»Er hat einen Streifgang in das Land gemacht,« fuhr der Jesuit wie oben fort: »wir erwarten ihn bald zurück, und dann ...«
»Einen Gang in das Land, mein Vater? ein kranker Mann? wie konnte er's wagen?...«
»Tief im Lande träufelt aus einem Baume, den sie Anguay nennen, ein köstlicher Balsam, der an der schwächsten Brust Wunder thun soll. Dieser Balsam muß zur jetzigen Jahreszeit gewonnen, und sogleich an Ort und Stelle gereinigt und gebraucht werden. Dies Heilmittel aufzusuchen, entfernte sich der Senator.«
»Und Sie begleiteten ihn nicht, mein Vater?.... Verhehlen Sie mir auch nichts? —«
»Ich belüge dich nicht,« erwiderte Münzner scharf und ungeduldig, sich von ihm wendend; dann trat er besänftigter zu dem Jüngling, reichte ihm die Hand, und sagte: »laß uns von etwas Anderem reden, von etwas Erfreulicherm; von deiner Ankunft, und immer wieder von deiner Ankunft. Sieh, hier zu Lande fließt das Blut selbst in den Adern alter Leute rascher, als drüben. Man braust leicht auf: man liebt aber wärmer, man freut sich lebendiger. Wirst du denn meine Freude vervollständigen? Wirst du hier das Gelübde erfüllen, das dich in Europa anwiderte? Thu es hier! hier hast du die schönsten Werke der Gesellschaft vor Augen.«
»Muß denn diese Frage in der ersten Stunde meines Empfangs aus Ihrem Munde gehen?« fragte James sanft aber gekränkt.
»Ich schweige!« versetzte Münzner mit einem Seufzer: »Wohl dir jedoch, mein Sohn, wenn nur mein Mund ferner diese Frage an dich richtet. Doch, sieh!« fügte er hinzu: »Die Luft ist wieder hell geworden. In diesen gelobten Ländern reinigt das wohlthätige Gewitter in kurzer Zeit den Luftkreis. Der Abend ist wieder still und herrlich, und gewürzig duften alle Blumen und Büsche um uns her. Werde auch du ruhig, mein Sohn. Ich gehe, unsern ehrwürdigen Wirth auf den Besuch vorzubereiten, der ihm werden soll. Wir erwarten dich in dem kühlen Vorplatze.«
Münzner entfernte sich. James lehnte sich an eine Fensterlucke, sah in den Hof. Der Empfang im Pfarrhause schien ihm räthselhaft; sein Wohlthäter um vieles verändert. Nicht die Züge allein, — die in zehn Monden um so viel Jahre älter geworden waren — was eine Folge der Himmelstrichsveränderung sein konnte,.... sein Wesen war anders geworden. Nicht mehr jene ruhige Bestimmtheit, jenes klare Streben, jener einfache Gleichmuth, — Eigenschaften, die ihn vor vielen ausgezeichnet hatten ... eine trübe Strenge, ein tiefsinniges Brüten lag auf Stirne und Schulter des Mannes, daß die Erstere sich faltete, wie im Kummer, — daß die Letztere sich beugte, wie im Joch. James sah auf zu dem Himmel, der ein anderer und dennoch derselbe war, wie der, unter dem er geboren; er sah auf Häuser und Felder, die so ganz verschieden von den europäischen waren, und doch eben nicht anders als diese; und mitten unter diesen fremdartigen und doch bekannten Dingen und Gegenständen kam er sich so einsam, so fremd, so unbekannt vor; ... so verlassen! — Schon flirrte die Dämmerung, früh einbrechend, um ihn. Ein schlankes Mädchen in der einfachen reizvollen Tracht jenes Landes schritt durch den Hof, nach dem Lusthäuschen im Garten, das, sich an den Johannisbrodbaum und die nachbarlichen Wachspalmen lehnend, aus engen, gegen Fliegenbesuch schützenden Gittern von Rohr erbaut, ein erquickendes Plätzchen in der Kühle gewährte. Der Tisch wurde darinnen zum Thee bereitet, und James, der lieblichen Gestalt folgend, die mit einer wohlverwahrten Glaslampe zuletzt nach der Laube ging, überraschte sie bei der Vollendung ihres Geschäfts.
»Ach, sieh doch!« sagte er, »meine schöne Helferin! Kennst du mich noch, mein Kind? Dein Wort gab mir Trost, als ich rathlos am Wege saß!...«
»Gott hilft immer!« versetzte das Mädchen, ihn mit kindlicher Ruhe betrachtend.