Während dieses in seinem Hause vorging, saß der Senator, noch von Allem ununterrichtet, mit den Seinigen im Betstübchen der Johanniskirche. Das Gebäude war gedrängt voll. Das schlechte Wetter hatte es ungewöhnlich angefüllt. Die Orgel schmetterte die Melodie des Liedes, und nachdem einige Verse desselben verklungen, betrat Pastor Lammer die Kanzel. Sein Gesicht war feurig, seine Augen sprühten und rollten in der Runde umher. Auf dem Oratorium des Senators haftete ein drohender staunender Blick, dem alle Augen der Anwesenden folgten. Heftig zerrte des Predigers Hand an der faltenreichen Krause; er hustete; er öffnete den Mund, ...da fiel ein Donnerschlag ein, dessen Vorgänger unter dem geräuschvollen Orgelspiel nicht gehört worden waren, und ein Blitz leuchtete durch die grauen Fensterscheiben, die der Stromregen peitschte. Lammer sah, während ein Laut des Schreckens durch die Kirche ging, furchtlos nach der Seite, wo der Blitz erschienen, ...seine Mienen nahmen eine gewisse Begeisterung an, — verächtlich schob er das Concept seiner Predigt, das vor ihm auf dem Kanzelrande lag, hinunter, und begann plötzlich aus dem Stegreife mit aller Kraft seiner Stimme:

»Du donnerst, Herr der Welten? Du starker zorniger Gott? ja, Barmherziger, entziehe mich heute der schweren Pflicht, deine Gebote zu erklären! Nimm selbst das Wort, damit gerade am heutigen verhängnißvollen Tage die Sünder zittern und ächzen, wenn du in deinem Zorne sagst: »Ich bin der alleinige starke Gott, und du sollst keine Götter haben neben mir!« Laß deine Gewitter rollen und den grauen Schleier vom Himmel nieder fallen, damit die Natur in Sack und Asche traure; schreibe einen außerordentlichen Bußtag aus für außerordentliche Sünden! denn sie haben dein erstes Gebot mit Füßen getreten! denn sie haben andere Götzen neben dir! denn sie haben dich geschändet, als wärst du nicht der starke eifrige Gott, sondern das elende Heidenbild Dagon, ein zerbrechliches Stück Koth! aber sie täuschen sich, denn sie knieen vor den faulen Götzen! sie betrügen sich, denn sie haben keine Bundeslade, vor welcher du den Staub küssen müßtest! sie haben sich belogen, denn ihnen ist die Hölle worden; meine Brüder! vernehmt, daß das Weib aus Babylon auferstanden war, daß es sich gelagert hatte an den Thoren dieser Stadt, und daß es gesprochen: kommt her, die ihr mich heimlich lieben wollt, und sündigt mit mir! — O der Schande! o des Gräuels! o der verfluchten Ueppigkeit! sie sind nicht vorübergegangen an dem frechen Weibe! sie haben ihr Ohr nicht vor der Schlange verstopft! sie haben mit ihr gebuhlt! ja, meine Freunde! ja, meine Brüder! das römische Pabstthum hat eine Winkelstube in unserer Stadt errichtet; es hat vielen Eurer Mitbürger das ewige Seelenheil gegen falschen Tand abgetauscht. Doch nicht alle Sündige waren verstockt; ihrer waren etliche, die Reue fühlten. Sie haben bekannt. Die Kapelle ist entdeckt, die Hülle ist von der abscheulichen Verschwörung der Finsterniß gefallen! sie sind entlarvt, und harren angstvoll der verwirkten Strafe!«

Eine Bewegung der Unruhe, des Abscheus, der Bestürzung, durchlief die Versammlung, und jedes Ohr horchte neugierig auf die Fortsetzung der Predigt. Der Senator konnte sich kaum vor Schrecken an der Brüstung des Betstübchens erhalten; die Senatorin starrte dumm und nicht begreifend auf den Prediger; Justine, ahnungsvoll und beklommen, behielt den Vater ängstlich im Auge. — Der Prediger fuhr mit erhöhtem Kraftaufwande fort:

»O, wie zittern jetzo die Herzen der Sündigen! wie werden sie wünschen, gar nicht geboren zu sein! und dennoch selig noch diejenigen, die Schaam und Reue empfinden! seliger noch diejenigen, die ihre schweren Verbrechen durch ein aufrichtiges Geständniß versöhnten! aber dreimal verworfen diejenigen, so in ihrem Irrthume, in dem Laster beharren! dreimal verworfen die gottlosen Priester aus Babel, die das Volk des Herrn verführt haben, und Unkraut gestreut unter den Waizen! — Wie soll ich euch aber nennen, Gottesläugner! was soll ich euch prophezeihen, ihr Verstockte! die mit der Abtrünnigkeit noch Heuchelei verbinden? die mit glatter Stirne den Tempel des wahren Christenthums besuchen, und das falsche im Busen tragen? besser wäre es, ihr bliebet aus dem Hause Gottes, das ihr durch eure betrügerische Gegenwart verunreinigt! — wie soll ich aber denjenigen nennen, der — selbst ein Richter im Volke.... der — selbst ein Erhalter der Gesetze — das Volk verräth, indem er dessen Verführung begünstigt?... das Gesetz schändet, indem er thut, was es in seiner Weisheit verbietet ...? den ehrwürdigen Senat, dem er angehört, brandmarkt durch seine entsetzlichen Frevel? ihn, der schamlos genug ist, sich allen Augen im Tempel des wahren Gottes Preis zu geben, sich heuchlerisch darinnen zu brüsten, nachdem er, geschweige anderer Unthaten, die erst an's Licht kommen werden und müssen, in dem teuflischen verbotenen Lotto sein Hab und Gut gewagt, und satanisches Handgeld damit gewonnen?... nachdem er ... ich spreche es mit Schaudern aus, meine Brüder, — nachdem er katholisch geworden?«

Der von dem Feuer der tadelnswerthesten Heftigkeit ergriffene Geistliche deutete mit Blick und Finger auf den Senator unverholen hin, der, von Beschämung und Wuth gepeinigt, in den Schatten seiner Betloge zurücksank, nach welcher murmelnd und blasphemirend die Menge gaffte, auf die der wüthende Prediger noch einen Hagel von Verwünschungen niederrauschen ließ. Der Auftritt sollte noch gräulicher werden. Der Senator, an seinem Stuhle nierdergleitend, hatte unbewußt den Arm seiner Frau ergriffen. Diese, die endlich mit abergläubischem Entsetzen begriff, wo hinaus der Prediger wollte, fühlte kaum die Hand ihres Mannes, als sie dieselbe lautschreiend zurückstieß, aufsprang, mit dem Gesangbuche nach dem Ohnmächtigen warf und kreischte: »Weg von mir, elendiger Mann! das fehlte noch, katholisch zu werden! Gott erbarme sich unser! Ich bleibe keinen Augenblick mehr an deiner Seite!« —

Vergebens warf sich Justine ihr bittend in den Weg. Schluchzend, wüthend, wie eine dem Teufel Entlaufende, drängte die Senatorin ihre Tochter von der Thüre. »Weg, Satanskind!« rief sie aus vollem Halse: »helft mir, ihr guten Christen! Ich gehe nicht mit einem Schritte mehr in das Haus der Abtrünnigen!«

Auf der Treppe von einem Schwarme von Betschwestern umringt, die fragten und schimpften, und bedauerten, ging das Kreischen des unvernünftigen Weibes in ein widerliches Heulen über, das der Menge Gemurre und des Predigers Stentorstimme gewältigte. »Ich unglückliches Weib!« schluchzte sie: »wer führt mich zu meinen Verwandten, damit ich sicher sei vor dem Teufel, an den man mich verheirathet hat? Ich habe zu Allem geschwiegen, aber nun kann ich's nicht mehr. Der elende hat im Lotto gespielt, hat den Holländer umgebracht, und nun erst ... katholisch zu werden ...! ich armseliges Geschöpf!«

Endlich wurde sie fortgebracht, und mit ihr ging die Steuercommissärin und viele Freundinnen. »Da haben wir's ja!« sagte die Erste triumphirend. »Da hören Sie's selbst, meine Lieben! den Holländer umgebracht, ... wahrscheinlich nicht minder dessen Sohn, der seit gestern verschwunden ist ...! Lotterie gespielt ... katholisch geworden! und mit alle dem that der schlechte Mann als wie ein Tugendspiegel! Aber mein Mann soll auf der Stelle zum Bürgermeister, und dann wollen wir sehen, ob noch Recht im Lande ist!«

Während dessen schritt, von einem angsterregenden Menschengedränge umgeben, von Justine unterstützt, der todtenähnliche Müssinger durch die Kirche und über die Gassen. Es regnete entsetzlich. »Warum gehst du nicht zu der Mutter?« fragte er die Tochter leise und ohne die Augen zu ihr aufzuheben. »Ich bleibe bei Ihnen,« erwiderte sie sanft: »ich kenne die Mutter nicht mehr. Ich habe im Stillen geahnt, was Ihre Vernichtung mir bestätigt! Ach, ich habe nicht falsch gesehen,.. der Doctor!.. Aber ich liebe Sie jetzt mehr, um Ihres Unglücks willen, und begehre nicht, von Ihnen mich zu trennen.« — »O mein armes, einziges, liebes Kind!« sprach der Senator unter Wehmuthswellen, und schauderte sichtbar zusammen, weil eine Menge Volks vor seinem Hause sichtbar wurde, und die Hellebarden und rothen Röcke der Rathshatschiere von der Thüre daher blinkten. — »Ich werde in Arrest gebracht!« seufzte der Beängstigte. Justine erschrack; ihre Thränen fielen auf seine Hand. Der Senator erhielt im Gedränge einen Stoß auf die Brust; er sah zur Seite und erblickte sein schweres Portefeuille, das ihm eine hülfreiche Hand in den Busen schob. »Einen Gruß von den Herren!« sagte der blasse Litzach zu ihm, der sich wieder niederduckte: »Sie sollen das bewahren und fliehen. Die Bücher sind verbrannt und zerrissen. Ernst hat Sie verrathen, fliehen Sie nach Amsterdam, der Doctor erwartet Sie.«

Die Worte waren wie im Fluge gesprochen worden, und der dem Senator unbekannte Bote verschwand. Der Senator verbarg mechanisch das Taschenbuch, das seine Wechsel und Obligationen enthielt, ohne darüber nachzudenken, wie es wohl aus dem verschlossenen Hause in die Hände jenes Menschen gekommen. Zwei Senatoren, Commissarien des Bürgermeisteramts, die in ihren schwarzen Kleidern und weißen Perücken ungeduldig im Regen warteten, riefen dem verdächtigen Collegen zu, die Thüre schnell aufzumachen. Müssinger gehorchte; Commissarien, Hatschiere, Volk drangen in das Haus. Justine wurde von des Vaters Arm gerissen, und flüchtete in das obere Stockwerk, dessen Treppe von den Hatschieren besetzt wurde. »Ihre Papiere!« hieß es unterdessen zu dem Senator. — Er bückte sich, die Thüre seines Cabinets zu öffnen. Sie war schon offen. Man trat ein. Der Pult war gewaltsam geöffnet ... von den Büchern der Jesuiten, die darinnen verwahrt gewesen, sah der Senator, selber staunend, keine Spur. Unglücklicherweise jedoch fand ein Spürhund in einem Winkel die Legenden der Heiligen Ignaz und Xaver. Als ein Beweis des Gesuchten wurde das Buch mit Jubel empfangen. »Unwürdiger Mann!« sagte ein Senator zu dem verstummenden Müssinger; »die Schlüssel zu der Kasse, damit sie für's Erste in Beschlag genommen werde!« »Oeffnen Sie die geheimsten Fächer des Bureau's!« sagte der Zweite; »man hat Sie mit Seelenverkäufern umgehen gesehen; nach der Aussage Ihrer eigenen Comptoirbedienten Nothhaft und Berndt. Wo ist die Correspondenz über diesen schändlichen Trafik?« —