Endlich gelangte sie mit dem Plane auf's Reine. Sie wollte gegen die zehnte Stunde, mit welcher der ablösende Wächter im Thurme einzutreffen pflegte, ihr Lager verlassen, die Treppen hinabschlüpfen, und hinter einer Säule am Eingange den Thürmer erwarten, wenn er kommen werde, dem Wächter zu öffnen. Sie wollte alsdann herzhaft den schmächtigen Pahlens zurückstoßen, und an dem Wächter vorbei durch die offene Thüre entspringen. Pahlens Vortheil, dachte sie, würde ihn bewegen, keinen Lärm zu machen, und der Retter nicht weit vom Thurme ihrer warten. —
Von ihren Hoffnungen ermuthigt, hörte sie mit vieler Geduld die Schmeicheleien der Lainez, die Albernheiten des Thürmers an, womit diese, ihr zu gefallen, den Abend tödteten, und suchte frühzeitig das Lager auf. Die Lainez löschte die Lampe aus, und entschlief bald an Justinens Seite. Diese Letztere versäumte keinen Augenblick. Sie war angekleidet geblieben; sie hatte das Päckchen, das ihren Schmuck und ihre Sparpfennige enthielt, unter ihr Kissen verborgen; dieses und die Schuhe in der Hand, entriegelte sie so leise als möglich die Thüre, fühlte sich das steile Treppchen hinab. — Die Stiege knarrte; Justine erschrak: zum Glücke jedoch klimperte Pahlens, in dem Lehnstuhl seines Zimmerchens hingestreckt, auf der Laute, und kämpfte mit dem Schlafe. Justine bemerkte dies, durch das Thürfensterchen schauend, und dankte dem Strahle des durchschimmernden Lichts, der ihr die ersten Stufen der Wendeltreppe zeigte. Muthig betrat sie den dunkeln Weg, vorsichtig den Strick anfassend, der als Geländer diente. Endlich kam sie in den Bereich der Glockenstube, wo die Wendelsteige aufhörte, und die breiten hölzernen Treppen begannen. Eine falbe Sternenhelle schlug durch die riesengroßen Fenster. Das Uhrwerk webte und regte sich mit wunderlichem Geräusch neben der Fliehenden. Sie enteilte der schauerlichen, in abgemessenem Takte pickenden und schnarrenden Nachbarschaft. Ein schützender Geist führte sie die geländerlosen Stiegen, dicht am Rande einer rabendunkeln Tiefe hinab. Ungeziefer raschelte über ihren Pfad, hüpfte und kletterte auf und ab neben ihr; begleitete sie bis in die unterste Halle, wo sie hochathmend stille stand, hinter die Säule, die sie erfaßte, schlüpfte, und mit hoffender Seele wartete; — denn schon glaubte sie, den herannahenden Wächter zu hören, — doch — das war nicht der Schritt eines Einzelnen; mehrere — immer näher kommend....; »sind's die Retter?« fragte sie sich mit gespannter Aufmerksamkeit....
Und plötzlich wurde es sehr laut vor der Thüre: viele Stimmen; Flinten-Gerassel; rohe Reden; Spott, Gelächter, starker Schellenlärm; der vielstimmige Ruf nach der Höhe endlich: »im Namen des Magistrats!« Laternenglanz fiel durch das Schlüsselloch. Justine schreckte auf. »Das sind Verfolger!« klagte ihre ahnende Seele: ... »sie kommen, dich zu fangen! deine Freiheit soll verloren gehen! Oeffnet die Thüre, so geräthst du mitten in die Feinde!«
Sie wendet sich entsetzt zum Rückwege. Sie eilt die Treppe hinan. — Neue auflodernde Angst. Von oben naht sich Schlüsselgerassel, Lampenschein ... Pahlens unzufriedenes Schelten! — Dem verhaßten Menschen, den Verfolgern zu entgehen ... Wo das Mittel? Ihre Hand tappt nach der Seite der Uhrstube, neben welcher sie wieder ist. Sie findet eine angelehnte Thüre; drückt sie auf; stürzt hinein ... klammert sich bebend an zwei dicke Pfosten fest, neben welchen durch man zum Uhrwerk geht. — Sie läßt Pahlens vorüber gehen, hört ihn die Thüre öffnen, hört, wie man ihn gewaltsam ergreift, festnimmt, zwingt, den bewaffneten Troß hinauf zu führen, während unten sorgfältig die Thüre wieder verschlossen wird. Wenige Minuten, und der Schwarm kömmt zurück. In seiner Mitte jammert der arretirte Pahlens. — »Verdammter heimlicher Katholik!« ruft eine Stimme: »du sollst schon reden lernen!« und fort tobt die Schaar, und verläßt den Thurm.
Die Pforte fällt zu; Schlüssel drehen sich im Schloß; schwere Tritte kommen die Treppen herauf. Der neue Wächter gewinnt die Höhe. Seine Tritte verhallen, seiner Lampe Schimmer vergeht; Alles wird still — todtenstill, und trostlos erräth Justine, daß sie ganz verlassen geblieben. Keine Hoffnung zu entkommen ...; kein rettender Zuruf von Außen. Unter der Last ihrer Angst wanken ihre Kniee, schwindelt ihr das Haupt. Da fängt das Uhrwerk an zu rasseln wie Gewitterlärm, Walzen und Räder knarren, pfeifen und rauschen, und die furchtbar große Glocke schlägt an, als ob jeder Streich Justinens Leben zu vernichten hätte. Die Erschütterte sinkt unter den donnernden Schlägen, die nicht endigen wollen, zusammen. Ihr Bewußtsein schwindet. —
[Dritter Theil.]
Erster Abschnitt.
1721.