»Mit Permiß,« antwortete Justine verächtlich: »Er ist ein erbärmlicher Pinsel, dem mein Herr Vater für seine Horcherei den Kopf zurecht setzen soll. Führ' Er sich ab, und such' Er anderswo.«

Nothhaft verschwand mit leisen Verwünschungen. Justine lachte herzlich, theils über den Diener, theils über James, der, wie aus einem Himmel gefallen, vor ihr stand.

»Sagen Sie, wunderliche Fee!« sprach er: »Wie soll ich Sie nennen? Sie wechseln die Farbe wie ein Demant. Schon glaubte ich auserkohren zu sein, Ihnen einen wichtigen Dienst leisten, Ihren Beifall erwerben zu können, und plötzlich löst sich Alles in einen Scherz auf.«

»Gesteht es nur, Monsieur!« erwiderte hierauf Justine: »Ihr seid eitel. Ich bin es aber nicht weniger. Ihr könntet ein Franzose sein. Mein Ernst ist jedoch nicht immer Scherz.«

Die Gutmüthigkeit, die sich in Justinens Rede kund gab, machte dem Jüngling Muth, nach ihrer Deutung zu fragen, allein Müssinger's Dazwischenkunft setzte seiner Neugier unübersteigliche Schranken.

Der Senator trat heftig ein, und rief mit auffallender Sorglichkeit: »Ist alles fertig, Justine? Alles hergerichtet und geordnet?« Auf die Bejahung fuhr er fort, ohne auf James zu achten: »Brav, schön, meine Tochter. Zur besten Zeit, mein Kind. Er ist angekommen. Van den Höcken ist da. Der Kellerbursche aus dem römischen Kaiser hat mir's so eben gesteckt. Allein gekommen, ohne Bedienung. Man kann den Mann nicht im Gasthause lassen. Ich gehe selbst zu ihm. Sage mir, bin ich angezogen, wie sich's gebührt? Fällt die Perücke gut? Sitzen die Strümpfe und Kniebänder? Hängt der Degen recht, wie er soll? Wie findest du den Busenstreif?«

»Schön und wohlanständig wie alles Uebrige, lieber Vater,« antwortete Justine, ein feines Lächeln kaum bemeisternd: »Sie sind jedoch in einer Unruhe befangen, die mir auffällt. Sie haben ja nicht vor den Kaiser zu treten, sondern vor einen Kaufmann, der nicht mehr, nicht weniger ist, als Sie selbst, und obendrein Ihr Handelsfreund!«

»Ach ja!« versetzte der Senator mit ängstlichem Athemzuge: »ach ja! das ist er, aber die Schicklichkeit, die Mores, ... und dann meine Pflicht, ... und worauf es ankömmt! Liebe Justine, erhebe deine Seele zum Gebet! ... Deine Mutter ist Eis, ... du aber mein Kind halte den Daumen für mich! hörst du? bringe mir Glück! freilich darfst du nicht wissen, ... aber ... wie gesagt ... Adieu!«

Schon war er jenseits der Schwelle. Die Herzensangst, die unverkennbar aus ihm sprach, machte Justine sehr nachdenklich. Sie stützte sich auf den Tisch, und blickte sinnend auf die Straße. Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens drehte sie sich kopfschüttelnd um, um zu gehen.