»Ganz recht. Ihr Zögling ist in meine Braut verliebt. Woher der Beweis, daß ihn meine Braut wieder liebt? Frage ich gerade und offen wie ein Mann, so erröthet sie wohl, und läugnet nachher, des Vaters Zorn fürchtend, in den sie sich gehorsam gefügt. Der Vater wird mir, rede ich mit ihm, die Sache als eine jugendliche Thorheit schildern, und ich führe mißtrauisch, aber dennoch beim Wort gehalten, einen trügerischen Handel aus. Von der andern Seite kann aber Alles nur Trug sein. Man hat schon eine gewisse Comödie auf meine und eines Verstorbenen Rechnung versucht. Wer weiß, ob Sie, Herr Magister, nicht ein Fuchs sind, der mich irre leiten soll? der Urheber eines neuen Possenspiels, mir Lust und Neigung zur Ehre zu rauben?«

Der Magister bückte sich ergebenst. — »Ich habe wie ein Mensch zum Menschen gesprochen,« sagte er mit dem Ausdruck tiefer Resignation: — »mein Stand erlaubt mir nicht, öffentlich als Ehestörer aufzutreten. Ich hätte die Rache des Senators zu fürchten, und bin ein alter Mann, der den Rest seiner Jahre in Frieden zuzubringen wünscht. Meine Worte sind Ihnen vielleicht verdächtig. Ein gültigerer Zeuge ist wohl das Bildniß des Geliebten, das Jungfer Justine behielt, das sie, wie mir James vertraut, noch auf ihrer Brust trägt, das sie geschworen hat, auch ferner zu tragen, so oft ...«

Es wurde dem Amerikaner heiß vor der Stirne. Er sprang auf, unterbrach den Redner heftig. »Sein Bildniß!« rief er: »Gott verzeihe mir die Sünde! bald wäre mir ein unbescheidenes Wort entschlüpft! O ja, Herr Magister! das ist ein unverwerflicher Zeuge; ich werde ihn an's Licht ziehen! ich werde sehen ... und ... finde ich's so, wie ich jetzo beinahe fürchte ... Sie sollen von mir hören. Gehen Sie aber jetzo, mein Herr, denn ich bin etwas aus dem Gleichmuth getreten, der zu einer comfortablen Conversation gehört. Auf Wiedersehen ... wann und wo Sie wollen!«

Er schob, ohne viele Umstände zu machen, den komplimentirenden Magister zur Thüre hinaus, und verriegelte diese hinter ihm. Ein stummer, aber heftig grollender Sturm bewegte seine sonst so ruhige Brust, und er mußte, zum Erstenmale in seinem Leben, sich bittere Gewalt anthun, um den Sturm zu beschwören. Er sah an diesem Abende keinen Menschen mehr, und suchte vergebens den wohlthätigen Schlaf. Der Morgen fand ihn jedoch wieder gelassener. Er machte sich Vorwürfe, seine Ruhe vergessen zu haben. Eine stille ahnungsvolle Wehmuth stellte sich bei ihm ein, während sein der Ungewißheit und dem Zögern feindlicher Charakter ihn ermahnte, den quälenden Verdacht, den marternden Zweifel, gegen baare unverfälschte Münze umzusetzen. Er warf sich in die Kleider, er verließ das Haus, er suchte des Senators Wohnung auf, zu einer Zeit, die für einen Besuch nicht die gewöhnlichste war, denn die Glocke auf dem Rathhause hatte kaum halb zehn Uhr geviertelt.

Er fand Justine allein, in einem reizenden Hausgewande. Die Braut, erröthend vor der unerwarteten Ueberraschung, hatte kaum die Zeit, einen Blick in den Spiegel und ein seidenes Flortuch um den Busen zu werfen, der noch von keiner Schnürbrust beengt war. Ihre Locken fielen natürlich, unfrisirt um das Haupt. Das anliegende Gewand, günstiger als die steife Visitenrobe, zeigte die schönsten Formen. Die Flor-Enveloppe verhüllte nur schwach die schönen Arme, und schöner als je malte die Wange der Verlobten die Zufriedenheit, sich ohne künstlichen Schmuck, dem schmeichelarmen Spiegel gegenüber, schön zu wissen. Birshers Herz klopfte unruhig und sehnsuchtsvoll bei ihrem Anblicke; er hatte seine Vorsätze durcheinander geworfen. Streng wollte er sein und kalt, und wurde milder und wärmer als je. Justinens Gesicht sprach Sieg, aber auch zugleich die zarte Hoffnung, die Sanftmuth einer milden Siegerin. Justine hätte dem frühen waglichen Besucher gezürnt, wäre sie sich nicht des gestrigen Unrechts bewußt gewesen. Sein wehmuthsvolles Antlitz, nur leicht von Rosenschimmer überstrahlt, schien ihr die Leiden zu bekennen, die ihre Härte in ihm erzeugt. Sein frühes hastiges Erscheinen schmeichelte ihrem eiteln Stolze. So empfing sie ihn doppelt zauberisch; triumphirend und beschämt; vergebend und reuig; hoffärtig, also geliebt zu sein, und geneigt, liebend zu umfangen. Verlegen antwortete ihr Mund den verlegenen Entschuldigungen des Bräutigams. Sie schien seinen Muth tadeln zu wollen, und bekannte fast, daß er ein Recht dazu habe. Noch nie hatte sie den Gedanken an das innigere Verhältniß von Verlobten so lebhaft aufgefaßt. Noch nie war ihr dieser Vorhimmel das glückliche Mittelding zwischen Fremd- und zu Bekanntsein, klar geworden; und indem ihre Lippe lächelnd zürnte, verlobte sich erst und wurde erst bräutlich ihr Herz. Birsher hing, wohlthuend erregt, an ihren Augen, die lebendiger glänzten als die Diamanten des Brautschmucks, der vor ihr auf dem Tische stand; in dessen Beschauung der Bräutigam die Braut gestört hatte.

»Ich hatte nicht gehofft, Sie mit diesem Gegenstande beschäftigt zu finden,« sagte der junge Mann leichter athmend: »Sie äußerten gestern unverdienten Groll gegen mich.«

»Sind Sie überzeugt, daß er unverdient gewesen,« — erwiderte Justine gefällig, und näherer Erläuterung feind, — »so war er von meiner Seite ungerecht. Trauen Sie mir zu, daß ich es eingesehen, und sind Sie nun zufriedener?«

Birsher küßte entzückt ihre Fingerspitzen, und in den Hintergrund seiner Erinnerung waren Argwohn und Vorsatz zurückgetreten. »Dieser Empfang bürgt mir für mein künftig Glück,« sagte er freudig: »so zarte Versöhnung macht lüstern nach der veranlassenden Zwietracht. Hoffen auch Sie, beste Jungfer, mit mir glücklich zu werden?«

»Ich hoffe es,« antwortete Justine freundlich, und reichte ihm ungeziert die weiche Hand: »nun aber keine Zweifelsfrage mehr. Ich glaube, daß vernünftige Leute sich in den Vortagen ihrer Ehe anders zu benehmen haben, als die Amanten in den Romanen gewöhnlich zu thun pflegen. Das Schäferleben und das Seufzen der Doris, und Corydons Klagen sind mir nicht angenehm, und Ihnen ebenfalls nicht sehr, mein werther Monsieur. Wir wollen uns demnach fein gescheit benehmen, und den Anstand wahren. Erlauben Sie daher, daß ich Sie ersuche, einstweilen die Bilder an den Wänden zu betrachten, bis ich Ihnen in geschickterer Kleidung aufzuwarten die Ehre haben werde. —«

Die Listige wollte wie ein glatter Aal entschlüpfen. Birsher hielt sie sanft auf. »Neidische Braut!« sagte er: »Sie wollen mir den schönsten Anblick rauben, dessen sich meine Augen jemals rühmen konnten? Thun Sie es nicht. Ich bin kein langweilig girrender Corydon und suchte nicht eine seufzende Doris, aber ich liebe das Ungezwungene trotz den Schäfern Arkadiens. Der steife Haarputz, die umfangreichen Damastkleider, die martervollen Corsetts, welche Ihnen die Mode aufzwingt, sind eben so viele Beleidigungen der Natur, die Ihnen ihre schönsten und seltensten Gaben nicht verweigert hat. Gewähren Sie daher Ihrem treuesten Freunde ein ferneres trauliches Beisammensein mit Ihnen, der Ungeschmückten, aber desto Reizendern!«