»Was ist das? Was sagen Sie da?« fuhr der Senator auf. Lammer zog aber bereits die Thüre hinter sich zu. Müssinger schritt im Zimmer auf und nieder, und rang die Hände. Steht mir denn das Zeichen auf die Stirne gebrannt? fragte er sich mit erstickter Stimme: Die blöden Augen dieses Wolfs im Hirtenkleide selbst scheinen errathen zu haben, ... o gewiß!... und der Mensch kann so unbarmherzig sein!... und der Mann ist Protestant? O der herzlosen, steifen Eiferer! was sie berühren, wird Eis oder Thräne. Hätte ich, wie ein altes Weib, auch in der Woche die Kirche besucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet- und Vorbereitungsstunde versäumt, dem Klingelbeutel reichlicher gegeben, und den Schwarzröcken Ueberfluß in Küche und Kasten geliefert, — der harte Mensch würde nun nicht so widrig mit mir gesprochen haben, da ihm sonst Worte weit wohlfeiler sind, als der Heller, den der Geizige, selten genug, einem Bettler spendet! Warum habe ich auch nur einen Schritt versucht, mich der Kirche wieder zu nähern, die Alles gethan zu haben glaubt, ist die trockene Predigt und das Geplärre des Lieds vorüber! — Warum? setzte er fragend und gemäßigter bei: Warum? Ach! drückt nicht hier auf meiner Brust eine Last, unter welcher ich erliege? Ist es nicht verzeihlich, daß ich in der Angst meiner Seele Linderung suche und Trost? Aber nun fehlt mir der Muth, und ich fürchte ...
Ein bescheidenes Klopfen unterbrach seine Betrachtungen. Fast erschreckt eilte er an die Thüre, öffnete, und sah, sehr überrascht, den Doctor Leupold draußen stehen. Er konnte sich nicht Rechenschaft geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher ansprach, als er wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er sich die Möglichkeit gedacht, ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung, und führte ihn bei sich ein. Der Doctor entschuldigte sich tausendmal um der Störung willen, die er vielleicht verursache, und ließ im freundlichsten Tone das Wort fallen, daß sein Besuch wohl eben so gut hätte unterbleiben können.
»Mein Herr Doctor,« sagte der Senator hierauf verbindlich: »die Besuche werther Freunde, denen wir Dank schuldig sind, sollten nie unterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich schon längst hätte thun sollen. Sie verzeihen jedoch; eine Fluth von Begebenheiten raubte mir die Muße, Ihre Wohnung aufzusuchen.«
»Unnöthig,« versicherte der Doctor: »ich dachte nicht daran, Sie an einen sehr erläßlichen Besuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus hatte einen anderen Zweck; ... allein — und ich darf sagen — mit Vergnügen sehe ich, daß er wohl vereitelt ist.«
»Ein Zweck?... vereitelt?...« fragte Müssinger. »Wie so? erklären Sie sich.«
»Sie setzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit,« sagte Leupold hierauf zögernd: »indessen darf der Mensch, wenn er sich seines Wollens nicht zu schämen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit auf sich zu laden. Ich habe hier einige Wechsel auf St. Sebastian und Brasilien. Das Haus Minhaô ist solid, die Summen sind nicht unbedeutend, bald fällig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen dieselben auf eine gewisse Zeit zum Genuß gegen äußerst billige Preise anzubieten. Allein, — wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, so hat der Ueberfluß Ihnen auf's Neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine wohlgemeinte Hülfe überflüssig.«
Der Senator erhob bewundernd seine Augen, ergriff beide Hände des Doctors, schüttelte sie, und sprach: »Mein Herr, Sie bereiten mir den frohsten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Trost verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott sei Lob, ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber — glauben Sie mir, — demungeachtet habe ich's doppelt empfangen.«
»Und somit keine Sylbe mehr davon,« setzte der Doctor ruhig hinzu: »Sie preisen mich unverdient. Eine Gesellschaft von Menschenfreunden wollte Ihnen Ihre Theilname beweisen, und hatte keine Gefahr dabei, da sich Ihre Geschäfte etablirt haben.«
Der Senator nickte seufzend mit dem Kopfe und entgegnete: »Ja, mein Herr, so ist's. Nicht minder jedoch meinen wärmsten Dank der Gesellschaft, von welcher Sie sprachen, und die ich wünschte kennen zu lernen.«
»Das ist Ihnen — hier — unmöglich,« sagte der Doctor: »lassen Sie uns, da ich einmal Ihnen zur Last falle, von etwas Anderem reden. Wie gesagt: Fortuna ist bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen damals auf der Promenade ein gutes Prognostikon gestellt zu haben; allein — Sie selbst — Herr Senator, — scheinen sich nicht im Geringsten zu freuen.«