»Sie können sich leicht denken,« sagte der Thürmer: »wie mich's allarmirt hat, als ich's vernahm. Es ist doch Schade um die magnifique Jungfer. Parole d'honneur! die Mama und der Vormund wollen sie, sobald sie ausfindig gemacht worden, in die Kostschule sperren lassen, weil sie dergestalt an ihrem Vater hängt. Es wird behauptet, sie sei, wie er katholisch geworden, und dieser Schmutz müsse abgekratzt werden.«
»Nichts weniger als das,« versetzte die Lainez: »indessen müssen Sie, Monsieur, uns weiter helfen. Der Superior hat mir das Mädchen auf die Seele gebunden. Ich muß Wort halten, damit auch mir einst Wort gehalten werde.«
»Ich will wohl behülflich sein,« sprach Pahlens wichtig: »aber um den Lohn begehre ich auch nicht zu kommen. Sie wissen, meine Beste, wie mich der blinde Cupido selbst aveugle gemacht hat. Ich bin amoroso dergestalt, daß ich mit Thränen meine Speisen salze, und täglich und nächtlicherweise von Morpheo verlassen werde. Wenn mir die ehrwürdigen Patres die Holdselige zur ehelichen Hausfrau geloben wollten, ... auf das Vermögen thäte ich Verzicht, und baute irgendwo mein stilles Arcadia an. Könnte ich alsdann in irgend einem Dome Organist werden, so sollten die dankbarsten Liebesgötter meine Register handhaben.«
»Sie sind eigennützig, Monsieur Pahlens,« entgegnete die Lainez empfindlich.
»Ich opfere auch Alles auf, bis auf die Braut, die ich adorire,« sagte der Geck: »wenn es herauskömmt, daß auch ich den Staub des Lutherwesens abgeschüttelt, so würde ich's nicht läugnen, und folglich meinen Bündel schnüren müssen, und von denen Musis erwarten, wo ich wieder meinen Unterhalt fände. Nicht wahr? Wäre hingegen Jungfer Justine meine Verlobte.... vraiment! noch heute sagte ich auf, zöge morgen ab, und erhielte alsbald meinen Abschied, weil sich Zehne für Einen um meinen Dienst bewerben.«
»Das Mädchen will seinen freien Willen haben, Monsieur Pahlens.«
»Recht, beste Madame. Sie soll meine Devotion erkennen lernen, und wenn sie meine liebeslustigen Sentiments erfährt, wird sie nicht unempfindlich bleiben. Die Zeiten sind anders. Der Papa davon gelaufen ... die Mama, die sie einsperren will; auf der andern Seite dagegen der niedliche Pahlens, ein Virtuose auf vielen musikalischen Instrumenten und heftig verliebt;.... ich bin gar nicht bange zu reussiren, wenn Sie mir Ihren Beistand nicht versagen, und ein acht Tage hier oben verweilen.«
»Warum nicht gar? Sie müssen uns so schnell als möglich wegbringen. Man gibt vor, ihr Vater habe sie beschieden ... wohin? das ist gleichviel. Sie geht in die Falle. Wir bringen sie in den Bereich des Superiors, und das Zureden desselben, wie Ihre galante Bewerbungen werden das Uebrige thun. Wir Weiber sind schwach, Monsieur, und weichen gerne der Schmeichelei, wenn uns die Stütze eines Vaters fehlt.«
»Wenn Sie meinen.....« fügte Pahlens hinzu, und das Gespräch verstummte.
Justine zog sich, empört und erschreckt von dem, was sie vernommen, zurück. Sie mochte überlegen, wie sie wollte, sie war gefangen und gebunden. Dort, wenn ihre Hartnäckigkeit einen freien Abzug von dem Thurme erzwang, die schimpfliche Einsperrung in die Kostschule, worinnen ungehorsame Töchter oder leichtsinnige Weiber oft Jahrelang ihrer Lossprechung entgegenharrten; und dann die Autorität eines steifen unfreundlichen Familienraths, endlich der Spott, die ehrenrührigen Gerüchte der müßigen Stadtschwätzer. — Hier eine begünstigte Flucht, die Hoffnung, den Ketten zu entrinnen, aber der Zwang einer lügenhaften Verstellung, die Gewalt eines intriganten Weibes, eines affenhaften Liebhabers, und irgend eines Superiors, den sie nicht kannte, nicht begriff, und der entscheiden sollte, ob sie den Thürmer zu heirathen hätte, oder nicht! sie sah sich schon im Netz heimtückischer Katholiken, und wenn hin und wieder ihr die Vernunft schmeichelnd zuflüsterte: sie möchte sich der Verstellung unterziehen, zu glauben vorgeben, was man ihr von Vaters Befehl vorspiegeln werde, und auf der Reise eine Gelegenheit suchen, von ihren falschen Freunden loszukommen, — so sträubte sich doch dagegen sowohl ihr gerader Charakter, als auch die so natürliche mädchenhafte Schüchternheit. Wer wußte, ob sich jene Gelegenheit fände? ob man sie nicht bereits in einen katholischen Zwinger gebracht, ehe sie an ein Entrinnen denken konnte? wer gab ihr auch zunächst die Versicherung, daß sie den Vater finden würde, sie, ein hülfloses unerfahrenes Mädchen ohne Schutz? ja, wenn Georg an ihrer Seite gewesen wäre! auf ihn, den besonnenen und entschlossenen Mann hätte sie jede Hoffnung gesetzt! aber ... allein?