»Ich entsinne mich,« entgegnete der Senator, nicht unangenehm überrascht, den neuen Bekannten durch ein gewisses Band des Vertrauens an sich gefesselt zu sehen: »Wären andre Umstände vorhanden, ich würde mich Ihrer Bekanntschaft freuen, Herr Doctor. Vergeben Sie mir daher, wenn ich nicht bin, wie ich sein sollte.«
»Solche Revolutionen gehen nicht leicht ab. Gehen sie nach Hause, Herr Senator. Ein niederschlagendes Pulver und Ruhe werden Ihre Besonnenheit am Besten wieder herstellen.«
»Nach Hause? Wo denken Sie hin? Nach Hause, wo ich der Schande entgegen sehe? Sie haben mich verhindert, im Flusse mein Ende zu suchen. Lassen Sie mich wenigstens so weit fliehen, als mich meine Füße tragen. Ich bin ein zu Grunde gerichteter Mann. Ich kann den Spott der Feinde und die Vorwürfe der Meinen nicht ertragen. Ich will fort, über See!«
Er stand rasch auf, um in dem verstörten Zustande, worinnen er sich befand, in die Welt zu laufen. Der Doctor hielt ihn zurück. — »Bedenken Sie, was sie thun!« sagte er: »Ich kenne nicht Ihr Leid, nicht Ihre Verhältnisse. Aber die Lage Ihrer Angehörigen wird zehnfach schlimmer, wenn Sie diesen Schritt thun, und Ihnen folgt die Schande zehnfach. Ich habe viel erfahren in der Welt. Das Schicksal hat uns auf eine so seltne Weise zusammengeführt, daß ich mir fast die Freiheit nehmen möchte, mir ein Recht auf Ihr Vertrauen anzumaßen. Daher ...«
»Ist es denn der Mühe werth, Ihnen ein Geheimniß aus dem zu machen, was binnen drei Tagen die ganze Stadt wissen wird, wissen muß? Herr! mein Geschäft bricht ein. Der Ultimo kommt heran, ich kann nicht zahlen. Ein unbarmherziger Gläubiger, der jede Verlängerung ausschlug, kommt übermorgen selbst hier an, um mich zu verderben. Kaum vermochte mein Agent mir davon früher Kunde zu bringen. Ich kann ihn nicht befriedigen, nicht den sechsten Theil seiner Wechselforderung schaffen. Alle Quellen sind erschöpft; meine Bücher weisen eine geldleere Wüste auf. Der Senat stößt den Bankerutier aus, und meine Familie in's Elend. Da, da wissen sie Alles, was ein Kaufmann sonst nur im letzten Augenblick gesteht. Ermessen Sie meine Lage, und posaunen Sie dieselbe aus, oder schweigen Sie. Mir ist Alles gleichviel. Lassen Sie mich aber fort. —«
»Wollen Sie in's Verderben rennen, und auf Glück, auf Gott, und Ihre eigne Männlichkeit nicht vertrauen — gehen Sie hin!« sprach mit abstoßendem Tone der Doctor, und wendete sich mißmuthig von dem Verzagenden. — Dieser kurze Bescheid brachte indessen den Senator wieder zu sich. Wir sind häufig in mißlichen Lagen, wie die Kinder, klagen und jammern immer mehr, je größre Mitklage wir erwecken, und schweigen plötzlich gefaßt, wenn unser »Zeter« keinen Eindruck mehr macht. Der Senator sah sich betroffen nach seinem neuen Freunde um. Sein Fuß wurzelte. Er legte seine Hand auf des grauen Mannes Schulter, und fragte nach geraumen Schweigen: »Was sagten Sie da? Wem soll ich vertrauen? Gott? Guter Herr, ich bin kein Pietist, und nicht von heute. Lassen wir das. Dem Glück? Ich habe mich lange dabei wohl befunden, allein, wenn eine Stütze bricht, halten auch die andern nicht lange mehr. Meiner Männlichkeit? Wie meinen Sie das?«
»Der Wille des Menschen vermag viel,« antwortete der Doctor: »In ihm liegt der Beistand des Höchsten; er regiert das Glück; glauben Sie mir das. Das Leben ist nun einmal ein Kampf, diese Welt der Fechtplatz. Wer sich am rüstigsten durchschlägt, gelangt sicher zum Ziel. Uebelverstandenes Ehrgefühl, — schlecht ausgelegte Moral sogar, kann den besten Kämpfer entwaffnen, und zum Spott seiner Gegner machen. Man behaupte die Bahn, in welche man geworfen ist, und träume sich nicht in eine andere. Man zittre nicht vor der Gefahr, man trete ihr auf den Nacken.«
»Ich verstehe Sie nicht,« äußerte der Senator, und ließ sich horchend neben den Doctor nieder: »ich bin fünfzig Jahre alt geworden, und wenn ich gleich schon Aehnliches, wie Sie mir da predigen, gefühlt habe, gesagt hat mir es noch Niemand.«
»Sie haben nur die Handelswelt kennen gelernt,« versetzte achselzuckend der Doctor: »Ein Beispiel wird Sie jedoch überzeugen. Sehen Sie hier einen Traktat über die Seeschlacht bei la Hogue, wo Admiral Russel die französische Flotte vernichtet hat. Diese Schlacht war eine der außerordentlichsten Begebenheiten der Zeit, und herbeigeführt und gewonnen unter den widerstrebendsten Conjunkturen. Nicht Wind, nicht Wetter, nicht das eiserne Joch der Verantwortlichkeit achtend, wurde geschlagen, wurde gesiegt. Aus dem gefürchteten Verderben trat glänzend die Victorie hervor. So viel vermag der Wille und die dadurch aufgeregte Kraft des Menschen. Und, — merken Sie sich das genau: im bürgerlichen Leben, wie im Schlachtandrang gilt der Satz: Hilf dir selbst, und Gott ist mit dir. Stoße den vom Brett, der dich hinunterstoßen will, oder schweige und ergieb dich verzagt in das verdiente Geschick.« — »Ich staune über Ihre Reden, gelehrter Herr,« sagte der Senator, obschon aufgerichteter als zuvor: »wie aber soll ich sie in praxi anwenden? Dunkel bleiben mir Ihre Worte, oder machen mich zittern, sollte ich Sie verstehen.« — Der Doctor lächelte.
»Träumen Sie ja nicht von Gespenstern,« erwiderte er halb im Scherze: »ich schreibe nur sanfte Mittel vor. Sie führen ja nicht das Bajonnet, nicht den Commandostab. Nur so viel in Kurzem: Geben Sie nicht feig Alles verloren. Von Stunde zu Stunde wechselt das Glück seine Häuser, und schüttet vielleicht in der nächsten den goldenen Regen durch Ihren Schornstein. Verlarven Sie nicht. Spricht das Unglück von Ihrer Stirne, so finden Sie keinen Freund mehr, während der Schein der Zuversicht Ihnen vielleicht in der letzten Minute den thätigsten wirbt. Waffnen Sie sich wider den Gegner, der sich naht; nicht mit Messer und trotziger Schmähung, sondern mit dem glatten, überredenden Worte, und der vielversprechenden Stirne. Freundlichkeit bezwingt den festesten Vorsatz. Jeder Mensch hat den verwundbaren Fleck. Jeder Mensch ist eitel. Suchen Sie die Ferse des Achilles. Schmeicheln Sie seiner Eitelkeit. Der günstige Augenblick einmal benützt, und die Wechsel werden prolongirt, die Frist ist gewonnen, mit ihr die Hoffnung, und in der Hoffnung liegen ja alle unsere Reiche. Was möglich ist, kann auch wahr werden, und das Mißgeschick macht immer wieder der Fortuna Platz. Hören Sie nie auf, auf sich zu zählen, und auf meine Verschwiegenheit.«