Sie verlor sich in trostlosen Betrachtungen. Die Lainez verließ sie darinnen, um, wie sie vorgab, einen schnellen Gang durch die Stadt zu machen, um zu erfahren, was sich Neues zugetragen. Justine würdigte sie kaum eines Abschiedgrußes, und verschloß vor dem Thürmer, der gern den Anfang seiner Bewerbungen gemacht hätte, die Thüre.
Wie sie nun da saß, und überlegte, und zu keinem klaren Willen gelangen konnte, hörte sie auf der Gallerie schwere klingende Tritte nahen. Ein Blick der Neugierde flog durch die ringsum freien Fenster des Belvedere.
Zwei Männer in Uniform erstiegen die Plate-Forme, und der Voranschreitende, mit leuchtenden Achselbändern und einer vielfarbigen Schärpe geziert, von dessen Kasket eine breite Feder wehte, belobte alsobald die wunderschöne Rundsicht, deren man von dem hohen Standpunkte genoß. Pahlens, die Mütze in der Hand, trat zu ihm, und beeilte sich, dem Besuchenden dienstfertig die verschiedenen Theile des großen Rundbildes zu erklären, nannte ihm die Hauptgebäude der Stadt, die umliegenden Dörfer, und ließ sich eines Breitern in die Erläuterung der bestehenden Wächter- und Feuerordnung ein. Der Offizier hörte freundlich zu, sendete Fragen auf Fragen, und schien mit seiner Expedition auf den Paulsthurm sehr zufrieden. Sein Begleiter indessen, in derselben Uniform, doch ohne Silber und Schärpe und Feder und Achselquaste, ein gemeiner Reiter und dienender Gefährte des Offiziers, nahm keinen Antheil an dem Gespräche, und wanderte einsam um die Gallerie, bis er auf die, dem Offizier entgegengesetzte Seite zu stehen kam. Da legte er beide Ellenbogen auf das Geländer, stützte sich auf diese, und bückte sich nachdenkend hinunter. Justine war dem Menschen gefolgt. Er hatte — so fremd seine Kleidung war, — so viel Bekanntes in seiner Haltung; ... neugierig lauschte sie, verwendete kein Auge von ihm, und ... als er einmal das Kasket abnahm, um sich den Schweiß abzutrocknen, als ein jugendlich melancholisches Gesicht darunter zum Vorschein kam — da bewegte sich Justinens Herz in unentschlossener Freude. Der Soldat war James, seine absichtslose Unbefangenheit ein Bürge, daß er hier nicht auf hinterlistigen Wegen wandle; daß er nicht, mit der Lainez einverstanden, gekommen war, um Justine mit eigner Hand noch tiefer in das Netz zu verwickeln, das sie bereits umgab. Vergessen waren alle Beweggründe, die einst Justinens Unmuth gegen ihn gereizt hatten; sein soldatisches Kleid, für Weiberherzen stets ein Vertrauen erregendes, zeugte von einer gänzlichen Veränderung seiner Lage, sein Gesicht von bekümmertem Ernste. Justine fühlte sich hingezogen zu dem Jüngling, der ihr ein Bekannter, ein ehemals geschätzter Freund gewesen. Da der Vater geflohen, da Georg verschwunden — wo hätte sie eine Seele finden können, ihr verwandter, angehörender als dieser junge Mann? er oder Keiner war dazu gemacht, sie den treulosen Händen, worin sie sich befand, zu entreißen, und ein innerer Zug bestimmte sie zur Zuversicht auf ihn.
Ohne sich ihrer klar bewußt zu sein, hatten diese Gedanken den Sieg in ihrem Verstande, in ihrem Herzen errungen. Leise, aber dennoch nicht ohne Geräusch, hatte sie das Fenster aufgezogen. James sah sich um: Ueberraschung, Freude, Entzücken zogen auf seinem Gesichte die fröhlichen Wimpel auf. Justine, ihm verbindlich zunickend, winkte ihm, behutsam zu sein. Er legte beide Hände auf die Brust, sah sie voll Liebe an, und erwartete ihr Begehren.
»Ich bin gefangen,« lispelte Justine englisch, »wenn Ihr, Herr, kein Verschworner der Lainez seid, befreit mich; doch behutsam.«
James, der bei dem Namen der Französin eine Bewegung des Abscheus nicht hatte unterdrücken können, antwortete rasch und ohne zu überlegen: »Mit Gottes Hülfe, Miß.«
»Mein Vater?« fuhr zaudernd und ahnend Justine fort, »meine Zukunft? erfuhrt Ihr Nichts? darf ich Euch vollends vertrauen?«
Die Sporen des Offiziers erklangen, des Thürmers gellende Stimme erscholl; James winkte der holden Bittenden, sich zurückzuziehen. Sie stellte sich hinter den offenen Fensterflügel, den Engländer im Auge behaltend, der sich wieder an das Geländer lehnte, den Blick gleichgültig gegen Pahlens Taubenschlag kehrte, und nach selbsterfundener Melodie ein Liedchen sang, das — nicht künstlich in Strophen und Reim geschnitten — in seiner Nationalsprache dem Mädchen zu wissen that, was ihm noth war: daß der Senator gerettet, daß er sie nach Amsterdam beschieden, daß James, ihre Spur verlierend, beinahe in Verzweiflung gerathen; daß er die Lainez hasse, Justinens Schicksal bedaure, und Alles zu ihrer Befreiung und zu ihrer Rückkehr zum Vater aufbieten werde. Die Thore der Stadt seien wieder offen, und Justine würde noch am Nachmittage Nachricht erhalten.
Justinens Busen erzitterte von Wonne. Der Offizier machte jedoch dem improvisirten Liede ein Ende. »Brav,« sagte er in ziemlich schlechtem Deutsch; »ich sehe doch, daß Seine Melancholie ein Ziel hat. Wenn der Gesang auf die Zunge hüpft, wird auch das Herz ruhig. Er wird mich vollends zu Seinem Freunde machen, wenn Er aufgeweckt und munter ist.« James bückte sich, und wußte, auf geschickte Weise das Kasket in Stirn und Auge drückend, dem umherfaselnden Pahlens sein Gesicht auf's Beste zu verbergen. Nach einigen Worten empfahl sich der Offizier, und James folgte ihm dienstpflichtig. Der Schlüssel tragende Thürmer geleitete sie hinab.
Wie schnell hüpfte nun Justine aus ihrem engen Zimmer! wie freudig tanzte sie auf der Gallerie umher! wie verächtlich sah sie auf die düstere Stadt, wie wonnetrunken auf die fern hinziehenden Heerwege nach Westen, wohin der väterliche Ruf sie beschied. Sie fürchtete keine Tücke von James! sie rechnete auf das Uebergewicht, das sie über die Handlungen des Jünglings stets behauptet ... und nur nach Freiheit, nach Vereinigung mit dem geliebten — unglücklichen Vater, lechzte, alle Bedenklichkeit vergessend, ihre Brust.