Er ging, und Litzach, der schon vor einigen Minuten auf der Mailbahn erschienen war, kam. Der Doctor hatte Mühe, den Mann unter der übertrieben großen Perücke, dem pfirsichblüthfarbigen Sammetkleide mit Seidenstickerei verbrämt, zu erkennen. Das hagere, kummervolle Gesicht des Schauspielers paßte so wenig zu dem Staatsrocke, als die unscheinbaren Strümpfe, der zerknitterte Hut und die unmäßige Bandschleife, die vom kurzen Degen in verblichenen Farben herniederhing.
»Setzt Euch, mein Herr!« sagte der Doctor voll mitleidiger Höflichkeit: »Für's Erste: erzählt mir, wie es in Eurem Hause steht!«
»Meine Alte lebt noch,« antwortete Litzach: »der Doctor meint jetzo, sie werde am Leben bleiben, und Gott sei gepriesen dafür. Mitleidige Menschen haben meine Hütte mit ihren Wohlthaten erfüllt, und der Principal machte mir so eben das schmeichelhafte Compliment: ich hätte meine Lazzi noch nie so gut gemacht, als heute. Die Leute haben viel gelacht, und der extemporirte Spaß floß mir nur so vom Munde. Gottlob! ich darf hoffen, daß mich der Impresar behält.«
»Das Alles macht mir Freude,« versetzte der Doctor: »Ihr möget wissen, Monsieur, daß ich Euch schon lange kenne, wenn Ihr der Litzach seid, der auf der Jesuitenschule zu Augsburg studirte.«
»Der bin ich,« sagte Litzach seufzend: »und Sie, mein Herr?«
»Ich bin Münzner,« erwiderte der Doctor.
»Münzner?« wiederholte Litzach, wie sich besinnend, ergriff dann des Doctors Hände, sah ihm lange ins Gesicht, drückte dann einige Augenblicke, wie von Erinnerung verklärt, die Augen zu, öffnete sie wieder weit, und rief mit einem tiefen Athemzuge: »Weiß es Gott: das ist Xavers redliches, ehrbares Antlitz! Ach! habe ich denn das fröhliche Angedenken an Schul- und Jugendfreundschaft verdient? Wir haben uns »Du« genannt, mein lieber, alter Xaver! fürchte jedoch nicht, daß ich noch jetzt, wenn fremde Leute zugegen sind, das »Du« gebrauchen werde! du bist gewiß ein gelehrter und reicher Mann geworden, ich hingegen nur ein armer, verachteter Comödiant. Aber, erlaube mir, dich wenigstens in der ersten Stunde des Wiedersehens mit dem vertraulichen Namen zu begrüßen. Erlaube, daß ich dich nur jetzo Bruder nennen darf; das wird mich erheben auf lange Zeit.«
»Rede, mein armer Litzach! Erzähle mir, was dir seit unserer Trennung begegnete.«
»Ich könnte hierauf antworten: Unglück, Unglück, Unglück! und Alles wäre gesagt; aber du willst, ich soll weitläufiger sein, und so will ich dir folgen, obschon ich dennoch nicht viel Worte machen werde. Ich hatte meine Schulen perfekt durchgemacht, viel im Kopfe, und auch, Dank meiner sparsamen Eltern, viel im Beutel. Das war ein Unglück. Ich hing die Wissenschaften an den Nagel, lebte in Hülle und Fülle, versuchte es im Kriege bei einer Freipartie, und kam endlich ganz herunter. Der Kasten war leer, der Kopf wüst geworden, und in meinen besten Jahren stand ich da, und fragte mich, wie ich mich als zehnjähriger Bube gefragt hatte: »Was willst du werden? Was anfangen? Was unternehmen?« Zu jener Zeit kam die Merseburgische Comödiantenbande nach dem Orte, der meinen letzten Heller verschlungen hatte, und ich erinnerte mich plötzlich, daß man uns im Collegium auch hin und wieder hatte Comödie spielen lassen. Wenn du dich erinnerst, so wirst du wissen, daß man mich um meines glatten Gesichts und meiner schwächlichen Gliedmaßen willen, vorzugsweise erwählt hatte, die Weibsbilder zu agiren. Ich habe die Judith gespielt und die Herodia, und sogar einmal die Lalage in dem Schäferspiele: »Der treue Hirt,« womit der junge Professor der Rhetorik einst zu Augsburg so viel Aergerniß anrichtete. — Ei! dachte ich bei mir; wenn die Väter der Gesellschaft Jesu das Comödienspiel bei ihren jungen Leuten einführten, warum soll ich nicht mein Brod verdienen, wie andere verdorbene Studenten und reducirte Soldaten? Gedacht, gethan. Der Principal Richter nahm mich an, und eine recht fröhliche Wanderzeit begann für mich. Damals, lieber Münzner, machte ich nicht den Hanswurst, sondern die Amanten. Ich stellte vornehme Leute auf der Bühne vor, und trug mich auch nobel außer derselben, in Tressenröcken und sorgfältiger Wäsche. Hätte ich mich nur nicht verliebt!«
»Bis hieher war ich frei, und hatte nichts geliebet;
Doch, daß mir diese Pein die Sinnen nie betrübet,
Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrt
Schätz' ich aus Uebermuth nicht eine meiner werth,
Bis ich das Wunderbild beschauet,
Das mich vor dem ergötzt, ob dem mir jetzund grauet.«