»Vollenden Sie nicht, Herr Vater,« versetzte Justine; »lernen Sie mich besser kennen. Ihre Besorgnisse sind grundlos. Da Herr Birsher hier angekommen, schickt sich's ohnehin nicht, daß ich den Besuch eines Mannes ferner annehme. Sie werden mich verbinden, wenn Sie Herrn White heute schon entlassen. In Frieden, denke ich, wenn Sie meinen Ruf schonen wollen. Was Berndt betrifft....«
»Das ist meine Sorge!« ergänzte der Senator, und eilte auf seine Stube, wo sich Berndt demüthig und bald einfand.
»Er hat sich erlaubt,« fuhr ihn der Principal mit Strenge an, »meine Tochter durch böse Nachrede zu verunglimpfen, und ihr einen Spaziergang zum Verbrechen zu machen, von dem ich unterrichtet war, und der einer Armen galt. Verläumder und Züngler dulde ich nicht in meinem Hause. Er hat sich um einen andern Dienst umzusehen, und mit Ablauf des Quartals von meiner Schreibstube abzuziehen. Bon Dies.«
Stumm und niedergeschlagen entfernte sich Berndt, und murmelte zwischen den Zähnen: »Das kommt von Nothhaft, dem neidischen Bengel! Das gedenk' ich ihm!«
Der Geist der Verdrossenheit hatte sich auf Müssingers Dach gelagert. Ein dumpfes Mißbehagen bedrängte Alle, die darunter wohnten, Justine ausgenommen, die mit unbefangenem Herzen, mit klaren Augen die Zukunft musterte. Freilich mischte sich auch in diese unbefangene Klarheit dann und wann ein wenig Unruh, wenn sie an den Verlobten dachte, der so plötzlich erschienen war; von dessen Wollen und Wünschen noch nichts verlautet hatte. »Wie wird er die Sache entscheiden?« fragte sie sich, »und will er mich noch heimführen, oder hat der Tod seines Vaters seinen vielleicht erzwungenen Vorsatz geändert? Aber: wie sieht wohl der junge Mann aus?« fragte sie sich noch weit öfter, und erbebte ein Bischen, dachte sie sich des alten Birshers Corpulenz, seine Perücke, seine Manieren, die sich vielleicht alle, wenn auch nach verjüngtem Maßstabe, in dem Sohne wiedergaben, wie im Spiegel. Werde ich ihn heirathen? — war natürlich die letzte, die bedeutendste Frage, die Justine an ihren Verstand, an ihr Herz richtete. Der Verstand, der den Reichthum und das daraus entspringende heitere Leben zu schätzen wußte, sagte allerdings: Ja! aber das Herz? In diesem verborgensten Winkel tauchte von Zeit zu Zeit, einem spielenden Geist zu vergleichen, ein Bild auf, — angenehm in seinen Zügen, unangenehm jedoch in seiner Bedeutung: James. — Justine wurde nun sehr ernsthaft, sehr unruhig, und dankte dann dem Himmel von ganzer Seele, als dieses Bild nach kräftigem Bedenken mit einem Male verschwand, und nimmer wieder kam. — So halte ich dem besorgten Vater Wort, und meiner eigenen Würde! — sagte sie gleich einer Siegerin, und ging, eines hellen Entschlusses voll, die Schlüssel des Hauses einzufordern, um das Gastmahl zu rüsten.
Frau Jacobine machte gar keine Schwierigkeit, auch heute die Wirthschaft dem Mädchen anzuvertrauen. »Du wälzest einen Stein von meinem Herzen!« — sprach sie, die Schlüssel hinreichend, und wieder in die Kissen des Kanape's versinkend, in denen sie sich ausnahm, wie eine im Nachdenken Verlorne.
»Darf ich nicht wissen, was Sie beängstigt oder ärgert, liebste Mutter?« — fragte Justine mit sanfter Theilnahme. Die Mutter schlug die Hände zusammen, und schüttelte den Kopf mit Heftigkeit. »Frage mich nicht, Justine!« — sagte sie alsdann mit phlegmatischem Pathos: »Es wird die Zeit kommen, da sich Alles enthüllen wird. Armes Kind! und ich ... eine arme Mutter! Mir bleibt nichts übrig, als zu überlegen, wie wir beide einer großen Seelengefahr zu entrinnen haben. Gott wird ja einen Engel schicken! Behalte indessen die Schlüssel dieses unseligen Hauses! In meinem Leben rühre ich sie nicht mehr an!«
Sie schwieg verstockt, und Justine fürchtete für den Verstand der Mutter.
»So werden Sie mir doch erlauben,« — sprach sie, — »eine Gehülfin zu erwählen; denn in der Zeit, als Herr Birsher hier aus- und eingehen wird, dürfte es viel zu thun geben, dem ich allein nicht gewachsen wäre.«
»Wie du willst. Gott segne den Herrn Birsher! Er hätte aber besser gethan, zu New York zu bleiben. Wen willst du jedoch dir zur Seite setzen?«