»Ich rede von meiner Frau, eines herrschaftlichen Beamten Tochter zu Halberstadt. Wie sehr empfand ich den Dichter, als ich sie sah:«
»Die als ein Wirbelwind mich hin und her gerückt,
Und mein zerscheitert Schiff in langem Sturm zerstückt!
Ich sah sie, und entbrannt'! sie fühlte neue Flammen!
Kurz: ihr und mein Gemüth, die stimmten wohl zusammen!«
»Ich entführte die Liebste. Der Fluch ihres Vaters folgte uns nach, und, sobald meines Weibes Eltern in die Grube gesunken, fiel das Elend über uns her. Der lustige Name, den ich mir beigelegt, war ein schneidender Spott auf unsere traurige Lage. Katharine hatte nicht ein bischen Geschick zu der Comödie. Man lachte sie aus, sobald sie sich nur zeigte: der Principal zankte, und ich antwortete gallebitter, und wir wurden von der Gesellschaft weggeschickt. Eine schwere Brustkrankheit warf mich nieder, und verschlang Alles, was wir hatten! Am Stabe schleichend, von Katharinen geführt, die unser erstes Kind auf dem Rücken trug, bettelte ich mich weiter, von Kloster zu Kloster, von Spital zu Spital, von Bande zu Bande. Endlich fanden wir einen gutmüthigen Principal, der uns einen Wochenlohn anbot. Mein Weib sollte für die Truppe waschen, ich sollte agiren. Aber mit dem Amoroso war's vorbei! Ich hatte keine Stimme mehr, und keine Kraft. Der Principal richtete mich zum Rüpel ab. Ach, Münzner! wie war mir zu Muthe, als ich zum ersten Male als Narr auf die Bretter trat! Daheim lag mein Jüngstes im Sarge, meine Katharine, der Niederkunft gewärtig, auf dem Strohlager, und sie war allein, und nur Hunger und Mangel saßen an ihrer Seite, und ich mußte Possen reißen, und die bittern Thränen der Verzweiflung flossen aus meinen Augen über die geschminkte Narrenlarve in den Kienrußbart!«
Litzach wischte sich eine Zähre von der Wange, und fuhr gepreßten Herzens fort: »Ich machte den Lustigmacher schlecht. Die Zuschauer meinten, ich sei ein betrübter weinerlicher Narr; sie warfen mich mit verdorbenen Aepfeln, und der Principal zog mir die Jacke aus, und schickte mich fort. Als ich heimkam, brachte mir die Wehmutter einen Buben entgegen, den sie um Gotteswillen empfangen hatte, und ich brachte der Mutter meine Kindes sechszehn Groschen — und — den Abschied.«
»Herr Gott!« seufzte der Doctor. Litzach fuhr fort: »Ja, mein lieber, alter Freund: wer nur als Zuschauer vor dem gemalten Vorhange der Comödie steht, weiß nicht, wie viel gebrochene Herzen unter dem Tand der Flimmer-Kleidung schlagen. Ist es gerade nicht Kummer, der die Brust der Maskenspieler zerreißt, so ist es der giftige Neid, so ist es die brütende Unzufriedenheit, die hinter dem bunten Spiele eine fröhliche Welt suchte, und nur kümmerliche Lappen und eine trostlose Zukunft fand. Der Leichtsinn nur, dem Alles gleichgültig geworden, mag ruhig in diesem Getobe niedriger Leidenschaften schlafen; auf diesem wankenden Boden, den Prahlerei und Jammer beherrschen. Was uns Geschicklichkeit erwirbt, raubt uns auf der anderen Seite die Ungewißheit unserer Lage, und die Verachtung, die auf uns lastet. — Ich überspringe nun manches Jahr des Unheils, und bemerke blos, daß ich in der Zeit einen Theil jenes Leichtsinns mir errang. Ich wurde stumpf, fühllos; ich lernte seltsame und lächerliche Grimassen machen und Capriolen schneiden, ob mir schon der Tod an der Kehle säße. Ich errang den Ruf eine guten Comödianten, eines possierlichen Burschen, ich fand ein besseres Brod. Ich hatte gespart: ich hatte meinen Kindern ganze Kleidungsstücke angeschafft, meine Katharine mit dem Nöthigsten versehen; ich hatte ein Bett gekauft, und beinahe schon die Summe zu einem Plüschrocke beisammen, der mich in den Stand gesetzt hätte, reputirlich unter die Leute zu geben, als Katharine in die langwierige Krankheit verfiel. Unser Wohlstand verging wie eine Seifenblase, und ein Dienst, den ich bei der Gesellschaft des sel. Velten antreten sollte, mußte ebenfalls aufgegeben werden. So kam ich hierher, so fandest du mich. Nach langen Jahren erregt dein Anblick, Münzner, wieder das erste lebhaft frohe Gefühl in meinem Herzen. Die Hoffnung, daß meine Katharine leben wird, und dein Wiederfinden, macht mich glücklich. Ach, wie wahr redet der unvergleichliche Lohenstein in einem seiner Trauerstücke:
Je finsterer die Nacht, je heller ist das Licht:
Je öfter man die Hand an spitz'ge Dörner sticht,
Je mehr bekränzt man sich mit blutbemilchten Rosen:
Je mehr die Mittagshitz uns sticht, je süßer tosen
Die feuchten Abendlüft'; ist Wetter, Sturm und Well'
Und Wolke trüb und schwarz, so dünkt uns noch so hell
Und lustig Sonn' und Port. Die steinern harten Ketten,
Die Felsenlast, die uns zu Boden schier getreten,
Des Lebens steter Tod, der jeden Blick uns schreckt,
Das dunkel-grause Loch, in das wir eingesteckt,
Der Trauerrauch hat sich verkehrt in sanfte Wonne,
Die Nacht hat sich verstellt in eine lichte Sonne!«
Nach diesen pathetisch hergesagten Worten schüttelte der Schauspieler des Doctors Hand noch einmal herzlich, und ein warmer Tropfen fiel auf diese Hand.
»Du bist mit dem Weibe, das du deines nennst, nicht copulirt?« fragte der Doctor.
»Die Ehen in unsrer Gilde,« erwiderte Litzach beschämt, »sind meistens wild, und leider ist's auch die meinige. Jedoch thut es mir und Katharinen sehr wehe, daß, unsern unablässigen Versuchen zum Trotz, sich noch kein Geistlicher unterstanden, unsern Bund zu segnen.«