Will Er wohl schweigen? schalt der Buchhalter auffahrend: Was sollen diese Schelmenverse in einer ehrsamen Handelsstube? Pfui des leichtfertigen Dieners, der seine eigne saubere Firma gern für eine schmutzige ausgeben möchte. Noch einen solchen Ausdruck, und Er ist um Dienst und Lohn, und für ein schlecht Testimonium will ich dann schon sorgen. Ueberhaupt mag Er sichs gesagt sein lassen, daß ich hinfüro Seinen Lebenswandel, von dem mir zu Ohren gekommen ist, nicht also dulden werde. Alle Abende spielt und bankettirt Er, und am Sonntag kömmt Er nicht aus der Kaffeeschenke, der Billardstecken nicht aus Seiner Hand. Wo das beste Rostocker Bier zu finden ist, das weiß Er auf ein Haar; aber man fragt Ihn vergebens, wie die spanischen Dublonen stehen. Sein Nebengehülfe ist allzustill; Er ist allzutoll. Ein Karthäuser wird ein schlechter Kaufmann; ein Bruder Lüderlich aber noch ein schlechterer. Gott steh' Ihm im Commerz bei, wenn Er es einmal zum eignen Herrn bringt. — Das wird er auch; versetzte Nothhaft trocken, ohne sich zu erzürnen: Der Kaufmann muß wagen und wetten, und dazu bin ich gemacht, wie unser Herr, der sich aus der Saffranbude zum ersten Kaufmann allhier verstiegen hat. Sorgen Sie nicht für mich, Herr Buchhalter. Der Herr Senator kennt mich besser, als daß er mich um eines zwecklosen Liedleins willen, oder weil ich den Sonntag Nachmittag beim Billard zubringe, fortschicken sollte. —

Der Buchhalter schwieg verdrüßlich; theils weil ihn des Dieners Verstockung empörte, theils, weil der Senator wieder in sein Cabinet zurückkam, und ihn eilends zu sich hinein beschied. Hierauf wurde die Thüre geschlossen, die Schieber vor die Gitter gestoßen, und die beiden Comptoristen waren von den Vorgesetzten geschieden, wie die Lehrlinge, die im Vorzimmer schafften und bosselten, von ihnen selbst geschieden waren. — Sie sitzen im geheimen Rath! flüsterte Nothhaft seinem Nachbar zu: Der Perückennarr, der Buchhalter, mag aber schwatzen und difteln, wie er will. Unsere Contanti stehen schlecht, abscheulich schlecht. Ich habe schon neulich einmal einen Blick in des Herrn Correspondenzlade geworfen, die zufällig offen stand...... — O pfui! Du neugieriger Saaldiener! fiel Berndt ein. Nothhaft sprach aber wie oben weiter: »Du Hans! Was kann ich denn für mein scharfes Auge? Genug; wir sollen zahlen und zahlen, und wollen und wollen nicht; weil wir nicht können. Unsere Aktien in Indien stehen schlecht. Mit der vermaledeiten Bodmerei haben wir, wie es scheint, unsinnig viel Geld verschleudert und verloren. Assekuranten unserer eigenen Schiffe sind bankerott geworden; viel Unglück auf einmal! und dann das Leben in diesem Hause! ein wahres Heidideldum!« — »Ja wohl,« bekräftigte Berndt seufzend, »ein heidnisches Scandalum. Herz, was begehrst du? Keine Wirthschaft, keine Gottesfurcht! Wir müssen nach dem Gemüse gleich vom Tische aufstehen, und Braten, Gänselebern und indianische Vogelnester kommen hinterdrein. Also, lieber Freund und Kollege! wir beginnen zu wanken? Danke für gegebenes Aviso. Ich will gleich auf anderweitige Versorgung denken.« — »Unter der Hand, Bester,« setzte Nothhaft bei: »nicht vor der Zeit gebrochen. Hübsch alles abgewartet; für einen klugen Diener gibt's in Bankerottchen gute Ernten.« — »Der Eintritt des Unheils möge noch ferne bleiben, bis mir eine andere Schwelle gesegnet ist!« betete Berndt mit zerknirschter Miene: »das Schlampampen ohne Condition ist mir und dem lieben Gott zuwider, und kostet nur Geld, statt einzubringen.« — »Betbruder und Scharrer!« schalt Nothhaft. »Jammre nicht. Der Geist Gottes wird ja nicht ermangeln, dir Alles im Voraus zu entdecken. Ich bin zwar nur ein Weltkind, habe keine Anwartschaft auf das tausendjährige Reich, aber im Herzen bin ich froh, wenn die Umstände mich zwingen, ein Haus zu verlassen, in dem mich nur der gute Lohn zurück hält. 'S ist eine Galeere, dies Comtoir.« — »Bete und arbeite! sagt die heilige Schrift,« sprach Berndt hierauf demüthig, »ich weiß mich einer Zeit zu erinnern, in welcher dir gar wohl in dieser Schreibstube war, und noch wohler an dem Tische des Prinzipals. Du hattest damals noch große Dinge im Kopfe, und scheutest dich nicht, deine sündhaften Augen auf die Jungfer zu werfen. Aber seit sie dir den Spaß verdorben, ...« — »Pfui, Berndt, mich daran zu erinnern,« entgegnete Nothhaft: »die hochmüthige Person! wie sie sich spreizte in ihrem Stolz! Und mein Vater ist doch eben so gut in seinem Städtchen ein Rathsherr, als der Ihrige hier! und mein Vater hat vielleicht mehr Geld, als ihr Vater besaß, da er noch die Rosinen Pfundweis, und das Baumöl pr. Kännchen verkaufte. Ich hätte sie geheirathet. Parbleu! Das hätte ich gethan; aber sie trug die Nase verzweifelt hoch! Stand ich in der Kirche und stierte hinauf zum Betstübchen, so zog sie gewiß das Fenster vor, oder versteckte sich hinter's Gesangbuch. Zweimal paßte ich's ab, und präsentirte ihr, an Kirchendieners Statt, den Predigttext und die Nummer des Lieds. Immer erhielt ich ein frostiges: »Inkommodir' Er sich nicht, Mosje!« zum Dank. So schlag der Donner hinein!«

Berndt hielt bei der Verwünschung beide Ohren zu. Nothhaft fuhr indessen schadenfroh fort: »Na, Gott gesegn' ihr die baldige Abkühlung! Hochmuth kommt vor dem Fall. Prosit, Justinchen. Die Puppe hat dem Papa und der Mama gesagt: mein Gesicht sei ihr fatal, und darum mußte ich am Tische den Platz verändern, damit sie sich nicht an meinem vis à vis den Appetit verderbe. Geliebt es Gott, wollen wir bald den Spieß umkehren. Wo sie weint, will ich lachen!«

Berndt stieß ihn abermals in die Seite, denn Senator und Buchhalter kamen aus dem Kabinet, mit entschlossenen Gesichtern, und ein Lehrling wurde gleich hinweg gesandt, Eilpferde für den Geschäftsführer zu bestellen; Eilpferde nach Amsterdam. Der Prinzipal händigte dem dienstfertigen und erprobten Diener noch ein wohlverschlossenes Portefeuille ein, nahm von ihm Abschied, und ging, da die Mittagsglocke im Hause läutete, mit seinem Comptoristen zu Tische.

Die gewöhnlichen Bürgergerichte waren verzehrt, die Diener durch einen Wink von der bisher schweigsamen Tafel entlassen und eine kostbare Gallertschüssel aus welcher der Duft des Zimmts, und herrlichen Bordeauxweins stieg, wurde, nebst den Platten des Nachtisches, aufgesetzt. Die Frau Senatorin wendete sich leckerhaft vergnügt zu der reizenden Speise; Justine schnitzte kichernd ein Eichhörnchen aus einem Mandelkerne; der Hausherr sah trüb vor sich hin, klopfte mit dem Messer an die silbernen Gefäße und brach endlich das Stillschweigen mit einer Einleitung, auf die er lange studirt haben mochte.

»Was meint Ihr wohl,« begann er mit erzwungenem Scherze, — »was meint Ihr, wenn auf einmal all' dieses Silber und Porzellan zur Decke hinausflöge, und eitel irdene Teller auf dem Tische zurückblieben mit nothdürftiger Kost?«

Die Senatorin zuckte verächtlich die Achseln ob dem mißlungenen Spaße. Justine rief lachend: »'s wäre ein hübscher Herrenstreich. Papa würde alsdann tief in den Geldkasten greifen müssen, um dem Schaden abzuhelfen.«

»Und wenn nun auch diese Geldkiste leer geworden wäre?« fragte Müssinger weiter.

»Narrethei!« versetzte die Frau, ruhig essend: »was sollen diese Fragen?«

»Euch vorbereiten auf eine unangenehme Möglichkeit;« brach Müssinger los: »Es steht noch auf der Schwebe, ob wir reiche Leute bleiben, oder Bettler werden sollen.«