Die Lainez schüttelte traurig den Kopf. »Ich finde nur Gräber dort, die mir werth sind,« antwortete sie: »meine Lieben sind alle hinüber. — Weitläufige Verwandte, die die Aufhebung des Edikts von Nantes aus ihrer Heimath verwiesen, leben zu Berlin. Ich kenne diese fremden Vettern und Basen nicht, und fürchte, sie werden auch mich nicht kennen wollen.«
»Ihre Furcht möchte gegründet sein,« begann Justine, nach einigem Nachdenken. Die Lainez fuhr fort:
»Und ist es nicht grausam, daß ich diese Ueberzeugung hegen muß? Trage ich denn die Schuld, daß mein Vater, seiner Familie Vortheil berücksichtigend, den katholischen Glauben für sich und die Seinigen annahm? Die Auswanderung hätte uns zu Grunde gerichtet, um Gut und Leben gebracht. Im Grunde ist es ja doch gleichviel, unter welchen Gebräuchen wir Gott verehren. Wir sind die Kinder Eines Vaters, und, so gut von ihm die zahllosen Sprachen verstanden werden, in welchen die Welt zum Himmel betet, so gut versteht er auch des Herzens frommen Willen von der Form zu sondern.«
Justine sah ihr bewegt, scheu und dennoch freundlich in's Auge. — »Sie sprechen gut, Madame!« sagte sie: »Sie erregen meine lebhafte Theilname. Ich werde Sie wieder sehen; ganz gewiß, Madame. Ich will über Ihre Zukunft mit Ihnen reden. Verlassen Sie sich auf mich. Ich bin ein junges Mädchen, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Ich dürfte Ihnen von größerem Nutzen sein, als der Monsieur White. Es wäre mir lieb, wenn Sie sich seinem Beistande entzögen, und mir erlaubten, Ihnen schicklichere Dienste zu leisten. Ich muß überlegen, ... mein Gott! ich habe diesen Morgen schon so Vieles gehört und gesehen;.... sagen Sie mir aufrichtig: Sie wissen in der That nicht, was in Ihrem Hause — Ihrem Zimmer gegenüber, vorzugehen pflegt?«
»Wahrlich: Nein, Mademoiselle.«
»So bleibt mir nichts übrig, als die Delikatesse zu bewundern, womit sich augenscheinlich eine Gesellschaft Ihrer annimmt, zu welcher Sie eigentlich gehören, — die es aber vermeidet, Sie in ihren Kreis zu drehen, um Sie der Gefahr einer möglichen Entdeckung zu entziehen. Oder.... will man erst Ihrer Verschwiegenheit gewisser werden.«
»Noch einmal, Mademoiselle, ich verstehe Sie nicht.«
Justine rieb sich ungeduldig die Stirne. — »Ich werde ganz verwirrt,« sagte sie: »Ihre Unwissenheit.... White's räthselhaftes Betragen.... ist der Monsieur Protestant oder nicht?«
»So viel ich weiß: ja. —«