Mit einer anständigen Verbeugung verließ der Doctor den Handelsherrn, und wandelte nach der Stadt zurück. Müssinger sah ihm verwundert nach, und dann in sein eignes Innres. Mittel und Wege fand er freilich darinnen nicht vor, aber ein besserer Muth belebte seinen Geist, und sein Plan, sich aus der Welt zu schaffen, kam ihm bald wie ein Traum, bald lächerlich vor. Der prachtvolle Morgen trug das Seinige dazu bei, den aufgeregten zu beruhigen. Die erste Folge dieser eintretenden Ruhe war die Sorgfalt, die der Senator darauf verwendete, seinen Anzug wieder bildlicher und anständiger herzustellen. Alsdann stand er auf, blickte zum Himmel auf, und murmelte: Wohlan! den Versuch ist ja wohl die Lehre werth, und im schlimmsten Falle ändert ja der Strom binnen drei Tagen nicht sein Bett! — Somit drückte er den Hut in die Augen, wanderte gravitätisch zur Stadt zurück, und seiner gleichgültigen Miene hätte Niemand angesehen, wie es vor einer halben Stunde um ihn gestanden.

»Mein Guter,« sprach er nach einiger Ueberlegung in seinem Cabinette zu dem Buchhalter: »Es liegt mir daran, daß Ihr Euch von dem Amsterdamer nicht in meinem Hause finden lasset. Es dient mir zu besserem Stand und Hinterhalt, wenn ich sagen kann, daß Ihr, auf andern Geschäftstouren begriffen, noch nicht zu mir heimkehrtet, mir seine Antwort noch nicht hinterbrachtet. Ihr habt mir nur in einem Briefe gemeldet, daß er selbst kommen würde, sich mit mir in Richtigkeit zu setzen; nichts weiter, versteht Ihr mich? Ich gewinne durch diese Unwissenheit Aufschub, und während dessen geht eine neue Quelle auf.« — »Das gebe Gott!« seufzte der treue Buchhalter: »wo befiehlt aber mein hochzuverehrender Herr Prinzipal, daß ich mich hinbegebe?« — »Ihr mögt nach Steinstadt reisen,« erwiderte der Senator, »und bei Gericht den Zwangprozeß gegen unsern saumseligen Schuldner, den Apotheker, eifrig betreiben und anhängig machen. In einigen Tagen ist das Geschäft beendigt, zu dem ich einen Diener abfertigen würde, wenn nicht die Umstände wären, wie sie sind. Damit jedoch Eure Abfertigung ein gewisses Aufsehen mache, mögt Ihr hier noch zu verbreiten suchen, daß Ihr in meinem Namen auf die Steinkohlengruben bieten sollt, die der Graf zu Steinstadt versteigern läßt.«

»In Gottes Namen!« ließ sich der Buchhalter vernehmen, und ging, sich fertig zu machen. Der Senator stieg indessen hinauf zu seinen Frauensleuten, und kündigte ihnen an, der Herr van den Höcken von Amsterdam werde binnen wenigen Tagen eintreffen, und eingeladen werden, in dem Hause seines Geschäftsfreundes sein Quartier zu nehmen. Deshalb müsse das beste Gastzimmer in Stand gesetzt, und in Küche und Keller alles auf den Fuß hergerichtet werden, einen so ehrenwerthen Besuch nach Gebühr zu empfangen und zu vergnügen. Die Senatorin murrte und maulte viel über die ungelegene Störung des Hauswesens, gab dann, da sie nichts an dem Befehl zu ändern vermochte, in aller Gleichgültigkeit Justinen die Schlüssel zu Haus und Hof und ließ die flinke, bereitwillige Tochter für Alles sorgen. Sie selbst sah, nach wie vor, ganze Stunden lang durch's Fenster, schlief, betete ihre Psalmen gedankenlos, und hatte am Abend, in träger Ruhe unter den Freundinnen sitzend, viel von der Mühe und Plackerei einer weitläufigen Wirthschaft und unbequemer Gäste zu erzählen. Die Spiel- und Klatschschwestern säumten nicht, das Erfahrene und Gehörte in der ganzen Stadt zu verbreiten. Durch Lehrlinge und Diener und Mäkler ging von der andern Seite das Gerücht von jener Steinkohlenspekulation um, und der Senator hatte die Freude, auf der Börse wieder freundliche Gesichter zu sehen, und das Wiederaufkommen seines Credits zu bemerken. »Van den Höcken wird bei ihm wohnen!« flüsterten sich Händler und Sensale zu; »er erwartet ihn also mit gutem Gewissen! Auf die Steinkohlengruben des Grafen läßt er bieten? Sie müssen baar bezahlt werden, weil die Excellenz das Geld für Spa braucht. Er florirt also wieder, der Herr Müssinger!« Und: »Ein wackrer Mann! ein braver Mann!« scholl es nun wieder weit und breit, gerade aus dem Munde derjenigen, die ihn schon am meisten geschmäht hatten. Die ruhigern, solidern Kaufleute zuckten indessen die Achseln, schüttelten die Köpfe, murmelten von Dunst und tauben Nüssen und erwarteten die Zukunft. Aengstlicher und sehnsüchtiger als sie Alle, erwartete der Senator die Tage der Entscheidung, und es wurde ihm schwül zu Sinne, denn schon waren fast zweimal 24 Stunden seit der Unterredung mit dem Doktor verflossen, und noch hatte sich, außer dem Dunst nichts geändert in seinen Verhältnissen. Wo er ging und stand, dachte er an unausbleiblichen Bankerott, und zugleich an die Worte des Doktors, die wie Metallklänge an sein Ohr schlugen: »Hilf dir selbst, und Gott ist mit dir. Stoße den vom Brett, der dich hinabstoßen will!« »Kann ich denn diese harten Reden nicht los werden?« fragte er sich oft, wild an seine Stirne schlagend, und verschloß sich dann wieder auf Viertelstunden in den stillsten Winkel seines Hauses.

Unterdessen machte Justine die fleißige Wirthin, und ordnete und putzte in den Gastzimmern, daß es eine Freude war. James, der vergebens zur Stunde kam, und den die Mutter schnöde abgefertigt hatte, sah im Vorübergehen die Thüre der Gaststube zufällig offen, blickte hinein und grüßte Justine, die auf einem Tische stand, und sich umsonst bemühte, die schwere Stange des Vorhangs auf die Hacken über dem Fenster zu bringen. Ihr Gesichtchen war feuerroth vor Zorn, und mit weinerlicher Stimme rief sie dem Engländer zu: »So kommt doch herein, Monsieur! seit zehn Minuten rufe ich mir die Kehle rauh, nach den einfältigen dummen Mägden, die mich hier allein gelassen haben. Noch eine Minute, und ich hätte die schwere Fahne da, wie sie ist, auf das Getäfel geworfen, und wenn Spiegel und Marmortisch, und Alles dabei zu Grunde gegangen wäre. Helft mir!«

»Mit Vergnügen!« betheuerte James, legte den Hut ab, und bereitete sich, auf den Tisch zu steigen. Justine stampfte ungeduldig mit den Füßchen. »Mein Gott, wie förmlich!« rief sie, »legt doch um Gottes Willen Euer englisches Phlegma ab. Ein Anderer wäre mit einem Sprunge schon bei mir gewesen!« — »Ein wenig Geduld!« ermahnte James das Mädchen, nahm den armen Vorhang aus dessen Hand und in einem Augenblicke saß er, wo er sollte. »Besonnen kommt man nicht minder schnell zum Ziele,« sprach James weiter, und reichte Justinen die Hände, sie vom Tische zu heben. Sie bedachte sich eine Weile, wollte ihr böses Gesicht beibehalten, das schelmische Lächeln drang aber durch das Gewitter, und wie ein Zephyr flog sie an des Jünglings Armen zur Erde. »Ihr seid ein possirlicher Mensch!« sagte sie, ihm neckend in die Augen sehend: »so oft ich Euch die Wahrheit sage, spielt Ihr den Gekränkten, und gebt eine Sentenz zum Besten. Gewöhnt Euch das ab, Monsieur. Ihr seid ja kein Kandidat, der blöde thun muß, um's liebe Brod. Was ein vorwitziges Mädchen sagt, muß den Vernünftigen nicht kümmern.«

»Menschen, die mir gleichgültig sind, kümmern mich auch nicht,« antwortete James, der noch nicht alle Bitterkeit besiegen konnte. Justine blickte ihn rasch und gleich wie strafend an, verzog dann fröhlich lächelnd den Mund, und drehte sich, schnell wie der Wind, im Kreise um.

»Seht aber doch, wie schön ich Alles hier eingerichtet habe!« rief sie, sich dreimal gegen den Spiegel verbeugend, und lustig in die Hände klatschend: »Ich wette darauf, die Königin Ulricke hat keine schönere Wohnung.« —

»Die Freude, die Sie an Ihrem eigenen Werke haben,« entgegnete James scherzend, »brächte mich beinahe auf die Vermuthung, diese Zimmer seien für Ihren Verlobten eingerichtet.«

»Ach Gott, nein!« versetzte Justine, indem Sie die Hände in spaßhafter Klage zusammenschlug; »Herr Birsher wohnt leider nicht an der Ecke, um so geschwinde seinen Besuch abstatten zu können. Vor der Hand wird nur ein alter steifer Holländer, der Herr van den Höcken hier sein Quartier nehmen. Der beste Freund meines Vaters: sie haben sich aber in ihrem Leben noch nicht gesehen. Der liebenswürdigste Mann: wir wissen aber noch nicht das Geringste davon. Seht Euch das Zimmer noch einmal recht an, und lobt meinen Geschmack. In diesem Zustande seht Ihr es nicht mehr wieder!«