»Mit nichten, Monsieur. Ich werde ohne Euch den Weg nach dem Hause meines Vaters finden. Ich fürchte weitere Zufälle an Eurer Seite. Eure völlige Entfernung ist mein Wunsch, und bis Ihr diesen erfüllt, werde ich schon der Dame hier zur Last fallen müssen.«
»Welche Ehre!« betheuerte die Lainez: »Wie schmeichelhaft diese Güte!«
»Sie zürnen?« fragte James gekränkt und bestürzt.
»Die ganze Stadt spricht von Justinen's Launen;« erwiderte Müssingers Tochter; »ich habe heute die Caprice vorsichtig zu sein; ich werde sie auch Morgen und Uebermorgen haben, und bitte Euch daher, dieses heutige Zusammensein als unser Letztes anzusehen.«
»Sie verstoßen mich?« rief James mit den Lauten des tiefsten Grams, wollte heftig auf das Mädchen zugehen, — faltete jedoch, sich besinnend, die Hände, warf noch einen seelenvollen Blick auf Justine, und empfahl sich dann rasch mit einer Verbeugung.
Justine hatte den schnellen Abschied nicht erwartet, und ihr aufgeregtes Mißtrauen machte einem wärmern, mildern Gefühl Platz. »Ich habe dem Monsieur vielleicht Unrecht gethan,« sagte sie langsam zu der Offizierswittwe, die neugierig auf ihrer Stirne las; »allein was soll ein Mädchen thun, dem ein Mann Ursache zu gerechtem Argwohn gab? Aengstlich auf der Hut sein, denn die Männer sollen lieben, uns mit Schlingen zu überziehen, und jenes Engländers Zufälle scheinen mir ein Netz. Nun aber zu Ihnen, meine Gute. Ihr Gesicht gefällt mir, wie Ihr Benehmen, das von keiner gewöhnlichen Herkunft zeugt. Lassen Sie mich wissen, worin ich Ihnen noch gefällig sein könnte.«
»Meine junge Dame! ich habe schon so Vieles von Ihrer Güte genossen, daß ich unbescheiden sein würde, wenn ich ein Mehreres verlangte. Ihre Hülfe reichte hin, die Wohnung, in welcher Sie mich finden, wie ein anständiges Wittwenzimmer auszuschmücken, und Sie würdiger aufzunehmen. Darf ich noch begehren, daß Sie Ihrer Milde Etwas hinzufügen, so flehe ich Sie nur an, dem guten Herrn White, der trostlos von Ihnen ging, zu verzeihen, wenn ich gleich nicht weiß, wodurch er Ihren Unmuth verschuldet hat.«
Justine bewegte ungeduldig das Haupt. »Warum reden Sie von ihm?« fragte Sie: »Ich habe Krieg mit ihm, nicht Sie; Sie scheinen viel von ihm zu halten.«
»Mademoiselle!« erwiderte die Lainez: »Ich lebe eigentlich nur in meinen Wohlthätern. Von der übrigen Welt habe ich Abschied genommen, seit ich meinen Mann verlor, der bei Denain den Tod eines braven Soldaten starb. Gott sei gelobt, daß die Handlungen eines wackern Mannes noch für dessen Wittwe und Nachkommen Früchte tragen. Mademoiselle! mein Gatte, Victor Lainez, machte, — wir waren kaum einige Monate verbunden, — an der Spitze seiner Grenadierkompagnie, die Schlacht bei Malplaquet mit. Der Himmel wollte, daß er den tapfern Boufflers aus der drohendsten Gefahr retten konnte, worein ein scheu gewordenes Pferd den Marschall versetzt hatte; ferner, daß er den kühnen Ritter St. George, der die Reiterei gegen die Feinde führte, durch einen heldenmüthigen Angriff aus dem Gedränge riß. — Villars belohnte freilich die seinem Nebenbuhler Boufflers geleistete Hülfe nur mit Geiz und Verdruß, aber des Marschalls Familie verließ mich doch nicht in meiner Noth. Und als ich, vom Mißgeschick dem vaterländischen Boden entfremdet, hier in Krankheit verfiel, erwarb mir des Ritters St. George Rettung einen Freund in dem guten James White. Das Ungefähr machte ihn mit meiner Lage bekannt: kaum hörte er, daß mein seliger Mann dem Stuart, den er mit vielen tausend Engländern als König verehrt, einen Ehrendienst geleistet, als auch sein Beistand sich verdoppelte. Er wußte, selbst mittellos, seinen Pflegevater, den Doctor, in mein Interesse zu ziehen, — mein Schicksal zu erleichtern, und endlich in Ihnen nicht minder einen guten Engel für mich zu gewinnen.«
»So?« versetzte Justine, beinahe mit einem Anstriche von Eifersucht: »Es muß Ihnen peinlich sein, Madame, von einem jungen Mann abzuhängen. Frauen sollten billig wieder nur Frauen die Erleichterung eines unverdienten Mißgeschicks verdanken. Welches ist denn Ihr weiteres Ziel? Ohne Zweifel sehnen Sie sich, in die Heimath zurückzukehren?«