»Mein werther Herr,« wollte der Senator auffahren. Der Gast hielt ihn jedoch im Zaume, indem er ihm zuflüsterte: »Machen Sie doch Ihren Schritt nicht vor Ihrer Familie und den Fremden offenbar. Schämen Sie sich im Stillen vor mir allein, und wundern Sie sich nicht, wenn ein ehrlicher Mann zögert, Ihnen Credit zu geben, da Ihre feierlichen Zusagen Ihnen feil geworden sind.«

Den Rücken des Senators überlief es wie mit tausend Nadelspitzen. Kurz und trotzig, um den Herrn von Amsterdam seine Beschämung nicht sehen zu lassen, wendete er sich von ihm, und vergaß die Pflichten des Hausherrn. Van den Höcken übersah ihm den Ingrimm, und mischte sich in ein Gesellschaftsspiel, das die Frauen beliebt hatten. Hier entfaltete er bald eine Fröhlichkeit, die man ihm nicht angesehen hatte, eine Freigebigkeit, die den Spielerinnen nicht mißfiel, und eine Gutmüthigkeit, die ihm Justinens Herz geneigter machte. Er zog es auffallend vor, sich mit dem muntern Mädchen zu unterhalten, gab sich viele Mühe, es an sich zu fesseln. Der Senator sah mit schwankenden Hoffnungen und vieler Reue dieser feinen Bewerbung zu, bis die zehnte Stunde schlug, und die Schicklichkeit gebot, den Gast nach seinem Zimmer zu geleiten, und die Frauen allein zu lassen. Verbindlich und gefällig wünschte van den Höcken allerseits gute Nacht, und begehrte scherzend von Justinen den Verlobungskuß. Die Jungfer verweigerte sich lachend. Van den Höcken hatte sich's vorgenommen, die süße Frucht nicht unberührt zu lassen. — »Will Sie mich nicht qua Bräutigam küssen, spröde Jungfer,« sagte er lachend, »so erlaube Sie mir doch wenigstens, Sie qua Papa zu küssen. Ich könnte es ja doch sein, denke ich; he? —«

»Gute Nacht, Herr Vater!« antwortete dem Scherze nachgebend und munter das lustige Mädchen, und bot ihm Stirne und Wange zum Kuß. Van den Höcken zauderte nicht, von der Erlaubniß Gebrauch zu machen, und verließ, glänzend und strahlend von Vergnügen das Zimmer. Der Herr vom Hause, von widrigen Gefühlen bewegt, ging, den vergoldeten Armleuchter in der Hand, zum Gastzimmer hinaus. Beide Männer schwiegen ernsthaft. Der Senator öffnete mit eignen Händen die grünen Damastvorhänge des Alkovens, schloß die Fenster, zeigte stumm auf alle Bequemlichkeiten der Wohnung, und wollte sich mit einem trocknen: »Schlafen Ew. Edeln wohl!« abführen. Van den Höcken redete ihn darauf an.

»Wollen wir denn im Groll scheiden, werther Herr und Gastfreund?« sagte er: »Lassen Sie uns Friede machen. Ich habe Ihnen meine Meinung gesagt, und Sie haben bereut; somit gut. Wollen Sie bedenken, daß Feindseligkeit nichts taugt. Sie haben mich selber in Ihr Haus geladen, und vertrauensvoll hab ich's angenommen. Sein Sie auch freundlich in dem gastfreundlichen Hause. Bei Gott, ich bin es auch wieder.«

Der Senator konnte zwar die dargebotene Rechte des Kaufmanns nicht ausschlagen, aber gefangen geben mochte sich sein Stolz auch nicht. Steif verbeugte er sich daher und erwiderte: »Ew. Edeln wollen scherzen. Ich habe Alles vergessen, und bitte um dieselbe Vergünstigung. Wann befehlen Sie morgen geweckt zu werden?«

»Ich incommodire nicht,« versetzte van den Höcken, ziemlich unbefriedigt von des Senators Rede: »mein übergesegneter Körperumfang weckt mich frühzeitig, duldet mich nicht im Bette. Um acht Uhr wünsche ich mit dem Frühstück bedacht zu werden, damit wir um Neun an unser Geschäft gehen können.«

»Sehr wohl,« entgegnete Müssinger eiskalt; »Alles soll geschehen, wie Sie es anordnen. Gute Nacht!« —

Van den Höcken legte sich zu Bette: aber der Senator fand in seiner Stube keine Ruhe. Einmal sogar verließ er dieselbe, das Licht in der Hand, und schlich in leisen Pantoffeln bis zu der Schlafkammer seiner Tochter. Schon hatte er den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, aber scheu trat er wieder zurück, suchte er wieder seine Stube. — Warum das Mädchen in das Geheimniß ziehen? sagte er mißbilligend zu sich selbst: Wird nicht ihr Eigensinn oder ihre Angst mich verderben? Es ist nicht gut, wenn der Vater die Rettung seiner Habe in schwache Kinderhände legt. Im Alter folgt der Vorwurf hinterdrein, oder auf der Stelle mißlingt der Plan. In welchem Lichte stünde ich vor dem holländischen Herrn! Könnte er's dann nicht mit Händen greifen, daß ich ihn nur in's Haus gelockt, um ihn zu kirren; daß ich auf gewisse Art der Kuppler meiner Tochter ...? Pfui, Müssinger. Diese Blöße wäre unverzeihlicher, als die, welche deine Schwäche und deine fürchterliche Bedrängniß gaben. Fasse Muth, unglücklicher Mann! Trinke den bittern Kelch aus, wie du es dir vorgenommen. Ist der Holländer, seiner Pünktlichkeit und Hartnäckigkeit zum Trotz, ein Mann von Gefühl, wie ich beinahe nach seinen Reden vor dem Schlafengehen glauben möchte, so wird ihn die treue Schilderung meiner Lage rühren; wo nicht ... in Gottes Namen!

Mit einem schweren Seufzer löschte der Senator sein Licht, und gab sich einem wilden Traumgewirre hin, das den von Schlafstörungen und Grübeln Erschöpften endlich gegen Morgen umfing. Van den Höcken hatte schon einigemal nach ihm gefragt, als er erwachte. Wie ein, seiner Sinne nicht klar bewußter Mann, ließ er sich von dem eintretenden Bedienten die Haare ordnen, zog sich nicht allzu sorgfältig an, und begab sich unter dem ersten Geläute der Kirchenglocken zu den Seinigen. Die Senatorin stand schon, geschmückt und mit Putz trotz einer Markgräfin überladen, in der Mitte des Zimmers. Justine trat mit Blumensträußen und Gesangbüchern versehen, ebenfalls im Staate von Cros de Tours, herein. Die Senatorin nannte mit ihrer gewohnten Schläfrigkeit in Ton und Wesen, ihren Mann einen trägen Langschläfer, der sein Frühstück allein, oder mit seinem galanten Freunde aus Holland verzehren könne. Justinens Scharfblick errieth jedoch weit gelehriger, daß in dem Vater immer noch das ungewöhnliche Treiben wühle, das sie schon in den verflossenen Tagen bemerkt hatte. Von der Freundlichkeit ihres Grußes wohlthuend angeregt, wurde der Senator milder, und sagte fast liebevoll zu seiner Ehefrau: »Liebe Jacobine! Ich muß dich heute freilich allein in die Kirche gehen lassen, weil mich ein Geschäft zu Hause hält. Aber gerade deshalb bete du für mich, und denke meiner einmal im Guten gegen den Schöpfer.« — »Faselt er nicht schon wieder?« fragte die Senatorin, spöttisch zu Justine gewendet: »Bete ein Jeder für sich, und erhalte der Herr jedem den Verstand. Wenn ich den Doctor in der Kirche sehen sollte, will ich nicht versäumen, ihn zu dir zu schicken. Ein Aderlaß ist dir wahrlich nöthig, denn richtig scheint mir's seit einiger Zeit nicht mehr in deinem Kopfe zu sein.«

Der Senator hob, statt der Antwort, beide Arme heftig gen Himmel, und wendete sich von dem Weibe. — »Ich will mich nicht erzürnen,« sagte er mit gewaltsam unterdrücktem Unmuth: »es möchte vielleicht gut sein, daß wir gerade jetzt nicht im Hader scheiden. Darum gehe recht geschwinde, Jacobine, und leb' wohl!«