»Einem Manne gegenüber,« entgegnete Müssinger, »der sich mir als verschwiegener und hülfreicher Freund erwiesen hat, kann ich keine Lüge sagen. Die ... Erbschaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigen Reichthums hebt, ist mir ganz gleichgültig. Ich bin ein armer, armer Mann. Mein Gemüth ist krank, meine Seele sehnt sich vergebens nach Genesung.«

»Und Religion, — die sicherste Trösterin?« fragte der Doctor mitleidig.

»O, lassen Sie das!« erwiderte der Senator still ergrimmt: »Die Religion ist entartet in ihren Dienern. Weiß Gott, — Herr! wir haben uns in einer sehr bedeutenden Stunde kennen gelernt, — aber — ob ich nicht vielleicht Ursache hätte, jetzt dem Flußbette näher zu stehen, als damals?«

»Ich würde Sie alsdann nicht mehr zurückhalten,« erwiderte der Doctor kalt und ernsthaft: »Sie verdienen hier und jenseits das traurigste Loos, wenn Sie zum zweitenmal wagen, wovon die Vorsehung Sie einmal schon gerettet.«

»Sie wissen nicht ...!« entschlüpfte dem leidenschaftlichen Senator: »Es giebt noch drückendere Schmerzen, als die des Mangels und der Schaam. Die Stimme des Innern ...«

»Sagen Sie nur frei heraus: das Gewissen,« unterbrach ihn der Doctor sanft aber fest: »Um das Gewissen ist es eine kitzliche Sache; freilich. — So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine freundliche Mutter ist, so lange darf selbst der trotzigste Sünder unverrückt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der Ewigkeit. Soll denn der Mensch, der ein Verbrechen beging, das er vielleicht in der nächsten Minute bereut, an diesem Unglück verkümmern, rettungslos daran verzweifeln, während sein frisches Leben noch viel des Guten schaffen könnte? In der Strafe selbst liegt Vergebung, und ein Augenblick der Reue des Sünders wiegt manches schuldlose Menschenleben auf.«

»Sie sprechen von Gott, dem Quell aller Liebe?« fragte der Senator scheu. — »Er ist's!« bekräftigte der Doctor. — »Von der Kirche, einer freundlichen Mutter?« — »Sie ist's.«

Der Senator seufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doctor sagte aber nun mit gemessenem Tone: »Unsere Ansichten weichen ab, wie ich sehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche bekenne, als Sie.« — Dem Senator starb die weitere Frage im Munde, da der Doctor ganz ruhig fortfuhr: »Ich bin Katholik. Von meiner Kirche hab' ich gesprochen: und — wahrlich — sie erfüllt ihre Mutterpflichten tüchtiger als Eine.« —

Müssinger bückte sich verlegen. Der Doctor sprach unbefangen weiter: »Von unserer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetröstet, kein Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelöset. Alle ihre Gebräuche deuten in ihrer mystischen Form auf die heiligsten Pflichten hin; auf die der Versöhnung, der Menschenliebe. Doch, wem sage ich das, und zu welchem Endzweck?« fügte er, sich besinnend bei: »Sie mein verehrter Herr, haben nie die apostolische Lehre näher prüfen gelernt, da die Gesetze Ihrer freien Stadt die Ausübung jenes Cultus und die Ausbreitung unsers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs strengste untersagen; gewiß ist es Ihnen auch völlig gleichgültig, wie ein Katholik von seinem Glauben denkt.«

»Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit verlebt,« versetzte nachdenkend der Senator: »Ich habe mich oft hinter dem Rücken meiner Vorgesetzten in die katholische Kirche geschlichen, mich an der feierlichen Pracht des Gottesdienstes, an der herrlichen Musik ergötzt, ... ich kann nicht läugnen, daß ...«