»Eine Freundin: Madame Laynez, eine Französin.« — »Wer ist die Person? Ich kenne sie nicht.« — »Die Frau Syndikus empfahl sie mir,« — versetzte, um eine Antwort etwas verlegen, Justine. — »So?« — erwiderte Jacobine mit großen Augen; — »meinethalben dann. Die Syndikussin empfiehlt sicher kein Gesindel; sonst möchte ich wohl gerathen haben, auf der Hut zu sein. Die Franzosen machen gerne lange Finger, und bei Gelegenheiten, wie die heutige ...« — »Lassen Sie mich walten, Mutter; und erheitern Sie sich. Dieser unbegreifliche Mißmuth würde den Gast verschüchtern und den Vater erzürnen.« »Den Vater?« — rief die Mutter zusammenfahrend aus; — »schweige von ihm. Ich will nichts von ihm wissen, nichts von ihm hören! Ich wollte, ich hätte ihn nie gesehen. Du wärest nie geboren worden!« — »Mutter!« — »Ich wollte, meine Augen müßten den fremden Gast nicht sehen. Aber — nicht wahr, es wäre unschicklich, wenn ich bei Tische fehlte?« — »Gewiß, liebe Mutter! Bedenken Sie selbst, — die Frau vom Hause ...«

»Mein Heiland, ja! Was muß man nicht thun, um der Schicklichkeit willen? Was muß man nicht verschweigen und verbeißen um der Schande willen! Ach, liebste Tochter, ich werde viel leiden an dieser Tafel! Jeder Bissen wird mir im Munde quellen. Ach Gott! verzeihe mir meine Sünden; womit hab' ich aber all' diese Noth verdient?«

»Ich fürchte mich bei Ihnen, Mutter!«

»Bei mir?« ächzte das Weib, das sich mit Gewalt in eine Aufregung versetzte, die sich lächerlich und peinlich zugleich ausnahm; »bei mir, du gottloses Kind? Und ich bin doch ein Lamm, wie Schnee so rein; und ich habe dich zur Welt geboren, und ich sinne und sinne seit gestern, daß mir der Kopf schwindelt, wie ich dich, meinen Herzensschatz, mit mir zugleich erretten kann. An mir sollst du dich halten, und nur Gott fürchten in Demuth, und ... deinen Vater in Angst! Fürchte dich vor dem Vater, wie das unschuldige Lamm vor dem Wolf! Thue von heute an nie mehr, was er begehrt, denn er begehrt nur unser Verderben.«

Justine sah die Frau, die sich wie eine in Wahnsinn fallende zerängstigte, mit großen Augen, dann mit Mitleid, dann mit Geringschätzung an, drehte sich endlich kurz und gut um, und sah nach ihren Pflichten.

»Was ich versprochen, kann ich heute schon mit dem Segen Gottes beginnen,« — schrieb sie in Eile an die Laynez: »Kommen Sie, gute Frau. Versuchen Sie es für's Erste auf ein Paar Tage, wie es Ihnen gefallen möchte bei Ihrer herzlichen Freundin Justine.«

Sie sendete diesen Zettel durch den dümmsten Packknecht ihres Vaters in den Johanniterhof an die Adresse, und verlor im Drang ihrer überhäuften Geschäfte bald die seltsamen Launen ihrer Mutter, — sogar den eingeladenen merkwürdigen Gast aus den Gedanken.

Indessen hatte sich bereits ein anderer Geladener in des Senators Stube eingestellt. Müssinger erkannte selbst beinahe den Eintretenden nicht, so sehr veränderte diesen der schwerbetreßte Rock, die ansehnlich bauschende Halsbinde und die große weiß erglänzende Perücke.

»Im Namen des Herrn und Heilands!« sagte der Kommende — Doctor Leupold — mit leiser Stimme.

»Amen, und willkommen, hochwürdiger Herr!« antwortete der Senator ebenso, und ging dem Doctor entgegen, ihm die Hand zu küssen, eine Ehrenbezeugung, deren sich Leupold weigerte.