Der Senator war wie von kaltem Wasser übergossen. — »Ew. Edeln vergessen,« stotterte er, »daß meines Buchhalters Abwesenheit......«

»Doch keinen Aufschub macht?« unterbrach ihn van den Höcken, herzlich lachend. »Warum nicht gar! Ein exakter Kaufmann, wie Sie, weiß die Zahltermine auch ohne den Buchführer. Respekttage habe ich in Hülle und Fülle gelassen, und aufhalten kann ich mich nicht länger als zwei Tage. Also haben Ew. Edeln die Güte, sich nicht länger zu sträuben. Ich weiß es; große Summen gehen schwer vom Herzen; mir selbst nicht minder; allein was sein muß......, nun, Sie sind ja ein Ehrenmann, und somit heute kein Wort mehr hievon.«

Müssinger empfahl sich mit verstecktem Mißvergnügen, und ging bis zur Dämmerung heftig auf dem Altan des Hauses hin und her, um sich die gehörige Fassung zuzuwenden, deren er, seinem Gaste gegenüber, bedurfte. Plötzlich blieb er stehen, und sagte vor sich hin: »Bin ich denn nicht ein blödsinniger Mensch, daß ich noch hoffe, und kann diese Hoffnung mit nichts in der Welt rechtfertigen? Was soll mir eine leere gespenstige Erwartung? Warum habe ich nicht auf der Stelle dem hartnäckigen Manne gesagt, was er morgen dennoch erfahren muß? daß es weit ärger mit mir steht, als selbst mein Buchhalter ihm gesagt, dessen vergebliche Bemühungen er nur für die Flausen eines Mannes, der nicht zahlen will, zu halten scheint. Ich muß mich demüthigen vor ihm, wie nicht vor einem Kaiser, und nur von seiner Barmherzigkeit Rettung erwarten! Ein saurer Schritt, — der sauerste meines Lebens! ist er aber vergebens, auch mein Letzter, so wahr mir Gott gnädig ist. Vor des Holländers Augen zerschmettre ich mir den Kopf!«

Von diesem Gedanken erfüllt, stieg er hinab in sein Cabinet, lud mit der Entschlossenheit der abgestumpften Verzweiflung seine großen Reisepistolen, und legte sie, unfern von seinem Drehstuhle, in ein verstecktes Fach des Schreibtisches. Hierauf schloß er sorgfältig zu, gab den Comptoirbedienten für den ganzen folgenden Tag — einen Sonntag — freien Urlaub, und verfügte sich in die Wohnstube, wo er seine Frau, ihre Freundinnen, Justine und van den Höcken schon beisammen fand. Der Thee wurde nach holländischer Sitte herumgereicht. Der Gast setzte sein größtes Vergnügen darein, sich von der Tochter bedienen zu lassen, und durch mehrere Scherze, wie sie alte Herren seines Schlags sich oft zu erlauben pflegen, die Röthe der Jungfräulichkeit auf ihre Wangen zu jagen.

»Das wäre ein Mädchen,« sagte er unter Andern, »das wieder Leben in mein verödetes Hauswesen bringen könnte, wenn ich einen Sohn hätte, oder wenn die Jungfer mich selbst zum Manne nehmen wollte. Unsre steifen Amsterdamer Puppen müßten sich verstecken vor der muntern Frau van den Höcken. Wahrhaftig, Ew. Edeln: — seh' ich die Jungfer an, so wird mir's wohl begreiflich, wie sie ihre Tochter sein kann; aber die bequeme Madam dort im Kanape würde nicht jeder für ihre Mutter halten.«

»Hm!« dehnte die Senatorin etwas empfindlich, »Ew. Edeln und meine Wenigkeit stellten dafür ein passenderes Paar vor.«

»Wahrhaftig!« lachte van den Höcken ausgelassen. »Sie haben recht, meine Werthgeschätzte, und ich würde auch des Schicksals Wink nicht unbeachtet lassen, hätte es dem Himmel gefallen, sie in ledigem Stande vor meine Augen und Gemüth zu führen. Wie die Sachen aber jetzo stehen, werde ich mich schon an die Jungfer Tochter halten müssen.«

»Bitte sehr!« lächelte Justine schnippisch, und zog ihre Hand aus der Rechten des Holländers. Die geneigte Mama setzte indessen phlegmatisch bei: »Inkommodire sich der Herr nicht. Meine Tochter ist versprochen, sie wird eine Birsher in New-York.«

»Oho!« entgegnete van den Höcken. »Mit dem Birsher nehm ich's auch noch auf. Bin ich nicht so jung wie der Sohn, bin ich doch reicher als der Vater, und der Weg nach Amsterdam ist um ein gutes Stück näher, als der nach Amerika.«