Sie zeigte auf James, der unfern vorüberging, sinnend, brütend, gesenkten Hauptes, ohne sich umzusehen.
»Sie waren ihm hold, beste Jungfer!« sagte Georg, ihm nachblickend. »Der Unglückliche, daß er diesen Lichtblick seines Lebens nicht für sich gewann!«
»Zu meinem Frieden!« antwortete Justine. »Angezogen und zugleich abgestoßen von ihm, danke ich den Ränken, zu welchen ihn seine Erzieher verleiteten, meine Ruhe. Ich hasse die Falschheit — und nur redliche klare Besonnenheit kann mein Herz gewinnen. Darum rechnen Sie, mein bester Herr, auf dieses, wenn es Ihnen angenehm ist, und vor Allem — lassen Sie uns sammt und sonders auf baldige Erlösung nach der Heimath hoffen. Denn, nicht zu läugnen, daß hier in diesem Frieden, dieser Stille, nur ein geschmückter Kerker zu schauen ist.«
Justine sprach wahr. Franzisko übte, seinen Verhältnissen gemäß, die strengste Despotie; mit Wachen war das Thal umstellt: Niemand sollte das Thal verlassen; auf die Fremden wurde das wachsamste Auge gehalten; besonders auf den Jesuiten, dessen Gewand, das er hartnäckig behielt, einen größeren Verdacht erregte, als die portugiesische Uniform, die Georg abgelegt hatte, um kein Aergerniß zu geben. Und gerade Münzner mußte es sein, der plötzlich aus dem wohlgehüteten Gefängnisse entwich, ohne es selbst zu ahnen.
Bei all dem herzlichen Vergessen, das die Freunde ihm bewiesen, war der Stachel in seiner Brust zurückgeblieben. Er konnte sich nicht heimisch unter diesen Menschen fühlen. Seine Gewissenhaftigkeit trieb ihn, da der Senator genesen war, wieder nach dem heimathlichen Boden, vor die Schranken seines Provinzials. Der stille Kummer, worin sich James verzehrte, machte sein Herz bluten. Es quälte ihn, diesen Unfrieden eines geliebten Jünglings mit ansehen zu müssen. Botanik, eine Lieblingswissenschaft seiner jüngern Jahre, bot ihm Zerstreuung und Genuß. Er entfernte sich von den Landsleuten; er kletterte Tage lang an dem Gestein der Höhen, durchkroch die Furchen des Thalbodens. Die Wächter waren seiner Wanderungen gewöhnt worden. Dem schlichten einfachen Manne mißtraute keiner mehr; sie ließen von ihrer Achtsamkeit nach, und so kam es, daß der Pater sich eines Nachmittags, von seiner Forschbegierde verleitet, weiter verstieg als sonst, und sich mit einem Male hoch über den Wachtposten erblickte. Die herrliche Flora, die um ihn erblühte, führte ihn weiter. Die Waldpflanzen boten ihm einen blumigen Pfad, der ihn mehr und mehr verlockte, und, wie das Kind der Lockung süßer Früchte folgt, so folgte hier der Mann, dessen Herz sich seit Langem wieder einer ruhigen Freude hingab, dem Streben seiner Wißbegierde. Aber immer weiter war er gegangen. Der Wald hatte sich hinter ihm mit tausendstämmiger Wehrmauer zugeschlossen. Nur der Laut der Vögel sprach zu dem Wandernden; nur die Furche, die von der mächtigen einsamen Schlange durch das Gras gezogen wird, war sein Pfad, und endlich dämmerte es schon unter den hohen Bäumen, als er Halt machte und auf den Rückweg bedacht wurde. Wo jedoch diesen finden? Kein Sonnenstrahl mehr; noch kein Stern; grüne duftige Waldnacht allein. Münzner versuchte sein Heil, indem er auf's Gerathewohl einen Seitenpfad einschlug, wo von Ferne eine schwache Helle aufzudämmern schien. Je weiter er ging, je tiefer die Dämmerung wurde, je deutlicher wurde der helle Punkt; er blitzte auf: eine Feuerflamme redete zum Auge des Wanderers. Er förderte seine Schritte. Auf feuchtem Grunde, an hochwachsenden, üppiggeblätterten Sumpfstauden vorüber — immer auf das Ziel zu, das die Gegenwart von Menschen verrieth. Mochte das Raubgethier um und um in der Ferne heulen und krächzen; er verfolgte die Spur. Schon erkannte er einen flammenden Holzstoß, Menschen um denselben gelagert. Seine Annäherung, von dem rauschenden Gestrüpp verrathen, erregte die Aufmerksamkeit der Lagernden. »Wer da!« rief eine portugiesische Zunge, und der Pater sah die Mündung einer Flinte gegen ihn gerichtet. »Ein Verirrter!...« antwortete er, und im Nu umgab ihn die Schaar der Aufspringenden: ein Dutzend von Männern in braune, grobe Mäntel gehüllt, mit herunterhängenden Hüten auf dem Kopfe, Säbeln an der Seite und Musketen in der Faust. Einer von ihnen, der unter dem Mantel eine Uniform sehen ließ, mit den Galonen eines Offiziers, fragte gravitätisch, daß die Cigarre zwischen seinen Zähnen nicht erlösche, woher der ehrwürdige Vater komme und wohin er wolle. Auf die unbestimmte Antwort Münzners, daß er sich verirrt habe, schüttelte der Offizier ungläubig den Kopf, küßte indessen dem Pater die Hand und erwiderte: »Ihre Aussage ist dunkel, Ew. Hochwürden. Ich muß sie in's Hauptquartier schaffen lassen, da Sie mir nicht angeben wollen, wo Ihr Wohnort ist.«
»In's Hauptquartier?« »Nach la Guasta; einige Stunden von hier entfernt. Sie werden gefällige Leute daselbst finden, mein Vater.« »Aber mit welchem Rechte?« »Ich bin Soldat, hochwürdiger Herr. Das entschuldige mich. Miguel und du, Olao! nehmt eine Fackel mit Euch, und führt den ehrwürdigen Herrn zu Sr. Excellenz, dem Brigadier.«
»Welche Behandlung, da ich hier nur Schutz für diese Nacht suchte!«
»Befehl, hochwürdiger Herr! Geben Sie uns Ihren priesterlichen Segen, wenn es Ihnen gefällig wäre!«
Die ganze Truppe senkte sich auf die Knie. Münzner that das Verlangte, und nachdem ihm noch von Allen auf's Inbrünstigste Hand und Kleid geküßt worden war, mußte er sich auf den Weg machen. Der Offizier bot ihm Cigarren und einen Tropfen Wein zur Erfrischung. Niedergeschlagen und geärgert verweigerte Münzner Beides, und folgte den Soldaten, die alle ersinnliche Ehrfurcht und Frömmigkeit gegen ihn bewiesen, ihn jedoch nicht aus den Augen ließen, die gespannte Flinte im Arme haltend. So verging die Nacht auf gefährlichem, halsbrecherischem Wege. Das Morgenlicht fand den Verhafteten auf der steifen und öden Bergplatte la Guasta. Abgründe ringsum; in der Tiefe Wälder; ein dürftiges Wachthaus bot ein Obdach; aber der sonst öde Ort wimmelte von gelagerten Soldaten einiger Milizen-Compagnien, Strauchdieben ähnlicher, als geregelten Kriegern; in abgetragenen Röcken und zerrissenen Schuhen. Die durchlöcherten Hüte, niedergekrempt, saßen verwegen auf den ölglatten, schwarzen, hängenden Haaren, und das olivengelbe Gesicht wurde furchtbar und drohend durch die großen, schwarzen Feueraugen, und den unordentlich gehaltenen Schnauzbart. Spielend, schlummernd, plaudernd lagen sie am Boden um Trommel und Fahne, die Waffen, in Pyramiden zusammen gestellt; so wie sie des nahenden Geistlichen ansichtig wurden, flogen die Hüte herunter; die Mannschaft lag auf den Knieen, und die Benediction war das Erste, was sie verlangten. In dem Augenblicke traten zwei Männer unter den Eingang des Wachthauses. Ein hoher Offizier, wie das Kleid verrieth, und der Ungestüm, mit welchem das Militär aufsprang, ihm die Honneurs zu machen; dann ein Vater der Gesellschaft Jesu, der sehr verwundert schien, einen Bruder vor sich zu sehen. — Münzner war erstaunt über dieses Zusammentreffen, das, in Mitte so vieler Waffen, einen bedeutenden Zweck zu haben schien. Der Sergeant Miguel berichtete. Der Brigadier näherte sich dem Pater Münzner bescheiden, und fragte ihn: »Wollen Sie nicht aufrichtiger gegen uns sein, als gegen den Lieutenant des Vorpostens, mein Vater? Sie sind, wie aus Allem zu schließen, unbekannt in diesen unwegsamen Gegenden, und jede Ausflucht, die Sie ersinnen möchten, uns über diesen Punkt zu täuschen, würde vergebens sein. Wären Sie etwa bekannter in der Region, nach welcher wir unsern Marsch gerichtet haben? in dem Thale des guten Jesus in den Wildnissen?«