Münzner erschrak. Die Ahnung vom Verderben seiner Freunde schoß durch seinen Kopf. Entschlossen, nichts zu verrathen, läugnete er, ohne jedoch einen Vorwand zu finden, der seine Existenz in diesen Landen beschönigen konnte.
»Ich wiederhole Ihnen, mein Vater,« fuhr der Brigadier gemessen, ernst, aber immer höflich fort, »daß Sie Ihre Lage verschlimmern. Wir lassen uns nicht täuschen. Sie möchten sich die Folgen selbst zuzuschreiben haben. Woher kommen Sie? die nächste Mission liegt noch ferne von hier, und Ihr Gesicht scheint dem hochwürdigen Vater Assistenten der Missionobern zu St. Sebastian gänzlich unbekannt? Gestehen Sie, daß Sie ein Einwohner der wider des Königs Willen und Gottes Erlaubniß errichteten Colonie in den Wildnissen sind.«
Münzner wollte sich in sein Leugnen beschränken. Der Pater Assistent durchbohrte ihn mit den Augen, ohne ein Wort zu reden. Der Brigadier fuhr stolz und schneidend fort: »Es ist wahrscheinlich, daß die spanische Krone die aufrührerische Niederlassung auf Don Juans Eigenthum begünstigt, und Väter der Gesellschaft Jesu aus ihrem Paraguay herüber sandte, dieselbe zu regieren, möglich indessen auch, daß Sie das Kleid und die Tonsur blos als Maske tragen, um verbrecherische Späherränke darunter zu verbergen. Mindestens sollten Sie Ihre Lection besser gelernt haben. Wenn Sie, wie Sie vorgeben wollen, zu Santa Catalina als Vicar stehen, wie kömmt es, daß Sie hier aufgehalten werden konnten? Man pflegt keine botanische Wanderung auf fünfzig Leguas in der Runde anzustellen. Diese Gründe werden mich bewegen, Sie nach St. Sebastian abführen zu lassen, woselbst Alles klar werden soll.«
Münzner bückte sich schweigend, sich in sein Schicksal ergebend. Der Pater Assistent winkte indessen dem Brigadier verstohlen zu, nahm den Doctor bei der Hand, führte ihn in ein einsames Gemach des Wachthauses, und sagte hier zu ihm: »Mein verehrter Mitbruder im Herzen Jesu! Ich habe Sie durchschaut, und bescheide mich, die Gründe Ihres Betragens zu tadeln, weil ich dieselben gefunden zu haben glaube. Ihr Name, Ihre Verrichtung?«
Münzner nannte sich, seine Heimath, sein Profeßhaus, seine Sendung nach Amerika. Der Assistent lächelte zufrieden und sagte: »Ihr Name ist mir bekannt, das Haus Minhao zu St. Sebastian führt ihn in seinen Registern und Correspondenzen. Ich fasse Vertrauen zu Ihnen, wie unsere Pflichten es wollen. Sie drücken sich aber nicht klar aus. Seit Ihrer Entfernung aus der Savanna unfern Dominica bleibt eine Lücke, die Sie nicht ausfüllen wollen. Wenn Sie dem Soldaten allein nicht Rede stehen wollten, kann ich's nicht schelten. Das Volk mit dem Degen nimmt häufig das Prae vor unserm Stande und Beruf. Mir gegenüber ist es ein Anderes. Sie sollen wissen, daß ich auf Befehl des hochwürdigen Paters General zu Rom mich hieher verfügt habe. Längst haben wir Kunde von dem »guten Jesus in den Wildnissen,« und den dort herrschenden Usurpatoren. Theils aber, um die spanische Krone in ihrer Unwissenheit zu lassen, — theils aus Mangel an energischer Unterstützung unsers Statthalters, ließen wir die Einverleibung jener Gemeinden in den Schooß derer Missionen, die Uns mit Fug und Recht gehören, dahin stehen. Endlich ist der Augenblick gekommen. Hinreichende Mannschaft unter dem Commando eines Brigadiers begleitet mich. Wir stehen an den Pforten jenes lichtscheuen Staats, um ihn für den König und den Orden zu behaupten. Zwei Kundschafter des elenden Franciskaners, der dort regiert, sind in unsere Hände gefallen. Das Geheimniß unsers Anrückens ist unverletzt. Wir sind im Besitz aller nöthigen Weisungen. Aus Ihrem Munde, dem eines Gebildeten, Vertrauten, wünsche ich nun den obigen Aufschluß zu erhalten. — Weigern Sie sich noch, und stempeln sich dadurch als einen Theilnehmer jener Usurpation? als einen Verräther an den Interessen unserer Gesellschaft?«
»Mein Vater!« unterbrach ihn Münzner mit lebhaftem Unwillen bei der letzten Frage. »Das Wohl unsrer heiligen Gesellschaft geht mir über Alles, bin ich gleich das unwürdigste ihrer Glieder.«
»Sie sind zu bescheiden,« versetzte der Andere mit schmeichelnder Ueberredung; »es hängt nur von Ihnen ab, auf der Stelle ein sehr würdiges zu werden, indem Sie in meinem Wunsche den des gesammten Ordens befriedigen.«
»O, mein Vater!« rief Münzner bewegt; »erlassen Sie mir diese Nothwendigkeit. Ich müßte Dankbarkeit und Freundschaft mit Füßen treten. Ich bin ein einzelner schwacher Mensch; ich kann Ihres Unternehmens Fortgang nicht aufhalten; aber Sie bedürfen meiner eben so wenig, um es zu beschleunigen.«
»Sind Sie ein Bruder der heldenmüthigen Congregation, aus der der kühne und kluge Jacob Lainez, der glaubensstarke Xaver hervorging?« fragte der Pater Assistent mit dem Tone des Vorwurfs. »Wollen Sie eitle Privatverhältnisse vorschützen, wo die Gesellschaft von Ihnen ein so geringes Opfer, ein Paar Worte, fordert? Sind Sie der Sprache der Vernunft und der Bruderliebe unzugänglich, so folgen Sie der Stimme des Gehorsams. Bei ihrem Gelübde, Pater Xaver. Ich stehe hier an der Statt unsers würdigsten Generals, und befehle Ihnen, mir ohne Umschweife Alles mitzutheilen, was Sie wissen.«