»So eilen Sie!« ermahnte die Lainez, und führte Justine schnell mit sich von dannen; weit vom Vaterhause, auf dem Paulsplatz, wo sie sehr durchnäßt ankamen, allein doch unbeachtet. Rasch schritten die Frauen auf die Kirche los; heftig zog die Lainez die Glocke an dem Pförtchen des Thurms. Die wenigen Minuten, deren der Thürmer bedurfte, um herabzukommen und aufzuthun, wurden den Harrenden zu Ewigkeiten. Endlich ... Schlüsselklang ... das Pförtchen geht auf. Pahlens empfängt verwundert, freudig erschreckt, die Einstürmenden. »Gott grüße Sie, Herr Pahlens!« ruft die Lainez in Eile; »oben ein Näheres!« und mit flüchtigem Fuße eilen die Frauen über die hölzernen Stiegen; an Glocken und Uhr vorüber, über die finstern Wendeltreppen, durch die finstern Gangschluchten, und an den hohen Luken vorbei, die eine schwindelerregende Gruft vor dem Aufsteigenden eröffnen; und nimmer ruhen und nimmer rasten sie, bis der letzte Treppenabsatz erklimmt, und die Plate-Forme des Thurms erreicht ist, wo der heftig ziehende Luftstrom sie zwingt, in des Thürmers Stübchen einzutreten, Platz zu nehmen, Odem zu schöpfen, und endlich dem nachgefolgten Pahlens die Absicht ihres Kommens zu erklären. Die Französin faßt sich hierin, so wie in Allem kurz.

»Sie wissen, Monsieur, was in der Stadt vorging,« sagt sie mit vertraulichem Tone zu dem Thürmer; »wir sind ebenfalls das Opfer jener traurigen Ereignisse. Wir fordern von Ihnen Schutz und sichern Aufenthalt für wenige Tage, und erwarten von Ihrer Galanterie die Erfüllung unsers Begehrens!«

Ein Strahl von Freude und Behagen fuhr über Pahlens Gesicht; vergnügt rieb er sich die Hände, und versetzte: »Sie kommen zur besten Stunde, meine Damen. Mein Gehülfe wurde gestern in das Landkrankenhaus gebracht, und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl allein behelfen, und der Magistrat wird mir die Schonung seiner Kassa danken. Ueber diesem Zimmer, in der Kuppel des Thurms, befindet sich das schönste Belvedere; ein Plätzchen, wie geeignet, die Göttin Venus mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daselbst wohnen, ungestört sein, und nur die Vorsicht beobachten müssen, sich nicht sehen zu lassen, wenn sich Neugierige oder Leute, die hier oben Geschäfte haben, auf dem Thurme einfinden.«

Justine, von dem albern galanten Wesen des Thürmers unangenehm berührt, drang darauf, das gerühmte Kuppel-Zimmer auf der Stelle zu beziehen. Ihrem Wunsche wurde also willfahrt, das Frauenpaar in sein Asyl eingeführt, das in der That eine gewisse Eleganz darbot, und eine vielversprechende Fernsicht; heute freilich von Regenschleiern verhüllt. Pahlens, nachdem er sich in seinen besten Putz geworfen, trug seinen Schutzbefohlenen Alles auf, was die beschränkte Speisekammer des Junggesellen vermochte, und lud seine Gäste ein, seine Gaben nicht zu verschmähen. Die Lainez ließ sich nicht nöthigen. Justine versagte, setzte sich an's Fenster, sah hinaus in die grauen Wolkenmassen, und weinte und seufzte, und machte Pläne.

Pahlens, nachdem er vergeblich versucht, der Jungfer, die sein Herz erobert, ein Wörtchen abzugewinnen, ging verdrüßlich davon, die Stunde zu schlagen; ließ die Frauen allein.

»Wohin sind wir gerathen?« fragte Justine heftig: »wie sind Sie hier bekannt geworden, Madame? Von der Discretion eines geckenhaften Menschen abzuhängen, der mich durch seine Zudringlichkeiten ärgern könnte, machte ihn nicht seine Albernheit lächerlich! Warum habe ich mich von Ihnen beschwatzen lassen?«

»Wissen Sie einen Ort, an dem man uns weniger vermuthet? an dem wir unbemerkter sind?« fragte die Lainez einsilbig dagegen, und setzte bei: »ich kenne den Herrn dieses lustigen Hauses zwar nur oberflächlich, aber getraue mir, für die redliche Reinheit seiner Gesinnung zu bürgen. Fürchten Sie keine Beleidigung Ihrer Würde, keine Verletzung des Anstands. Was Sie auch von mir halten mögen ... ich bin eine Freundin und Bewahrerin strenger Sitte, und Niemand wird mehr als ich von einer Unbescheidenheit verletzt. Schlafen Sie deshalb ruhig. Morgen leuchtet uns vielleicht ein günstigerer Himmel. Vielleicht sind wir so glücklich, etwas Näheres von Ihrem Vater zu erfahren, und Ihr Zweck ist dann erreicht.«

Dieser Zuversicht sich überlassend, fügte sich Justine in die seltsame ungewohnte Lage. Der Abend kam, und verging bei einsamer Kerze, und bei'm Lautenspiel des Thürmers, der sich's nicht nehmen ließ, die Frauenzimmer zu unterhalten, bis die Zehner-Glocke geläutet werden mußte. Pahlens Fürsorge hatte den Damen auf den Ruhebettchen des Belvedere ein erträgliches Lager bereitet. Er wünschte ihnen gute Nacht, und empfahl ihnen das Licht zu löschen, damit der Wächter, der nach zehn Uhr auf dem Thurme einzutreffen habe, nicht Unrath merke.

Justine verriegelte die Thüre. Die Lainez löschte die Kerze. Die beiden schönen Flüchtlinge versuchten, ohne ein Wort ferner zu wechseln, zu entschlummern. Justinens Augen floh jedoch der Schlaf; ihrer Begleiterin ging's nicht besser, denn Justine, ganz stille ruhend, hörte plötzlich, wie sich die Lainez leise aufrichtete, und in französischer Sprache, — in der Meinung, ihre Gefährtin schlafe, — zu beten anfing. Das Gebet war an die Himmelskönigin, an die heilige Jungfrau gerichtet, und die Flehende forderte die göttliche Mutter auf, durch ihre Gnade den traurigen Zustand zu endigen, in dem sich gegenwärtig die Bittende befinde; ihr es möglich zu machen, den lauernden Feinden zu entgehen, und unter den Schutz der Gläubigen zurückzukehren. Sie fügte hinzu, die Jungfrau möchte diese Gnade auch auf ihre Gefährtin ausdehnen, die um ihrer Eigenschaften willen, zu dem besten Glücke würdig und berufen sei. Sie möchte ein Wunder ihrer Huld thun, um das Seelenheil der Protestantin zu retten, sie auf die Bahn, die ihr Vater betreten, zu führen, ihr alle Sünden zu erlassen, sie frei und glücklich zu machen! Wenn die göttliche Fürsprecherin alles dieses Verlangte thue, so verspreche ihr die Beterin eine neuntägige Bußübung, ein vierzehntägiges Fasten und eine Votivtafel dem wunderthätigen Bilde zu Montserrat. Hierauf begab sich die Lainez wieder zur Ruhe, und entschlief bald in vollkommener Friedseligkeit.

Justine, welche aufmerksam gelauscht hatte, machte ihre besondern Betrachtungen. In dem Grade, als ihr Mißtrauen gegen die Französin zunehmen mußte, in der sie nun eine eifrige Katholikin, und — wie sie im Verlauf des letzten Tages geahnt hatte — ein Werkzeug ihrer beabsichtigten Bekehrung empfand, nahm auf der andern Seite wieder ihr Vertrauen zu der Person zu. Die Lainez hatte ja in ihrem Gebet die Protestantin mehr noch den himmlischen Mächten empfohlen, als sich selbst; sie hatte für Justinens Erleuchtung und Rettung gebetet, sie hatte dafür ein Gelübde geleistet! Justine dankte ihr im innersten Herzen für die Beweise einer liebevollen Theilnahme, und vergab ihr allen Unglimpf. Justine beneidete sogar die Französin um ihr Vertrauen, um ihr gläubiges Gebet, das den ruhigen Schlaf auf die Augen der Beterin goß, erzeugt von der Zuversicht, daß das Gebet erhört, das Gelübde vergolten werden müsse. Justinens Auge blieb wach und munter ihr Ohr. Sie sah die Streiflichter der Wächterlaterne, die um das Thurmzimmergebäude die Runde machte; sie hörte Pahlens und des ablösenden Wächters Stimme, das heisere Gebelle des Wachthundes, die von Stunde zu Stunde gegebenen Posaunenstöße in die weithallende Luft, das erschütternde Ausheben der großen Uhr, die Donnerschläge der allzunahen Stundenglocken. Unwillkürlich dachte sie an die Mährchen ihrer Amme, an das Traumgesicht, das Georg Birsher erzählt hatte. Sie blickte sorglich nach der Gegend der Thüre, ob nicht etwa des alten Amerikaners wahrhaftiger Geist hereinschreiten werde. Aber quälender wurde ihre Angst, marternder ihre Schlaflosigkeit erinnerte sie sich der verflossenen Tage, des Glücksruins ihres Vaters, seiner Verblendung, seiner Flucht, des Verschwindens ihres Verlobten. Eine traurige Zukunft rollte sich vor ihrer Einbildungskraft auf, und sie hätte sich aus den Fenstern des Thurms in das Wolkenmeer geworfen, wenn es möglich gewesen wäre, auf demselben überzuschiffen nach der Weltgegend, in welcher sich ihr Vater befand. Dem Andenken des, gewiß auf immer von ihr getrennten Verlobten weihte ihr Herz nur eine vorübergehende Klage: des Vaters Bild erfüllte es ganz. Seine Führerin, seine Begleiterin in dem Labyrinthe seines Unglücks zu werden, schien ihr Beruf zu sein, und sie sehnte den Tag herbei, der ihr vielleicht Kunde zu geben bestimmt war. Der Tag kam herauf, herrlich und prächtig, wie sein Vorgänger häßlich und stürmisch gewesen war. Justine badete ihre glühende Wange in dem kühl strömenden Glanzmeere, das um des Thurmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels hatten sich zerstreut, waren am Horizonte niedergesunken. Durch die durchbrochenen gothischen Geländer der Plate-Forme schimmerte das tiefe Blau des Himmels, und über dem frei ragenden Gipfel strahlte ein feines durchsichtiges Dach von Azur. Schaaren von munterem Gefieder strichen neckend oder majestätisch vorüber. Der Storch klapperte fröhlich in seinem Neste; mit ihm um die Wette gurrten die Ringeltauben des Thürmers. Eine köstliche Aussicht hatte sich durch die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Fläche um die Stadt, nur in der weitesten Ferne von Gebirgsumrissen begränzt, prangte in der vielfarbigen Fülle des nahenden Herbstes. Städtchen mit glänzenden Thurmknöpfen, Kirchdörfer mit luftigen Ziegeldächern, zwischendurch belebte Landstraßen, oder weite Baumgelände, oder grüne Fluren, oder silberne Ströme, oder abgelesene Felder und frisch umgewühlte Aecker, über deren Furchen wunderliche Herbstseidenfäden ihren weichen, eisgleichen Spiegel gezogen hatten — entzückten das Auge. Die ansehnliche Stadt, von grünen Bastionen, alterthümlichen Warten und dem Strome umzogen, bildete gleichsam den Korb, aus welchem man in's Weite sah. Justine hatte diesen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie hernieder gesehen in die dunkeln Straßen, auf die volkreichen Märkte, auf die Giebel der Häuser, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie suchte, sie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer Freuden; sie suchte und fand den altergrauen Johanniterhof, die Wiege ihres Leidens und des Unglücks ihres Vaters; sie suchte nicht das Gasthaus, das ihren Bräutigam beherbergt hatte, damit ihr Schmerz nicht erwache; sie suchte aber die Straßen, die von den Thoren in alle Weltgegenden ausgingen; sie versuchte zu errathen, welche ihr Vater wohl eingeschlagen haben mochte, oder ob er vielleicht noch in der dumpfigen Häusermasse athme, deren Bewohner sich gegen ihn und seine Schwachheit verschworen hatten. Sie lief, ohne sich des »Warum?« bewußt zu sein, nach der Thüre, sie öffnete dieselbe unschlüssig, und hörte plötzlich vom Fuße der schmalen Treppe, die in's untere Gemach führte, leise Flüsterworte, eine Unterredung, die sie nahe mit anging. Pahlens und die Lainez, die schon seit einiger Zeit das Gemach verlassen hatte, sprachen zusammen, heimlich und vertraulich — von Justinen.