»Keinen gefährlichen; denn Gott würde mit dem Beharrlichen sein, und sein Engel den Satan stürzen. Beruhigen Sie sich indessen. Das Heldenbild eines solchen Kampfes lebt nur in der Einbildungskraft, nicht in der Zeit, die eine gemessene, mathematisch schleichende ist. Wir bekehren nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern mit dem kraftvollen Honig der überzeugenden Rede. Wir dringen uns nicht mehr den Völkern auf. Die Völker werden aber, vom geheimen Zuge ergriffen, alle zu unserm Tische treten. Die Wunder der grauen Judenzeit geschehen nicht mehr, sondern langsam, still webend, wie der Trieb der Natur, bereitet der Schöpfer seine Ereignisse vor; Mirakel, nicht kleiner als die der heiligen Bücher, aber mystischer als sie. Durch göttliche Schickung rüttelte sich der Wolf der Ketzerei los; aber mit dem Gifte erstand zugleich das Gegengift. Der Ursprung unserer Gesellschaft, ist er nicht ein Wunder? erzeugt im Staube, und herrlich fortblühend an der Brust der Könige? Zeigen Sie mir ein ähnliches Beispiel in der Geschichte aller Völker, und bezweifeln Sie den Fingerzeig des Herrn, der uns, seine Streiter erweckte; nicht zum blutdürstigen Morde, wie jene Dominikaner, die ihren Beruf, die Unseligen, verkannten; nicht zum faulen Bettel, wie jene schmutzigen Mönche des Franziskus von Assisi, welche ihre Sendung mit Füßen treten; sondern zu der schweren Arbeit, wie sie die Noth der Zeit erfordert. Warum wüthet man gegen uns? Weil man uns ungemessen fürchtet. Warum verläumdet man uns? Weil wir heller sehen, als alle Welt. Wie kömmt es aber, daß wir das können? Weil die hunderttausend Augen meiner Brüder nur ein Einziges sind, und ein scharfes; ihre hunderttausend Arme nur ein Einziger, und ein thätiger; beseelt von einem Willen, von einer Kraft. Ein Ziel ermißt unser Blick, nach dem Einen greifen unsere Hände; nach dem Einen schreitet unser Fuß: Ehre dem Herrn in der Höhe! Nachfolge dem Menschgewordenen Sohne und seinem Kreuze! Belehrung der Gläubigen, Zurechtweisung der Verirrten und der noch nicht im Geiste Gebornen! Aufrechthaltung der allein seligmachenden Kirche! Krieg auf Tod und Leben dem Satan der Zeit, welcher da ist der der Unvernunft, der der Hartnäckigkeit der des Lasters! — Hier nannte ich Ihnen in Kürze die Grundlagen unserer Bestimmung, die Zwecke unsers Daseins. Giebt es vortrefflichere auf Erden? Verdienen Sie nicht die größte Theilnahme, und den göttlichen Schutz, der ihnen so offenbar zu Theil geworden? Ueberall verbreitet, in jedem Welttheile angesiedelt, predigen wir die wahre, reine Religion. Wir haben ganze Völker dem Heile zugewendet; wir haben Halbthiere zu Menschen gemacht. Wir leiten das Gewissen der Fürsten; wir bewachen den Stuhl des Statthalters Jesu Christi. Unsere Schulen — wer lobte sie nicht als die Vollkommensten! Unsere Zöglinge — wer rühmte sie nicht als die Gelehrtesten? Meine Brüder — wer hätte sich nicht an ihrer heitern Freundlichkeit, an ihrem milden Ernste, an ihrer Weisheit erquickt? Um jedoch ausgezeichnet und allumfassend wirken zu können, mußten wir umfassende Hilfsmittel wählen und schaffen: ein Band der Religion, der Wissenschaften, der Künste, der Gewerbe, des Handels um die Erde und die fernsten Meere legen. Für alle Bedürfnisse des Menschenwohls Sorge zu tragen, haben wir uns verbindlich gemacht; wir besitzen in unserm Ordensschooße alle Elemente dazu; die Mittel muß die Außenwelt geben, die uns freilich gern und oft zurückstoßen möchte, während sie uns danken sollte. Die kanonische Armuth der Kirche, die Kargheit der meisten Fürsten, versagt uns bedeutende Unterstützungen, und unsere Spekulation muß aushelfen; daher — im Vertrauen — unsere Colonien in fernen Welttheilen; daher Schiffe mit unserer Fracht auf dem Meere; daher das Bedürfniß, Stapel-, Lager- und Ausladungsplätze in allen Gegenden der Windrose zu besitzen. Ich komme jetzt ganz natürlich auf unser hiesiges Etablissement, das im Anbeginn einen solchen Lagerplatz ganz allein bezwecken sollte. Einige Vertraute waren nöthig; mein Vorgänger entdeckte jedoch viel Glauben, viel fromme Sehnsucht, und pflanzte die Reben des Herrn mit gutem Gedeihen an, so daß ich, sein unwürdiger Nachfolger, schon eine ansehnliche Zahl von Sprößlingen vorgefunden. Auch mit mir war der Segen des Herrn und das Glück, das mich berief, Ihnen zu dienen; dem alten bereuenden Freunde, dem nievergessenden Freunde Clara's. Ihr Einfluß, mein Sohn, wird, hoffe ich, viel Gefahr von unserer stillen Gemeinde abwenden, und ein guter Wächter für den Handelsvertrieb der Gesellschaft sein, die hingegen stets bereit sein will, ihre müßigen auf hiesigem Platze liegenden Capitalien in Ihre vertrauten Hände zu legen, und gegen billigen Zins zu lassen; so wie sie Ihnen auch bereits, — gänzlich uneigennützig, und mit Ihren frommen Gesinnungen nicht bekannt — die bewußten Wechsel auf Brasilien angeboten: so wie ein Freund dem andern zu dienen verpflichtet sein sollte.«

»Ihrem Orden meinen Dank;« sagte der Senator erheitert: »ich will zu vergelten suchen, wie ich kann. Treue Freunde thun heut zu Tage Noth. Sie haben mein Ohr bezaubert durch Ihren kurzen Bericht und Ueberblick Ihrer Wirkungskreise. Wahrlich! ein solcher Verein ist ein Wunder, ein noch nie gesehenes, nie erhörtes; und Sie, hochwürdiger Herr, müssen sich im Paradiese wähnen, wenn Sie stündlich sich erinnern, auch ein Glied an dieser großen edeln Brüderkette zu sein!«

Der Doctor sah bei dieser Wendung ernst und wehmüthig auf die stumpfen Spitzen seiner Schuhe, lehnte das Kinn auf den Rohrstock, und entgegnete nach einem verhaltenen Seufzer: »Je nun, Herr Senator! Jeder Beruf hat seine Last! und ich gehöre zu den Lastthieren unseres Ordensberufs. Herr Senator! um ein gläubig Gewissen, um ein ungeschwächtes Vertrauen auf die Unfehlbarkeit eines vorgesetzten Endzwecks ist's eine schöne Sache. Dieses Vertrauen auf Gott, meine Obern und meiner Pflicht wohlthätige Früchte ist mein Reichthum, mein Paradies. Die Pflichten selbst sind gar oft schwer, widern oft an; allein man tröstet sich mit der Fürsicht, die das Alles befiehlt und ordnet, und wissen muß, zu welchem guten Zweck Alles so befohlen und geordnet werden soll. Lichtpunkte in meinem Berufe und Treiben sind Vereinigungen, so erwünscht, so freundlich, wie die mit Ihnen im Namen der sanftesten Religion eingegangene. Clara betete für Ihr Glück! Clara's Freund feindlich mir gegenüber zu sehen, der Verdammniß verfallen, der Hoffnung bar, einst mit Claren, mit mir vereinigt zu werden!... Der Gedanke schmerzte mich tief, und indem ich Sie für unsere Lehre gewinnen durfte, gewann ich selbst einen Schatz tröstenden Bewußtseins!«

Der Senator war bewegt, da er in die bewegten Augen des Doctors sah, und auch die seinigen gaben Thränen, und in einer herzlichen Umarmung erkannten sich Priester und Neophyt als höhere Würdenträger der Menschheit; als verwandte Gemüther, als Freunde.

Der Senator sagte hierauf, indem er sich die Augen trocknete, und des Doctors Hand ergriff: »Was mir einfällt, mein würdiger Freund! Ihr Pflegesohn scheint Lust zu haben, ein Proselyt meiner Tochter zu werden, denn umgekehrt läßt sich bei des Mädchens Starrköpfigkeit die Sache nicht denken. Allein ... Sie begreifen ... und ersparen mir wohl fernere Erläuterung.«

»Allem ist schon vorgebaut;« unterbrach ihn der Doctor: »mir ist's nicht entgangen, und dem jungen Menschen ist bereits Ihr Haus untersagt. Ihn binden frühere Pflichten, und Zeit ist's, daß sein Schwärmen endige.«

»Welch ein Mann sind Sie!« rühmte der Senator, freudig des Doctors Hand schüttelnd: »solch' ein Scharfsinn — solch' feine verhütende Moral lernt sich wahrlich nur in Ihren Collegien. Was sind dagegen unsere trockenen, dürren Gymnasien, wo man nur Buchstaben lernt, und nicht Menschenkenntniß? — Was unsere Schreibstuben, in denen man den Charakter unserer Geschäftsfreunde, wie der Welt, nur nach den Zahlen taxirt, die sie in Gold oder Papieren aufzustapeln vermögen! Was Ihnen der klare Forscherblick schon verrathen, das mußte mir der Mund eines schleicherischen Handlungdieners ...«

Die Schelle am Hause wurde gezogen: einmal, zweimal, dreimal, bescheiden, aber steigend, wie sich dazumal geladene Fremde anzumelden pflegten, während Hausfreunde nur zweimal läuteten und Hausgenossen das ganze mit einem derben Riß an der Schelle abzuthun gewohnt waren. Der Senator erblaßte; das Wort erstarrte in seinem Munde, ein heftiges Zittern überkam ihn.

»Herr ... Birsher ...!« stammelte er. Der Doctor rüttelte ihn zurecht, und sagte ihm tröstend und ermahnend: »Sie sind entsündigt. Im Namen der Dreieinigkeit! gehen Sie hin; trauen Sie auf meinen Beistand, und geben Sie nicht Anlaß zum Argwohn, noch Aergerniß!«

Ein nachfolgender Zug an der Comptoirschelle benachrichtigte den Hausherrn, daß der Fremde hereingelassen worden, — daß der Besuch nicht dem Kaufmann allein gelte. Seine Pflicht zu erfüllen, nahm sich Müssinger zusammen, und ging dem die Treppe Ersteigenden höflich entgegen. Der große junge in Schwarz gekleidete Mann mit dem wenig gefärbten ernsten Gesichte und den hellen geradausschauenden Augen hätte den Senator beinahe wieder aus der Fassung gebracht; was indessen der erste Anblick verderben zu wollen schien, brachten die ersten Worte des Fremden wieder ins Geleis. Der junge Mann streckte, ohne den Hut zu rücken, aber mit offenem Gesichte dem Wirthe die Hände entgegen, und sagte: »Ei, herzlich willkommen, Herr Senator. Freue mich, Sie endlich zu sehen. Vor Allem Entschuldigung, daß ich mich gestern, von der Reise ermüdet, durch den Kellner anmelden ließ. Hierauf verbindlichen Dank für die Einladung, und — das Beste kömmt zuletzt — meine herzlichste Erkenntlichkeit für die Bewirthung meines armen Vaters.«