»Ich weiß, mein Sohn. Die That war brav und würdig. Aber, was du ihr geopfert, ... das zerriß mein Herz, da ich's erfuhr!«

»Gott führt uns auf allen Wegen,« versetzte James; »nur auf diese Weise konnte mir's gelingen, Justine aus Angst und Gefahr zu erretten.«

»Du hast's gethan?« fragte Münzner überrascht; »das ist mehr, als ich gehofft. Ich glaubte sie unter Protestanten auf ewig und auf immer verloren!«

»Nicht doch, mein Vater!« fuhr James fort, und erzählte von Justinens Abenteuern auf dem Thurme, von ihrem zufälligen Wiederfinden, von dem Entschlusse, sie von der Gefahr, die ihr die Lainez und der Thürmer bereiteten, zu befreien. »Ich liebte das Mädchen,« sagte er mit schwärmerischem und wehmüthigem Feuer; »ich glaubte damals, von Justine geliebt zu sein. Mit welchem Auge konnte ich ihre Lage ansehen? sie in des Superiors Händen? sie in einem Kloster? während ich in meiner Unbesonnenheit den Augenblick schon nahe träumte, wo ich als geachteter Offizier um ihre Hand würde werben können? ich trug erst seit zwei Tagen die Uniform des Gemeinen; meine Einbildungskraft war Jahrzehende vorausgeeilt, und ich wollte lieber die freie Justine fern von mir, in einem andern Welttheile wissen, als auf ewig gefesselt in meiner Nähe. Ich ging an's Werk. Ich sann. Aber, die Möglichkeit? ich hatte nicht Freunde, nicht Bekannte. Die Uniform schützte mich nur, daß man nicht in mir die rechte Hand des Doctors Leupold entdeckte, über dessen wahren Beruf man auf's Reine gekommen war. Ich durfte mich nirgends bloß geben. Ich hatte kein Geld, den Hebel aller Dinge. Je zuversichtlicher ich an meinen Plan gegangen war, je niedergeschlagener wurde ich, da endlich die Unzulänglichkeit meiner Kräfte sich mir nicht verhehlen konnte. Indessen hatte ich mein Wort gegeben, und mehr als das Wort fesselte mich die Leidenschaft. Ich gerieth auf den abenteuerlichsten Gedanken. Der Werbcapitän war am vorigen Tage angekommen; ein Franzose, leicht und gefällig im Benehmen; ein feiner Mann, der unter den Neuangeworbenen gerade mich zu seinem Bedienten wählte, weil er in mir eine bessere Bildung entdeckte, — weil ich ihm gefiel. Ich weiß nicht, wie es kam, — aber ... ich glaubte in dem Betragen des Mannes eine gewisse Ritterlichkeit zu verspüren; ich faßte mir ein Herz; ich sprach mit ihm ungefähr so, wie in Balladen und Romanen der dienstfertige Zwerg zum Paladin redet, den er zur Rettung einer im Thurme des Riesen gefangenen Dame aufzufordern gedenkt. Zum Glück fand auch der Capitän die Sache artig und seltsam genug. Ein niedliches Mädchen befreien, dessen Rettung ich ganz seiner Macht und Großmuth anheimstellte, — das reizte ihn. Er ahnte nicht den Zusammenhang, den mein Herz mit der Geschichte hatte. Er sah vielleicht ein galantes Abenteuer in der Ferne. Mir alles gleichviel, weil er nur zusagte. Litzach brachte die Botschaft auf den Thurm. Wir warteten um die zehnte Stunde der Nacht unfern des Thurms, mit Wagen und Pferd. Ein ärgerliches Zwischenspiel hätte uns beinahe alles verdorben. Das Unglück will, daß in derselben Nacht ein Ohrenbläser dem Bürgermeister die Anzeige macht, daß auch Pahlens zu der entlarvten Sekte gehört. Es wird Wache abgeschickt, den Thürmer einzuziehen und nachzusuchen, ob er nicht Freunde auf dem Thurme verborgen. Das Unglück will, daß Justine, ihrer List und dem günstigen Augenblicke vertrauend, vom Thurme herniedersteigend, beinahe in die Hände der Wächter fällt. Ihr guter Geist bedeckt sie indessen schützend mit seinen Flügeln, wie auch die Lainez, die noch Zeit findet, sich oben zu verbergen, und der oberflächlichen Nachsuchung der Soldaten zu entgehen. — Pahlens wird fortgeschleppt; der sogenannte Zehnerwächter bleibt an seiner Statt im Thurme; verschließt alles sorgfältig, steigt in die Höhe, und indem sein Laternchen immer schwächer durch die Fenster des Thurmes strahlt, verglimmt in uns Harrenden auch jede Hoffnung, unsere schöne Schutzbefohlene zu retten. Es war indessen anders beschlossen. Die Lainez, in ihrem Versteck beinahe verzweifelnd, sich allein und verlassen sehend, von der Morgenröthe ihr Verderben fürchtend, faßt einen kecken Entschluß, der Französin würdig. Behutsam wagte sie sich in der dunkeln Nacht an das Zimmer des Thürmers. Der Wächter, das Branntweinglas vor sich, wendet halb trunken und nickend der Thüre seinen Rücken, und spielt mit dem Hunde. Der Schlüssel des Thurmes liegt auf dem Tische. Auf dem Trompetergänglein an der Plateforme steht das Laternchen brennend, zum Elfergang gerichtet. Wie ein Schatten schwebt die Lainez durch die halb offene Zimmerthüre. Der Hund knurrt; sein Herr giebt ihm Schläge, denkt aber nicht daran, sich umzusehen. In einem Augenblicke nimmt die muthige Frau den Schlüssel leise weg, entflieht so stille, als sie kann, ergreift die Laterne, und eilt wie ein Wirbelwind über die Treppen. Auf der Hälfte des Weges schreckt sie ein Geräusch. Unterdrückte Seufzer — leise Klagen dringen aus dem Gange zur Glockenstube an ihr Ohr. — Entschlossen stößt sie die Thüre auf. Justine richtet sich eben hinter derselben aus einer Ohnmacht auf. Lainez fühlt das heftigste Mitleid für die Geisterbleiche. Ohne Rath, ohne Hülfe, ohne Aufsicht, nur dem Augenblicke und dem Triebe nach Freiheit gehorchend, unterstützt sie die Ermattete, führt sie schnell hinab ... die Thüre klingt ... öffnet sich ... Justine stürzt ins Freie, die Lainez folgt, sperrt wieder vorsichtig die Pforte, und der Wagen rollt, da wir weiße Gewänder durch die Finsterniß sahen, geschwinde herbei. — »Das sind zwei Damen?« flüstert mir der Capitän zu; ich hatte aber nur Augen für Justine, die sich, wie ein Kind, vertraulich auf meine Schulter stützte, als ich sie in den Wagen hob. Die Lainez, unwissend und über diese Vorbereitungen verwundert, folgte nicht minder. Der Capitän bedeckte die schönen Flüchtigen mit seinem weichen Mantel, befahl dem Reiter auf dem Bocke, scharf zu fahren, und behielt mich neben sich auf dem Rücksitze. — »Du begleitest mich zur ersten Station,« sagte er: »von dort kehrst du mit dem Wagen zurück, und ich bringe die Damen noch eine Strecke weiter, erwarte dich mit meinem Pferde. Ich werde dir Nachricht hinterlassen.« — Nun fühlte ich erst die Schwere der Subordination. Es galt aber Justine, und ich schwieg geduldig. Ohne Aufenthalt gelangten wir unterm Schutze des Capitäns durch das Thor, und fuhren stracklich weg. Die Damen schliefen oder stellten sich schlafend. Wir sprachen nur abgerissene Worte. Noch war der Tag nicht angebrochen, als wir hielten. Ein elendes Wirthshaus nahm uns auf. Hier sollte gefrühstückt werden. Hier löste sich Alles. Die Lampe des Wirths beleuchtete unsere Züge. — »Alle Donner!« rief der Capitän: »ist das nicht Madame Lainez? wie kommen Sie hierher, meine Schöne?« — die Lainez glaubte, in die Erde sinken zu müssen. — »Das Abenteuer nimmt eine üble Wendung,« sagte der Capitän hierauf halb lachend, halb bitter zu mir: »die Eine (Justine), die mir gefällt, wird von dir mit verliebten und argwöhnischen Blicken gehütet, und die Andere ... bei'm heiligen Georg! 's ist meine Frau!«

Die Lainez weinte heiße Thränen. Justine staunte; ich nicht minder.

»Ei, Madame!« fuhr der Capitän fort; »wie erging es Ihnen, seit wir uns trennten? und erinnerten Sie sich nicht, daß wir uns heilig zusagten, uns nie wieder zu sehen? Ich gestehe, daß nur der Zufall diese Rencontre herbeigeführt, aber es ist doch ein verdrüßlicher Zufall. Mußte mich ein Duell aus Frankreich verjagen, und unter meinem Cadetnamen in fremden Diensten nach Deutschland führen, damit ich Sie, meine Charmante, wiederfände? Genug, keinen Augenblick mehr mit Ihnen!« — Er sprang empor, — ich hielt ihn auf. Was soll aus den Frauen werden? fragte ich für Justine besorgt. — Sollen wir sie ohne Schutz, ohne Führer hier auf der Straße nach Amsterdam lassen? Vollenden Sie Ihr Werk, Herr Capitän, wie ein ächter Edelmann. — Eben deshalb! antwortete er frivol. Ich habe mein heiligstes Wort verpfändet, nie mehr mit dieser Dame, die einst die Meinige war, zusammen zu weilen; nicht eine Stunde, nicht eine Viertelstunde, und ein Edelmann hält sein Wort. Darum, — wenn Mademoiselle sich mir nicht allein anvertrauen, und das intriguante Weib hier ihrem guten Glücke überlassen will, so lasse ich die Parthie unbeendigt. — Justine weigerte sich nun auf's Heftigste, die Lainez zu verlassen, die sie in ihrer Ohnmacht nicht verlassen hatte; weigerte sich, mit dem Capitän die Reise fortzusetzen. —

Pardieu! sagte endlich der leichtsinnige Franzose, dem es in seiner Gattin Nähe sehr bange und unfriedlich zu werden schien: so weiß ich kein Mittel, als Ihnen, meine Schöne, einen geliebtern Stellvertreter beizugesellen. Monsieur Leblanc« — wendete sich mit scherzender Liebenswürdigkeit zu mir — »Sie sind ein Galant homme, der in den groben Rock nicht paßt. Kraft der Gewalt, die ich in meinem Depot ausübe, schenke ich Ihnen die Freiheit, und werde Ihre Ranzion gegen meinen Fürsten bestreiten. Vollenden Sie dafür meine Ritterpflicht gegen Mademoiselle. Ihre Herzen stimmen überein, und mein Auge hatte mich nicht getäuscht. Führen Sie jedoch nicht minder Madame Lainez recht weit, in Regionen hinweg, wo sie recht glücklich sei; so unaussprechlich glücklich, daß es ihr nie wieder einfalle, heimzukehren, und ihren Gatten so empfindlich zu erschrecken. — Meinen Dank, so wie dem Jammer, den die Lainez anhob, zu entweichen, warf er sich in den Wagen, und ließ mir eine Börse zur Fortsetzung der Reise zurück, die ich nur annahm, weil ich Justine von jedem Hülfsmittel entblößt, und den Senator zu Amsterdam glaubte. Dieser würde unfehlbar die Ehrenschuld sogleich getilgt haben! — Aber ... nun weiter. — Was übrig bleibt, ist wenig. — Wir setzten die Reise mit Eilpferden fort. Justine verklärte sich in der Hoffnung, den geliebten Vater wieder zu umarmen. Die Lainez weinte in einer Stunde eine Sündfluth, trocknete sie in der andern; verwünschte in der dritten ihren Mann und seine Unverträglichkeit, lachte in der vierten herzlich über die unvermuthete Ueberraschung, und schwor endlich, leichtsinnig und vogelfrei gegeben, Justine nicht zu verlassen, bis der Senator gefunden sei. Justine hegte ein stilles Mißtrauen gegen mich, das mich bekränkte, denn nie war ich redlicher ergeben, als gerade jetzt. — Wir gelangten nach Amsterdam. Nicht Sie, nicht der Senator waren mehr zugegen. Das Schiff des Tormerpick hatte Sie schon hinweggetragen. Van den Höcken gab mir den lakonischen Brief des Senators, in dem es nur hieß: zu Assumcion in Paraguay erwartet der Vater seine Tochter! Diese neun Worte belebten Justine mit dem erstaunlichen Muth, der sowohl die Lainez als mich dem Mädchen dienstbar und unbedingt gehorsam machte. Wir betrieben unsere Abreise. Wir bestiegen das Schiff, wir befuhren die Meere. Aber je klarer die See unter uns, je heiterer über uns der Himmel wurde, je trüber wurde meine Seele. Der Amerikaner hat mich getäuscht; meine Leidenschaft hat mich getäuscht; alle Hoffnungen der Sehnsucht haben mich betrogen. Justine ... liebt mich nicht. Sie trägt mein Bild nicht in ihrem Herzen, nicht an ihrem Halse. Mein Leben ist verloren. Ich habe mich dem edeln Geschöpfe unwürdig, falsch gezeigt; ich fühle es: sie kann mir nicht vergeben, kann mich nur dulden, nicht achten, nicht lieben. Nichts mehr davon: das sei todt und ab. Ich habe mich ausgeweint, stand ich in verschleierter Nacht auf dem Verdeck des Schiffs, wo mich die Wache duldete. Ich habe den flammenden Sternen mein Leid geklagt! ich habe es den ziehenden Wolken mitgegeben, und in mancher Nacht, wann der gespenstige Holländer auf seinem Nebelschiff durch die graupige Luft sauste, daß den abergläubischen Matrosen das Haar zu Berge stand, einen härtern Kampf gekämpft, als jenes Luftgespenst mit seinen weißen Wolken.

'S ist nun vorüber, und ich will Ihnen nur kurz erzählen, daß wir auf der Rhede zu Buenos-Ayres Anker warfen, daß wir den mächtigen Silber- und Paraguayfluß heraufschifften, und unfern von Dios Padre mit einigen Geistlichen und ihrem Gefolge zusammentrafen, die sich ebenfalls den Fluß herauf begaben. Der Eine von ihnen ist ein vornehmer Geistlicher Ihres Ordens aus Cordova; der Andere Rector des Collegiums zu Assumcion. Sie gesellten sich zu uns; ihre Ruderer sind zahlreicher als die unserigen, geschickter und gehorsamer. Sie erfuhren unsere Namen bald, und der Rector erzählte hierauf von Ihnen und dem Senator, daß Sie beide nach der Doctrina Santa Dominica abgegangen; Sie, um eine Handelslieferung zu bewerkstelligen; der Senator, um seine angegriffene Gesundheit wieder herzustellen. Diese Nachricht beunruhigte Justine, und verdoppelte ihre Begierde, schneller fortzukommen, den Vater eher zu sehen. Der Zufall will, daß die Väter Jesuiten ebenfalls hierher ihre Reise richten. Wir blieben daher auf der Parana auch beisammen, und ich flog auf einem raschen Pferde voraus, unsere Ankunft anzusagen, und den Senator vorzubereiten, damit die unvermuthete Freude seiner geschwächten Gesundheit nicht schade. Morgen, spätestens zu Mittage kommen die Freunde nach, um die Gastfreundschaft von Santa Dominica anzusprechen.« —

»Ich heiße sie im Voraus, und im Namen meines freundlichen Wirths, willkommen,« sagte Münzner mit niedergeschlagenen Augen und zögerndem Tone: »Nur Schade, daß gerade in diesem, so fröhlichen Augenblicke, der gute Senator nicht zugegen sein kann.«

»Nicht, mein Vater? Wo ist er?«