»Incommodirt Euch nicht, Monsieur,« sagte Justine kurz: »Schleicht nicht an meiner Seite hin. Bleibt zurück. Ihr wißt bereits wie ich denke. Adieu.«

Der niedergedonnerte James blieb in der That, an der Geduld der Zornigen verzweifelnd, zurück, und schlug den Weg in eine andere Straße ein. Er rannte an einer bekannten Figur vorbei; an dem Kaufmannsdiener Berndt, der ihn von der Seite mit einem Blicke, ohne ihn zu grüßen, maß, und dann eiligst der Jungfer folgte, die er wahrscheinlich von ferne, mit James redend, gesehen.

White hatte indessen nicht Zeit, nicht Besonnenheit genug, über diese Begegnung nachzudenken. Die, wie er sich bewußt war, verschuldete Mißbilligung und Verachtung eines geliebten Mädchens, auf dessen Gedanken-Consequenz nicht gehörig gerechnet worden war, bekränkte ganz allein sein Herz, erfüllte sein Gemüth. Er verwünschte im raschen Laufe nach seiner Wohnung seine Bestimmung, sein Geschick, seine Liebe, und den Zwang, dem er unterworfen. Mit thränendem Auge und hochschlagender Brust erreichte er sein Stübchen, und warf sich, wie trostlos auf das Lager. Er hatte nur wenige Minuten mit geschlossenen Augen seine Sinne gesammelt, als er hinter der Bretterwand, die sein Gemach von dem Schlafkabinete des Doctors trennte, das Geräusch einer aufgehenden und zufallenden Thüre vernahm. Er horchte, und unterschied die Stimme des Doctors, die Stimme des Senators Müssinger.

»Erholen Sie sich,« sagte der Erstere: »in allen Verhältnissen des Lebens ist uns Fassung am nöthigsten. Der Mensch ist seiner Herr, sobald er über seinem Schmerze, wie über seinem Glücke steht. Die Erinnerung an das Jahr 1690 hat Sie übel angegriffen. Hier stört uns niemand; hier lauscht niemand.«

»Arme Clara!« seufzte der Senator: »nach neun und zwanzig Jahren muß sich Dein Andenken so grell in meinem Gehirne erneuern! In welcher bösen Zeit, mein Freund! O, in welchen betrübten Stunden!«

»Clara ist im Himmel, Herr Senator. Sie sitzt zu den Füßen der Gebenedeiten, und sieht gewiß segnend auf uns herab, denn dort oben löscht jeder Groll aus, und Clara grollte Ihnen auch hienieden nicht.«

»Welche Reden, würdiger Herr! das sind Worte des Trostes, der unendlichen Zuversicht auf unendliche Barmherzigkeit! Aber — was hilft es? Ein stummer Fluch verfolgt mich, — und weil mein frevelhafter Leichtsinn ein unschuldig Herz gebrochen, bricht die Schuld das Meine. —«

»Der Schatz göttlicher Liebe ist groß, unermeßlich. Vertrauen Sie dem Heiland. Ich darf seine Stelle auf Erden vertreten, wenn ein reuiges, nach Versöhnung lechzendes Gemüth sich vor dem Kreuze in Staub wirft. Sie erschraken beinahe, Herr Senator, als ich, Vertrauen mit Vertrauen vergeltend, Ihnen bekannte, daß ich die Weihen meiner Kirche trage. Wollte die heilige Mutter Gottes, daß Sie auch derselben angehörten! um zu erproben, ob ich den Beruf und die göttliche Gnade zu meinem Stande besitze.«

»O!« — stieß der Senator nach einigen Augenblicken mit Gram und Kummer heraus: »fast wünschte ich auch, einer der Ihrigen zu sein, daß ich auf Milde und Vergebung rechnen dürfte. —«

»Die Sonne scheint dem Bösen, wie dem Guten;« antwortete der Doctor mit Salbung: »Der Verirrte hat in seinem Irrthum selbst Anspruch auf die Gnade seines Schöpfers: um wie viel mehr der Bereuende? der Entfremdete, der einen Bild des Sehnens nach der traurenden Heimath zurückwirft? Beruhigen Sie sich, bester Freund. Das Wort, das Sie so eben gesprochen haben, macht Sie schon gleichsam zu den Unsrigen. Ich trage daher, — die Macht benützend, die unsere frommen Väter im Namen des Statthalters Gottes auszuüben begannen, — kein Bedenken, Ihnen die Tröstungen unsrer Religion anzubieten, da Ihnen, wie ich bemerke, diejenigen, welche Ihre bisherige Lehre Ihnen zu geben vermag, nicht zulänglich scheinen. Sammeln Sie Ihr Gedächtniß, mein werther Sohn, und erleichtern Sie Ihr Herz. Mein Ohr ist Ihnen offen, und meine Hand bereit, jeden Kummer aus Ihrer Brust zu nehmen, und den Balsam der Versöhnung dafür hinein zu legen.«