»Das Mittel wäre leicht,« entgegnete James, etwas zögernd: »Vertrauen Sie sich mir an; ich führe Sie; in einer Stunde sind wir hin- und zurückgegangen.«
Justine blickte ihn neugierig und strenge forschend an: »Ich halte Euch für einen Ehrenmann, Herr White. Ich würde mich nicht fürchten, mit Euch zu gehen. Aber wann? Ich will nicht mit Euch gesehen werden, und am Abend gehe ich nicht aus, mögt Ihr wissen.«
»So bleiben uns die frühen Morgenstunden,« meinte James, und der Vorschlag gefiel Justinen. »Schön!« rief sie, »das paßt. Mutter schläft fest bis um neun Uhr. Vater ist vor acht nicht sichtbar, und kümmert sich nicht um mich. Um sechs Uhr also. Dann sind die Straßen noch ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht sehen sollen. Wartet meiner morgen um diese Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das thun, so wird mir das artige Abenteuer Freude machen.«
James versicherte seine Bereitwilligkeit, und ging, nicht mit leichtem Herzen, aus dem Hause. Justine schwelgte dagegen in dem Genusse ihres kleinen Geheimnisses. Der Umstand, die Wohlthäterin einer Bedrängten geworden zu sein, schmeichelte ihrer Eitelkeit, und schien ihrem Leben eine gewisse Bedeutung zu verleihen. Sie sah sich nicht mehr verdammt, zwischen einer stumpfsinnigen Mutter und einem schwermüthigen Vater den freudenlosen Pfad zu gehen; sie wirkte nach Außen hin, und diese Idee erquickte ihren Geist, der ihr zu etwas Besserem geschaffen schien, als zu der Einklammerung in alltägliche Hausverhältnisse. Justine war so gut und liebevoll, als sie sich manchmal schroff und ungestüm geberdete. Sie hätte gewünscht, die Pflegerin der Welt zu sein, alle Schätze der Goldminen Amerikas zu besitzen, um sie an die Armuth zu vertheilen. Sie konnte darum der Neugierde nicht widerstehen, das dankbare Geschöpf ihrer Milde zu sehen, dessen Noth mit eigenen Ohren zu vernehmen, ihm Trost zu geben durch Worte und durch die freigebige That. Mit Ungeduld erhob sie sich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager. Ein Blick durch's Fenster belehrte sie, daß das schönste Wetter ihre heimliche Wanderung begünstige; schnell war sie in ein unscheinbares Gewand gehüllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf sechs Uhr wies, die Thüre ihrer Schlafkammer leise, leise geöffnet. Ein Geräusch hielt sie auf der Schwelle zurück. Am Ende des Ganges öffnete nämlich auch der Senator behutsam die Thüre seines Gemachs, und trat, wie auf den Zehen, heraus; völlig angezogen. Langsam schritt er die Treppe hinab, und ging aus dem Hause. Justine war betroffen. Sie hatte den Vater gestern am ganzen Tage nicht gesehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, seinem Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieses leise, schleichende Ausgehen ... es kam ihr seltsam vor. Allein, was war denn, seit jener unglücklichen Begebenheit, nicht seltsam in dem Benehmen ihre Vaters? Schnell gefaßt trat Justine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu versäumen, und ihren Begleiter nicht warten zu lassen.
James hatte sich schon seit geraumer Zeit auf dem Neumarkte eingefunden. Auch an ihm war der Senator, tief in Gedanken, vorbeigekommen. Mit klopfendem Herzen begrüßte er Justine, die eiligst herbei hüpfte, den Schleier nur leicht lüftete, mit dem Kopfe nickte, und zur Eile antrieb. Stumm ging James neben der Holden her, die ihre Schritte immer munterer förderte. Der Weg war jedoch weit. James führte seine Schülerin in ein entlegenes Quartier der Stadt, wohin sie noch nie gekommen war. Stutzig sah sie sich auf einer Kreuzstraße um, und sagte englisch zu dem Führer: »Hat hier nicht die Ehrlichkeit ein Ende, Sir? und wie steht's mit der Euern? —« James lächelte etwas verlegen, deutete jedoch auf eine Thüre, und antwortete: »Wir sind am Ziele!«
Justine betrachtete diese Pforte aufmerksam. Nur eine Mauer stellte sich dar, über welche sparsame Epheugewinde herabhingen. Das Pförtchen, ohne Seitenfenster oder Lücke, war enge, niedrig, und sehr fest, von Eichenholz gezimmert. In der Umgegend, durch Gartenmauern und Gehäge von dem Pförtchen abgesondert, standen nur einige halbverfallene, elende Wallhäuschen, deren Bewohner, im Taglohne arbeitend, schon beim Grauen des Morgenlichts ausgingen, und in später Nacht erst wieder heimkamen. Alle Thüren und Fenster zu; nur hie und da schrie aus dem Innern ein eingesperrtes Kind, oder bellte ein angeketteter Hund. — Mit fragendem Blicke deutete Justine auf die bezeichnete Thüre. James nickte, und wollte an dieselbe pochen. Rasch hielt ihm das Mädchen die Hand, und sagte mit gedämpfter Stimme: »Wo führt Er mich hin, Monsieur? Da hinein gehe ich nicht.« James betrachtete einen Augenblick ihre Miene. Die seinige verfinsterte sich nicht. »Nach Belieben!« entgegnete er schnell, »so gehen wir zurück, weil Sie sich fürchten.«
Der Vorwurf der Furcht, so wenig er verwunden sollte, traf sein Ziel. Justine maß von neuem mit dem Auge die verschlossene Thüre, den zum Gehen gewendeten Jüngling, die menschenleere Nachbarschaft. »Glaubt Ihr, daß ich ein Kind sei?« fragte sie alsdann mit Vorwurf. »Furcht kenne ich nicht, Monsieur, aber ich muß darauf sehen, daß mein Vorwitz mich nicht an einen Ort bringe, der vielleicht meinem Geschlecht und meiner Familie gleich unangemessen wäre.«
»Wie, Mademoiselle?« fragte James mit flammenden Augen: »Glauben Sie, daß ich fähig sei, Sie an einen solchen Ort zu führen? O wenden Sie schnell um, ich will Ihre Erniedrigung nicht.«
Justine machte ihm rasch ein Zeichen, zu schweigen, und faßte, an ihn tretend, seinen Arm. Sie hatte eines Mannes Schritt gehört, und in der That kam ein Herr um die Ecke der Mauer, den Hut tief in's Gesicht gedrückt, und zum Ueberfluß einen Mantel um das Kinn geschlagen, daß auch kein Zug von ihm zu erkennen war. Einen flüchtigen Blick warf er auf die verhüllte Dame und ihren Begleiter, klopfte dann ziemlich vertraut zweimal an die räthselhafte Thüre. Ein Mensch von gemeinem Ansehen öffnete sie, und schob hinter dem Eintretenden die Riegel vor. Justine hatte eben in dem Moment des Oeffnens die Aussicht auf einen Hof mit Bäumen, und ein darin stehendes Gebäude erhascht. — »Kennt Ihr den Mann?« fragte Sie ihren Führer. Er verneinte. »Es sieht doch da drinnen nicht wie in einer Mörderhöhle aus!« fuhr sie lächelnd fort: »wäre es Euch noch gefällig, mich zu begleiten?« »Ihr wollt es?« versetzte James: »in Gottes Namen denn!« — Er klopfte zweimal wie der Vorgänger. Derselbe Pförtner schloß auf, bückte sich wie ein Bekannter vor dem Engländer, und begrüßte auch auf ein Zeichen desselben die Dame. Der Hof war bald durchschritten, das Gebäude bald erreicht. Tiefe Stille herrschte rund um das alterthümliche Haus, das ehedem ein Kloster gewesen zu sein schien. Die in der Hausflur aufgeschichteten Geräthe ließen vermuthen, daß hier früher ein Magazin gewesen. Die halbdunkle, halbverfallene Treppe knisterte unter den Schritten der Kommenden. Neue Besorgnisse stiegen in Junstinens Seele auf. Da pochte James an eine recht unscheinbare Thüre. Sie ward geöffnet, und der Engländer mit seiner Begleiterin trat rasch hinein. »Mein Gott!« flüsterte nun James der Letzteren zu: »wir sind am unrechten Orte!« Aber schon hatte der Oeffnende, ein Pförtner, wie jener am Hauptthore, die Thüre zugemacht, und wies die Kommenden in einen hölzernen Verschlag, der zur Seite stand. Eine Bank war in dem dämmerigen Versteck zu sehen, und ein hölzernes Gitter gab die Aussicht auf das Gemach, in welches die Senatorstochter gerathen war. Ein Spitzgewölbe, dem Ansehen nach eine verwitterte Kapelle, mit Grabsteinen auf dem Fußboden, und ausgebrochenem Ziegelpflaster. Die Fenster waren theils zerfallen, theils von Spinneweben umflort. An den Mauern liefen zu beiden Seiten Verschläge hin, dem ähnlich, in welchem sich Justine befand; theils mit vergitterten, theils mit offenen Fensterlucken; Betstübchen aus sehr lang verwichener Zeit. Durch die Oeffnungen waren tief verhüllte Männer, Weiber in Schleierhauben, Kaputzmänteln und anderer Vermummung zu sehen. — »Wir sind in der ehemaligen Kapitelstube der Johanniter!« sagte James leise und verlegen zu der staunenden Freundin: »Verzeihen Sie mein Ungeschick. Schweigen Sie aber zu Allem, was hier vorgehen möchte. Sie haben nichts zu befahren.«
Justine sah ihn starr an, und wendete sich, ohne eine Sylbe zu erwidern, zu dem Gitter, um zu beobachten, was der Thürsteher beginnen würde, der durch die Kapelle auf einen großen Kasten zuging, welcher am obern Ende derselben stand. Er öffnete das Schloß, hob den Deckel, schlug die vordere Wand herab, und siehe, es gestaltete sich unter seinem Geschäfte ein Altar mit zwei hölzernen Stufen, und belegt mit einem sauberen weißen Linnen. Zwei Leuchter mit Wachskerzen, die der Diener anzündete, und einige Gefäße mit Blumen standen zu den Seiten eines Kruzifixes. Schmucklos war im Uebrigen der Altar. Der Diener nahm einige zinnerne Kännchen nebst Schlüssel und Serviette aus einer Lade, setzte eine kleine Schelle auf die Stufen nieder, und entfernte sich durch eine enge Thüre hinter dem schnell errichteten Opfertische. Justine sah nun deutlich, wie von den Leuten um und um Gebetbücher und Rosenkränze aus den Taschen genommen wurden, und sie ahnte, was hier geschehen würde. Diese Ahnung wurde zur Gewißheit, als die enge Thüre wieder aufging, der Diener heraustrat, mit einem großen Buche in der Hand, aus welchem viele bunte Bänder herabhingen, und ihm ein ansehnlicher, ehrwürdig aussehender Mann folgte, in einem funkelnden, wunderlich geschnittenen Gewande, einen vergoldeten Kelch tragend, und in ernstes Sinnen und Gebet versunken. Justine hatte einigemal auf Bildern und in Kupferstichen römisch-katholische Priester in solchen Kleidern gesehen, und zweifelte nun nicht, sich an einem Orte zu befinden, wo man den römischen Gottesdienst unter'm Schleier des Geheimnisses feierte. Welch ein Gefühl in ihrer Brust entstand, läßt sich nicht beschreiben. Unwillig gegen die ihrem Glauben widerstrebende Form, gegen den dienstfertigen Führer, gegen ihren eigenen Leichtsinn, hätte sie den Ort verlassen, aber die verriegelte Thüre, die Furcht vor dem Aufsehen, das entstehen würde, — mehr noch als das — ihre Neugierde hielt sie fest.