Keine Antwort. Der Pfarrer warf geschäftig seinen Regenmantel über, stülpte den Rohrhut mit den beiden wasserdichten Krempen auf, und schritt, so schnell es anging, nach dem kleinen Gärtchen vor, das zwischen Hof und Ackerfeld gelegen, den Hintertheil des Gebäudes begränzte. Unter dem Stamme einer mächtigen Algarova[2] ruhte der Gesuchte; vor sich hinstarrend in die Sturm brauende Luft; horchend auf das Wellenschlagen der unfern strömenden Parana, versunken in den Anblick der zum Schrecken sich rüstenden Natur, ohne vor ihr zu zittern; fühllosen Körpers, unbewußten Geistes. — Die Stimme des Pfarrers rief ihn zum klaren Bewußtsein zurück. Er sah sich um und fragte: »Was wollen Sie, mein Freund?«

»Was wollen denn Sie beginnen? frage ich;« versetzte Luis. »Der Wind beugt schon um und um die Palmen nieder, und Sie wollen ihm trotzen? Kommen Sie in's Haus. Beunruhigen Sie mich nicht.«

Der Gedankenvolle stand mechanisch auf. »Ich gehorche,« sagte er, »ob es mir gleich lieber wäre, von dem Wetterwinde in die Haide, wo der Tiger streift, oder in die Wellen des Stroms getragen zu werden.«

»Welche Reden für einen Christen und einen Geistlichen!« verwies ihm Pater Luis sanft und ernst: »lassen Sie Ihren Beichtvater dergleichen nicht zum zweitenmale hören!«

»Ich redete ehedem, wie Sie, mein Vater!« antwortete der Gast, »aber seit acht Tagen hat sich so Vieles anders gemacht ...«

»Gottes Schickung!« tröstete der Pfarrer; »halten Sie darauf, Pater Xaver, und kommen Sie herein. Ihre Miethreiter kommen zurück, und nach ihrem Geschrei zu urtheilen, muß der Fang beträchtlich gewesen sein: wir wollen die Häute im Magazine unterbringen.«

Die Aussicht auf das Geschäft war dem trüben Gaste willkommen. Die Pforten des Lagerhauses, dieser Vorrathskammer für die ganze Niederlassung, wurden aufgeriegelt. Die heimkommenden Indianer sprengten in bunter Reihe heran, warfen ihre Ladung von Fellen zum Boden nieder, und rannten von dannen, dem Gewitter zu entkommen. Auf so unordentliche Weise war die Beute bald niedergelegt, und Pater Xaver stand berechnend zusammen mit dem Anführer der Expedition in die Savannen, als noch ein Nachzüglertrupp von Reitern kam, deren Pferde schwer bepackt waren, und von welchen einer zweimännisch auf dem Gaule saß. Die wilden Jäger warfen sich erst unter Dach und Fach von den Thieren, denn draußen fiel der Regen dicht; und der Hintermann des Doppelreiters stürzte mit Jubelgeschrei an Xavers Brust. Dieser konnte sich des Andrangs nicht erwehren; doch eben so wenig den in einen verstellenden Indiermantel von Palmblätterzeug Gewickelten alsobald erkennen; bis dieser den Mantel fallen ließ, die Haare aus dem Gesichte strich, und dem Ueberraschten den Ausruf entpreßte: »James! James! wie kömmst du hieher? Welch' ein Gottesengel führt dich in meine Verbannung?«

James weinte einen Strom von Thränen an des Pflegevaters Halse, und konnte nicht sprechen, nur schluchzen, nur seufzen, nur hellauf weinen, bis Pater Luis beide bei den Händen ergriff, und nach dem Innern des Hauses führte. — »Euer Gefühl ist für die Neugierde der Stierschlächter zu gut!« sprach er; »weint und sprecht Euch hier aus, meine Freunde, denn die Einsamkeit ist sowohl für die, die da klagen, als für die, die sich im Herzen freuen!«

Er verließ, bescheiden und schweigend, die eng Umarmten. Sie vergaßen des brüllenden Donners, des tobenden Regens, des bebenden Hauses, das unter Sturmesgewalt zu weichen drohte. Münzner konnte sich am Gesichte seines Pflegesohns nicht satt sehen, und tausendmal wiederholte er die einfachen Worte: »Du hier, mein Sohn! Du hier, guter James!« ehe es ihm einmal einfiel, nach der Art und Weise, wie Alles sich zugetragen, zu fragen. Endlich geschah es doch. —

James erwiderte: »Da Sie geschieden waren, konnte ich dem Superior nicht folgen. Ich konnte es nicht. Ich rettete jedoch den Senator.«