»Ich verbitte mir die Anspielung,« sagte Justine lebhaft: »Herrn Birsher's Sinn wird sich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle Heirathsgedanken, stünde ich am Sarge meines Vaters. — Mein guter Vater!« setzte sie seufzend hinzu, in die stille Wehmuth versinkend, die, in ihrem Schmerze selbst, uns wohl thut.

»Erheitern Sie sich!« erwähnte James, sich zu ihr beugend. »Hören Sie mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemäßigt und ruhig hinzufließen, wie ein geräuschloser Strom in seinem Bette. Was wäre wohl zu diesem Zwecke geeigneter, als eine gute That? Im Ungemach ist ja ohnehin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefühl, weil der Kummer ihm nicht mehr ein fremder ist. Ich nehme mir daher den Muth, Ihrem Tiefsinn eine andere Richtung gebend, im Namen einer sehr bedrängten Frau Ihr Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Fürchten Sie keinen Mißbrauch Ihrer Güte, hoffen Sie aber auf den Segen von Oben.«

»Nicht so viel Worte, Monsieur,« sprach das Mädchen, bereitwillig, der neuen Wendung des Gesprächs zu folgen: »Man überredet mich selten, wenn nicht schon mein Kopf und mein Gefühl gewonnen sind. Ich helfe gern, bin auch nicht hart, wie oft die Leute sagen; ich bin auch nicht so leichtsinnig, fremde Noth nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer ist die Frau?«

»Eines französischen Offiziers Wittwe. Ihr Mann blieb in dem Treffen bei Denain. Villars empfahl die unglückliche Frau der königlichen Gnade, aber Ludwig vergaß der Armen. Der Regent mißhandelte sie sogar, als sie es wagte, nach des Königs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu machen. Aus der Hauptstadt verwiesen, fristete sie in ihrer Heimath durch Handarbeit kümmerlich ihr Leben. Endlich schien ihr das Glück wieder zu leuchten. Eine sächsische Herrschaft, rückkehrend aus den Bädern zu Aix schlug ihr vor, sie als Gouvernante der Kinder nach Dresden zu nehmen. Von allen Hülfsmitteln entblößt schlug Madame de Laynez willig ein, schied vom Vaterlande, um in Sachsen eine neue Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in diese Mauern. Von einer heftigen Krankheit befallen, mußte sie hier zurückbleiben. Ihre Gebieter hinterließen ihr eine dürftige Geldsumme, und sagten sich von ihr los. Mehrere Monden hindurch schwebte die Verlassene zwischen Tod und Leben. Das Mitleid gefühlvoller Menschen rettete sie endlich vom Grabe, aber ihre völlige Genesung geht langsam von Statten. Mangel drückt sie, und es bleibt ihr nichts übrig, als auf's Neue sich an die Theilnahme wahrer Christen zu wenden.«

James hatte kaum geendet, und schon lag Justinens ansehnlich gefüllte Börse in seiner Hand. — »Kein Wort!« gebot sie, da er sprechen wollte: »nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es soll nicht dabei bleiben, wenn es mir gelingt, den Vater in günstiger Stunde für die Bedrängte zu gewinnen.« —

Eilig ging sie davon, damit James nicht die Bewegung sehen sollte, die sich auf ihrem holden Antlitz kund gab. Aber der junge Mann hatte scharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, daß die ganze Fülle der herrlichen Seele aus Justinens Zügen gesprochen, und, selig überrascht von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, sah er der Fliehenden sehnsüchtig nach.

»Welch ein Mädchen!« seufzte er: »und ich — täglich fühle ich mein Unglück mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle, die mir so gefährlich wird.«

Justinens Gabe im Busen verbergend, schied er, um heim zu kehren. Unten im Hause war viel Geräusch. Geldsäcke wurden gewogen, Thaler klangen; die Diener gingen geschäftig hin und her; Nothhaft stieß im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen an James Arm, und machte ein sehr herrisches Gesicht, als der Engländer sich befremdet nach ihm umsah. — »Der muß mir auch aus dem Hause, und wenn's mich tausend Gulden kosten sollte!« murmelte der Diener, dem Engländer nachsehend, zwischen den Zähnen. Berndt, der eben in's Haus getreten war, hörte die Rede. »Warum so giftig, lieber Bruder?« fragte er lächelnd: »giftig und freigebig obendrein? Du wirfst mit Tausenden um dich? Glück zu!« — »Ist's ein Wunder?« sagte Nothhaft hierauf: »Baar Geld macht Muth. Wir schwimmen ja in Geld, siehst du. Laß uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und lüderliche Schmeißfliegen damit todt schlagen.«

»Ich verstehe dich nicht, Herr Bruder,« versetzte Berndt achselzuckend, »aber ich sehe, daß deine Prophezeihung nicht falscher hätte sein können. Statt des Bankerotts strömt der Segen Gottes in das Haus.«

»Erbschaft! unverdientes Glück!« versicherte Nothhaft leise: »Wer weiß, ob ich so Unrecht hatte;.... doch — Stille! —« Er schlug sich bedeutend auf den Mund. »Wer weiß auch« — fügte er hinzu, wichtig und geheim — »wem's die Firma verdankt, daß sie noch mit Ehren steht?«