Vom König und seinem Hofe wurden Mackays Talente vielfach und oft ungebührlich in Anspruch genommen. Seine Bereitwilligkeit, innerhalb der Grenzen des Gewissens sich den königlichen Launen zu fügen, Flinten und dergleichen Dinge zu reparieren, hat der Mission gute Dienste getan und manchen Sturm verhindert. Die Existenz des Werkes hing doch immerhin von der Gunst des Hofes ab. Mackay ließ sich's nicht verdrießen, den König in die Geheimnisse der Eisenbahn, der Elektrizität und der Sternkunde einzuweihen, weil ihm dies stets Gelegenheit schaffte, Gunst und Vorteile für die Mission zu erzielen. Als Namosali, die Königinmutter, starb, mußte Mackay aus zahlreichen Geräten, die man ihm lieferte, einen kupfernen Sarg herstellen. Das Begräbnis sollte echt königlich sein. Der Kupfersarg wurde über und über mit wertvollem Tuch umwickelt und dann in eine Gruft gesenkt, die verschwenderisch mit Tuch ausgebettet war. Es soll für dreißigtausend Mark Zeug und Tuch verbraucht worden sein. Später, als Mtesa das Zeitliche gesegnet hatte, mußte Mackay für das »Mausoleum«, eine kolossale Hütte von vierzig Fuß Höhe, einen Blitzableiter liefern. Die Errichtung eines Flaggenmastes auf dem »Schloß« des neuen Königs nahm ihn einen ganzen Monat in Anspruch. Bald darauf zerstörte ihn eine Feuersbrunst. »So ist meine ganze Arbeit dahin, aber nicht verloren,« schreibt Mackay, »denn ich glaube, sie ist der Mission zum Nutzen gewesen. So unlieb es mir ist, meine Zeit mit solchen Kindereien zu vergeuden, sehe ich doch die darauf verwandte Zeit nicht für verloren an, wenn es dazu beiträgt, Vorurteile zu zerstreuen und die Herren günstig zu stimmen.«
Als Schiffsbauer haben wir ihn bereits kennen und schätzen gelernt. Die bekannte »Daisy« wurde bald in der Tropensonne zerstört. Von England aus wurden die Teile zu einem neuen Boote an das Südufer des Viktoria Niansa geschickt. Ein nachgesandter Handwerker sollte das Schiff zusammensetzen, fand aber die Planken ganz verbogen und von der Hitze gespalten. Ein Häuptling hatte nämlich das Schutzdach gestohlen, unter dem sie lagerten. Der Handwerker erklärte, nichts damit anfangen zu können. Da kam Mackay zu Hilfe. In seinem Wörterbuch stand das Wort »unmöglich« nicht. Monatelang arbeitete er in der brennenden Sonne, oft vom Fieber befallen und abends stets von Moskitos geplagt. Alles mußte er allein tun, jede Planke zurichten, jeden Nagel einschlagen. Endlich konnte er die »Eleonore« vom Stapel lassen, auftakeln und sie der Ugandamission als Weihnachtsgeschenk überbringen.
Von 1888-89 baute er an der Küste des Niansa sogar an einem Dampfboot. Ein Ingenieur, der ihn unterstützen wollte, konnte eines Aufstandes wegen nicht zu ihm stoßen. Mit erfinderischem Scharfsinn und bewundernswerter Ausdauer ging er auch hier allein, nur mit Hilfe der Eingeborenen, ans Werk. In einem mehrere Stunden entfernten Walde fällte er große Bäume. Um sie zur Werft zu schaffen, baute er einen starken, vierräderigen Wagen, den ersten, den diese Gegend je gesehen. Um das Schiff aus diesem Rohmaterial im Schatten bauen zu können, errichtete er einen Schuppen aus Backsteinen, von denen er sich mit Hilfe der Schwarzen in zehn Tagen zehntausend Stück geformt hatte. Die Kesselteile waren schon mit der ersten Expedition 1876 hergeschafft worden und lagen verrostet da. Ehe Mackay sie zusammennieten konnte, mußte er das Eisen erwärmen. Dazu stand ihm nur ein kleiner, tragbarer Ofen zur Verfügung. Den Stapellauf dieses Schiffes hat er nicht mehr erlebt.
In Rubaga machte ein zweiräderiger Ochsenkarren großes Aufsehen. Der König sandte zwei Häuptlinge, das Ding zu besehen. Sie fanden, daß das Wunder ein Werk Mackays war. Der Karren hatte sogar Bremsvorrichtung und wurde von Ochsen gezogen, die mit vieler Mühe eingelernt und ans Joch gewöhnt waren. Dann kam ein neues Wunder. Es war ein Pflug, dessen Hauptteile auf der Reise verloren gegangen, aber nun von Mackay neu geschmiedet worden waren. Als Kuriosum staunte man in der Hauptstadt auch des »weißen Mannes Topf zum Kochen trockener Speise« an. Es war ein ehrsamer Backofen mit hohem Schornstein und eiserner Tür, der aber den Fetischhütten zu Ehren des Lubari sehr ähnlich sah.
In der ersten Zeit erlaubte der König nicht, daß die Missionare sich Häuser nach europäischem Muster bauten. Sie wohnten mehrere Jahre in den ungesunden Grashütten. Dann erhielt Mackay die gütige Erlaubnis, ein zweistöckiges Haus zu bauen. Es erhielt Türen mit Füllungen, viereckige Fenster mit Drahtgaze und hatte eine große Freitreppe, die von außen ins oberste Stockwerk führte. Das Gebäude wurde im Lande der Grashütten eine Sehenswürdigkeit und für die schwarzen Majestäten ein Gegenstand des Neides. Mackay zog selbst nicht hinein, sondern überließ es den Kameraden. Er selbst blieb vorläufig in seiner ärmlichen, baufälligen Hütte, die zugleich Klinik, Druckerei, Vorratskammer und Schulstube war. Außerdem schliefen noch stets etwa ein Dutzend Knaben bei ihm, von denen oft etliche krank waren, so daß der Platz einem Hospitale glich. Erst später, als ein Missionar abreiste, siedelte er in sein Haus über.
Zum Hause schenkte der König auch einen Garten. Mackay grub darin einen Brunnen und legte eine Pumpe an, die köstliches Wasser lieferte – ein wahres Wunder für die Eingeborenen! Sie drängten sich täglich hunderteweise herzu, um das Wunderwasser zu trinken, das von selbst aus der Röhre lief. Einige nannten es Lubare, andere ein Werk Gottes. Auch der im Dienst des Lubari stehende Häuptling Jumba kam und prüfte den Trunk aus der Tiefe. Mackay nützte die Gelegenheit, dem Wächter des Götzen zu beweisen, daß ein Lubare nichts ist, da er nicht einmal solches Wasser beschaffen kann.
»Bliebe das Volk in seinem jetzigen Zustande,« berichtet Mackay im Jahre 1881, »so würden sie entweder faule oder kriegerische Christen. Die Anleitung, die wir ihnen geben, lehrt sie Augen, Verstand und Hände zu gebrauchen für die Künste des Friedens, die sie von der Trägheit und den kriegerischen Gelüsten abziehen und den Gesamtzustand des Landes heben. Ich versuche jetzt Ziegel zu machen und zweifle nicht, daß diese einfache Kunst, wenn sie im Lande geübt wird, eine große Umwälzung bewirkt. Schon jetzt ist der Erfolg bedeutend. Die schmutzigen Straßen und Winkel werden gereinigt, man bessert den erbärmlichen Fußboden der Hütten aus, die Toten werden ordentlich begraben und nicht mehr in die pestilenzialischen Sümpfe geworfen.«
Zehntes Kapitel.
Im Kampf mit heidnischem Aberglauben.
König Mtesa war, wie sich mit der Zeit offenbarte, dem Herzen nach ein Heide geblieben. Wohl hatte er erkannt, daß das Christentum vor dem Islam den Vorzug verdient und daß Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Er wollte aber sein sündiges Leben nicht ändern und seine heidnischen Laster nicht aufgeben. Dasselbe muß leider von seinen ersten Beamten und Häuptlingen auch gesagt werden. Der ganze Hof sank nach einem kurzen Anlauf der Besserung wieder in das dunkelste Heidentum zurück. Die Missionare duldete man trotzdem und ließ sie gewähren, weil man äußere Vorteile davon hatte. Außerdem schmeichelte es der grenzenlosen Eitelkeit des Königs, Engländer an seinem Hof zu haben. Die selbstverleugnende Arbeit Mackays und seiner Mitarbeiter schien umsonst zu sein. Es schien jedoch nur so. In Wirklichkeit keimten alle ausgestreuten Samenkörner im Verborgenen ruhig fort und gingen später überall auf. Gottes Wort kommt nie leer zurück. Es richtete auch in Uganda aus, wozu es gesandt ist, wenn es auch vorläufig schien, als ob alles umsonst sei.
Mtesa litt infolge seines Lasterlebens an einer bösen Krankheit. Mackay tat, was er konnte, um ihm Heilung zu verschaffen. Die Krankheit war aber unheilbar. Da hörte Mackay eines Tages zu seinem größten Schmerz, daß der Hof beschlossen habe, den Erzzauberer Mukasa, den großen Geist des Niansa, kommen zu lassen, um den König durch ein einziges Wort gesund zu machen. Schon war der gefürchtete Lubare ganz in der Nähe. Mackay konnte täglich sein Trommeln hören. Er wartete nur auf den Neumond, um einzuziehen und seine Zauberei vorzunehmen.