegs erlernt und besaß viele Teile der Bibel in Suahelisch. So konnte er dem König und seinem Hofe oft daraus vorlesen und sonntäglich Gottesdienst halten. Durch Stanley war der König ja der Form nach für das Christentum gewonnen. Das Volk zeigte regen Eifer zum Lernen. Viele drängten sich zum Unterricht, lernten lesen und studierten dann die übersetzten Teile der Heiligen Schrift. Anfang des Jahres 1879 erließ der König ein Gesetz, das den Sklavenhandel und die Sonntagsarbeit in Uganda verbot. Wenn es auch unmöglich war, diese Gesetze durchzuführen, so sind sie doch ein Beweis, daß die Missionare bereits in hohem Ansehen standen und großen Einfluß ausübten. Mackay durfte die Baraza, die Ratsversammlung, besuchen, in der die öffentlichen Angelegenheiten besprochen wurden, und war bald die wichtigste Persönlichkeit in Uganda.
Mackays Empfang beim König Mtesa. (Text siehe Seite [54].)
Neuntes Kapitel.
Ein Meister in allerlei Erz- und Eisenwerken.
Stanley schreibt irgendwo: »Der praktische Christ – einer, der Gottes Wort lehrt, Krankheiten heilt, Häuser baut, den Ackerbau versteht, kurz, alles tun kann – ist hier vonnöten. Wenn ein solcher hierher käme, würde er zum Heile Afrikas werden.« Ein solcher Christ war Mackay im besten Sinne des Wortes. Er sagt selbst einmal, als er enttäuscht den Unstern beklagt, der über der Sendung von Handwerkern nach Uganda schwebte, und nach einem Gehilfen seufzte: »So muß ich denn fortfahren wie bisher: bald mit dem Buche in der Hand, bald mit Hammer und Zange.« Seine steigende Beliebtheit beim Volke und bei Hofe verdankte er zunächst dem Umstande, daß er ein Tausendkünstler war. Seine in der Nähe des Palastes errichtete Schmiedewerkstatt und Schlosserei mit Esse, Amboß, Drehbank, Schraubstock, Schleifstein und allen anderen Werkzeugen wurde von Großen und Kleinen umlagert und viel bewundert. Mackay war für sie ein Mann, der alles konnte. Eine Grenze für sein Können gab es nach ihrer Ansicht nur in seinem Willen, nicht in seiner Macht und Geschicklichkeit. Darum eilten sie mit ihren großen und kleinen Leiden, mit ihren kindischen Wünschen und heidnischen Erwartungen zu ihm und waren ärgerlich, wenn er ihnen nicht nach Wunsch half.