Der Abend in Santa Dominica. — Luis und Ines. — Der Fremde. — Seine Erzählung. — Seine Erinnerungen. — Des indianischen Kindes erstes Abenteuer. — Der Morgen in der Colonie. — Die fremden Schiffe. — Wiedersehen. — Die Jäger aus den Savannen. — Consultador und Rector. — Justinens Loos. — Der Vorschlag des Pfarrers. — Die Nacht. — Der Ueberfall. — Die Savannen. — Das Lager der Abiponer. — Capitän und Capitana. — Das Opfer. — Fest des Siebengestirns. — Hülfe aus der Ferne. —
Der Abend flammte purpurroth am Horizonte, den ein Kranz von schwarz aufsteigenden Wetterwolken einfaßte. Die Ebene lag von schwüler Hitze überbrütet. In dem Missionsorte Santa Dominica läutete die Glocke, und auf dem Platze vor der Kirche versammelten sich, von der Arbeit im Feld und Haus gehend, die Bewohner der Mission; Männer, Weiber und Kinder in buntem Gedränge, aber mit anständigem Schweigen. Ein großer Kreis wurde geschlossen, und andächtig falteten sich alle Hände, als das Thor des Missionshofes aufging, und der Pfarrer hervortrat, begleitet von einigen Negern, die schwere Karren, mit zerlegtem Fleische gefüllt, heranzogen, und von stämmigen indianischen Mägden, die in langen schwankenden Körben an Lianenstauden große Vorräthe von Mais und Thee herbeitrugen. Der Pfarrer, eine gesunde, obgleich siebzigjährige Gestalt, begab sich würdevoll in die Mitte seiner Pfarrkinder und sagte: »So ist denn wieder mit Gottes, des Ewigen, Hülfe ein mühevoller Tag der Arbeit und des Fleißes zurückgelegt. Der wackere Mann, Euer Corregidor, meine Kinder, hat mir den erfreulichsten Bericht über Euer Streben abgestattet; und neben dir, du guter Juan Bosco,« — der genannte Indianer bückte sich geschmeichelt und demüthig — »der unsere große Caamiripflanzung so vortrefflich zu bewässern unternommen hat, habe ich alle Uebrigen zu loben, mit Ausnahme eines Einzigen, dessen ich leider mit verdientem Tadel gedenken muß.«
Die Leute sahen sich ernsthaft und verwundert an; aber ohne den Aufruf abzuwarten, trat Einer aus dem Volke, ein rüstiger junger Mann hervor, und kniete mit betrübter Miene nieder, indem er ausrief: »Ach, Vater Luis! vergebt doch ja, und auch der gute Vater über dem Himmel vergebe mir! Ich habe gesündigt; ich habe im Zorne meine Nachbarin, die gute Cordula, verwünscht, und Unkraut in ihren Acker geflucht. Ich bekenne meinen Fehltritt und will ihn nie wieder thun!«
»Recht, Francisco,« versetzte der Pfarrer; »du hast die Liebe des Nächsten und Gottes Langmuth und Fürsicht beleidigt, ein schweres Vergehen. Laß sehen, ob Cordula die Pflichten einer wahren Christin besser versteht. Tritt hervor, du beleidigte Nachbarin des reuigen Francisco, und sage, was, nach deinem Wunsche, dem Beleidiger geschehen soll?«
Cordula hatte Thränen im Auge und antwortete, ohne sich zu besinnen: »Thut ihm nichts zu Leide, lieber Vater. Ich vergebe ihm von Herzen!«
Der Pfarrer sah sich vergnügt im Kreise um, nickte der Rednerin Beifall, berührte dann das Haupt des Reuigen und sagte sehr sanft: »Hast du's gehört, Francisco? So geh denn um Ihretwillen straflos hin in deine Hütte, faste heute, und schäme dich, damit du morgen ein anderer Mensch seist!« Der Getadelte küßte inbrünstig des Pfarrers Hand, und entfernte sich mit gebeugtem Haupte und zufriedenem Herzen.
»Seht Ihr?« fuhr der Geistliche freudig zu dem lauschenden Volke fort: »seht Ihr, wie viel es werth ist, daß Ihr den wahren Gott und Heiland erkennen lerntet? Was ehedem unter Euch nur die Schleuder oder der rachsüchtige Pfeil entschied, schlichtet nun ein Wort des Friedens. So kommt denn heran, Ihr Fleißigen, Ihr Milden, Ihr Müden! Esset von dem Brode, das der Herr unter Euern Händen wachsen läßt; von dem nährenden Fleische, und trinket den Trank der Gesundheit, damit Ihr den Herrn noch lange preiset und lobet!«
Nun setzte sich die Menge in Bewegung, schritt in Doppelpaaren an dem Pfarrer vorüber, empfing aus der Wage seiner Begleiter, Familie für Familie, Fleisch, Mais und die ersehnte Unze Thee; dann sprach der Geistliche den Segen; das Volk antwortete mit einem melodischen Kirchenliede, und zerstreute sich in seine stillen Hütten, um das Mahl zu bereiten, und auf der bequemen Ochsenhaut die Mühen des Tages und das herannahende Gewitter zu vergessen.
Der Pfarrer beschäftigte sich noch eine Weile damit, dem Regidor und dem Alkalden der Mission die Arbeiten und Verhaltungsregeln für den nächsten Tag aufzugeben, und zog sich sodann in den Hof seines Hauses zurück. Das mannigfaltige Federvieh, das diesen Hof belebte, hatte sich vor dem in der Ferne brausenden Gewitter in die Ställe geflüchtet. Der zahme Straußvogel des Pfarrhauses allein ging stolz und aufgerichteten Hauptes mit gewöhnlicher Gravität auf dem zierlich gestampften Platze umher, und lüftete die Flügel dem streichenden Luftzuge entgegen. Der Pater streichelte seine wehenden Federn, und sagte lachend zu ihm: »Du mein guter Freund und Haustrabant! kannst du mir nicht verrathen, wo dein Spielgefährte ist, der heute so undankbar mein Haus verließ?«
Der Vogel schien altklug die langen Augenbraunen in die Höhe zu ziehen; da erklang von Ferne ein silberner Glöckchenton. Ein leichter Trab, dem ein schwererer folgte, kam jenseits der Rohrwand, die den Hof umgab, heran. Ein schlanker Rehkopf sah über die Wand: die Thüre in derselben sprang unter der Pfote des Thieres auf; es trabte freudig hindurch, mit schellenden Halsbandglocken, und kauerte sich zu des Pfarrers Füßen, als ob es seines Ungehorsams wegen Vergebung betteln wollte. Der Pater, angenehm überrascht, bückte sich, den schmalen, graurothen Hals zu streicheln, als auch ein Pferd mit einer hübschen Reiterin durch's Thor stürmte. »Ines! Ines!« rief der Pfarrer, gutmüthig verweisend und mit dem Finger drohend. Ines sprang jedoch, leicht wie eine Feder, von dem Pferde, und jagte es mit einem Schlage ihrer Gerte wieder in's Freie zurück. Lauf, du wilder Negro! — rief sie, ein wenig athemlos, indem sie die Thüre zuwarf, und mit dem hölzernen Riegel verschloß: »du hast deine Schuldigkeit gethan. Suche den Weg nach deiner Weide, ehe der Blitz kömmt!« Dann näherte sie sich etwas schüchtern dem Geistlichen, senkte den Kopf und fragte freundlich: »Habe ich dir Angst gemacht, lieber Vater? Ich mußte dir ja den Liebling wieder bringen. Das leichtsinnige Thier, verspielt und possenhaft wie es ist, hatte sich gewiß schäckernd von der Rinderheerde entfernt und in den Wald verlaufen. Es dauerte lange, bis das faule Reh, im Schatten rastend, meinen Ruf und ich seine Schellen vernahm. Ich meinte fast, ein Tiger hätte sich seiner bemächtigt. Doch endlich, die Jungfrau sei gelobt, kann ich dir's wiederbringen, Vater Luis!«