»Ist denn heute der erste April,« fragte die Frau, »daß der Herr Senator uns mit ähnlichen Kindereien behelligt?« — Justine merkte aber, in des Vaters Augen sehend, den Ernst, wie die Ungeduld, die in ihm arbeitete.

Er fuhr heftiger fort: »Deine Frage ist Kinderei, Jacobine. Ein Kaufmann scherzt nicht dergestalt mit seiner Bilanz. Wahr ist's. Mir droht Unglück. Eng mit mir verbundene Häuser sind gebrochen, Kaper haben meine Schiffe genommen, der letzte Sturm, von dem die Berichte meldeten, hat Kauffahrer vernichtet, auf welche ich bedeutende Kapitalien à grosse Aventure herlieh. Der Ultimo bringt eine Fracht von schweren holländischen Wechseln. Ich bin zu Grunde gerichtet, wenn es meinem Buchhalter nicht gelingt, meinen Hauptcreditor in Amsterdam zu besänftigen und zur Prolongation zu bewegen.«

»Armer Vater!« versetzte Justine mitleidig. Die Mutter zog jedoch die Stirne in Falten. »Unbesonnener Vater!« predigte sie: »Räuber an Weib und Kind! Mußt du dein Hab und Gut auf die Spitze stellen, und an ein paar elende Schiffe hängen? Pfui, du bist ein Verschwender, den man in's Irrenhaus stecken sollte, wenn nur damit gedient wäre. Doch ist dein Vergehen gewiß nur ein schlechter Scherz, sonst wollte ich anders mit dir reden. Sprächst du wahr, so müßte mein Vermögen heraus bei Heller und Pfennig, samt Zinsen und Zubehör. Ich würde mich nicht hinsetzen, dir zu Liebe, und Grütze speisen, wie eine Taglöhnersfrau. Ich bin ein gutes Leben gewöhnt, und hätte hundert Männer haben können, die reicher und schöner waren, als du. Darum fordere ich auch, daß du mich haltest, wie bisher, oder das Eingebrachte herausgibst; sonst müßte ich klagen.«

Des Senators Gesicht überlief Leichenblässe, und er bückte sich scheinbar nach der entfallenen Serviette, um seine Verlegenheit und seinen Grimm zu verbergen. Dann sagte er gezwungen gleichgültig: »Recht, Jacobine. Deine Liebe ist mir wieder recht klar geworden. Leider kann sie sich nicht so triftig vor dem Gerichte ausweisen, indem wirklich mein Vorgeben nur Scherz war, um deine Gesinnung auf den denkbaren Fall hin, zu prüfen.«

»Schäme dich,« eiferte, nun erst zornroth werdend, die Senatorin: »Ich dachte es gleich. Mir den Appetit in dem Grade zu verderben! Mir also die Galle zu reizen! Ich bin ohnehin die unglücklichste Frau in der ganzen Welt, wenn ich nicht meine Seelenruhe und Bequemlichkeit habe! Gottvergessener, frevelhafter Mann! Justine, den Extract!«

Justine, bereits angewiesen, wie bei ähnlichen Gelegenheiten zu verfahren, stand schon mit der stärkenden Essenz vor der Mutter. Der Senator fuhr heftig vom Stuhle auf, summte das Marlborough-Lied durch die Zähne, und zog die Halsbinde weiter. Mit einem Male erblickte er, seitwärts unter der Thüre, den jungen Mann, den er am Morgen zum Sprachlehrer angeworben. Der Eintretende war ein erwünschter Ableiter und Besänftiger. Der Senator liebte es durchaus nicht, vor einem Andern, als den Hausgenossen, seinen Jähzorn zu zeigen, und hielt plötzlich an sich. »Sieh da, mein junger Freund!« redete er den Jüngling an, »Ihr kommt gerade recht. Wie es scheint, hat Euer Pflegvater eingewilligt?«

»Er erlaubte mir, in dem ungewohnten Dienste mich zu versuchen;« antwortete James bescheiden und ruhig. Die Senatorin hatte bei seinem Eintritt die begonnene Ohnmacht vergessen. Nicht minder neugierig und überrascht sah Justine nach dem jungen, fremden Manne, der in seiner einfachen, fast dürftigen Kleidung, furchtloser vor ihrem Vater stand, als sie es bisher an irgend einem Aermern und Jüngern wahrgenommen.

»Ein junger Engländer,« sagte Müssinger, ihn den Frauen vorstellend, »der Justinen in seiner Sprache unterrichten soll. Ich empfehle der Jungfer Fleiß, und dem Lehrer den besten Eifer. Geht hin, junger Herr, und empfehlt Euch der Frau Senatorin und Eurer Schülerin. Dann mögt Ihr gleich den Unterricht beginnen, und zeigen, was Ihr wißt und könnt.«

James ging frei und ungezwungen auf die Mutter zu, faßte, indem er sich verneigte, ihre beiden Hände, und schüttelte sie, näherte sich dann Justinen, that dasselbe, und wollte ihr zierlich die Wange küssen. Erröthend und heftig bog sich das Mädchen zurück, und stieß ihn von sich. Die Mutter rümpfte die Nase, der Vater lächelte. »Ei,« sprach er, »junger Herr, wir sind hier zu Lande nicht in Eurer Heimath, wo solcher Brauch üblich ist. Hier küßt man den Frauen die Hand und den Jungfrauen die Fingerspitze.«

Mit einiger Verlegenheit sich entschuldigend, aber mit vielem Anstande, that nun James, was ihm geheißen war, und versöhnte somit die Mutter; Justine jedoch nur halb, die in dem ungewöhnten Wesen des neuen Lehrers etwas fand, das ihr mißfiel, von dem sie sich indessen keine klare Rechenschaft geben konnte. Mit übel verhehltem Widerwillen führte sie den Jüngling an ihren Arbeitstisch, zeigte ihm die Bücher, die bisher ihr Leitfaden gewesen waren, und berichtete von ihren bisherigen schwachen Fortschritten. James meinte, nach flüchtiger Einsicht und flüchtigem Hören, die Jungfer sei bei Weitem nicht so mehr im Wissen zurück, als sie wohl meine; desto mehr hingegen im guten Willen. — Justinens Gesicht verfinsterte sich wieder merklich, und schweigend setzte sie sich, als der Vater den Befehl wiederholt hatte, den Unterricht alsobald anzufangen. Auf die Stuhllehne seiner Frau gelehnt, folgte nun der Senator dem Beginnen des jungen Engländers, und sah bald, daß derselbe seiner Sache vollkommen gewiß sei. Zugleich gefiel ihm die zutrauliche, freundliche Weise, mit welcher er der stummen Schülerin die Vorzüge der Sprache auseinander setzte; er hoffte von dieser, aus dem Alltagsgeleise weichenden Art, den besten Erfolg, und entfernte sich endlich unter aufmunterndem Lobe. Die Lehrstunde ging fort unter der Aufsicht der Mutter, die aber bald, der Gewohnheit nachgehend, dem Schlummer in die Arme sank.