Der Senator bückte sich äußerst verlegen, und öffnete die Thüre des Tafelzimmers. Ohne sich jedoch unterbrechen zu lassen, fuhr der junge Mann ruhig und behaglich fort: »Das Grab meines guten Vaters war das Erste, was ich hier besuchte. Meine Thräne ist darauf zurückgeblieben, und mein Segen nicht minder. Wir wollen uns jedoch, nach diesem Berichte, die Hände darauf geben, daß wir kein Wort mehr über sein Schicksal verlieren wollen. Sie übersehen gütigst die Farbe meiner Kleider, so wie ich selbst den eigenen Kummer übersehen will, um Ihnen nicht ein unerträglicher, unwillkommener Gast zu sein.« Der Senator sah den Doctor verwundert, aber mit erleichtertem Herzen an. Leupold studirte in dem Gesichte Birshers. Er erkannte seinen gestrigen Tischnachbar im Schwan. Dieselbe ruhige Unbefangenheit, die ihn im Gasthause ausgezeichnet hatte, verließ ihn auch heute nicht. Der ungewöhnliche Prunk, von welchem die Tafel strotzte, nöthigte ihm keinen Blick der Verwunderung ab, und, als sei er schon seit geraumer Frist ein Genosse dieser Tafelrunde, begrüßte er ohne förmliche Umschweife die geputzte Senatorin, die sich endlich einfand, und Justine, die im Kleide der Hausfrau erschien, um, der Küche entsagend, bei Tische das Ehrenamt zu verrichten. Nachdem Doctor Leupold von dem Senator den Seinigen und dem Fremden vorgestellt worden, begann das Mahl, dem heute im Uebrigen kein anderer Gast als der ernsthafte Buchhalter beiwohnte. Die Unterhaltung war anfänglich geschraubt. Der Senator bewachte mit ängstlichem Auge Herrn Birsher, die Senatorin saß mit stummem verzogenem Munde und niedergeschlagenen Augen, der Buchhalter schwieg nicht minder devot, und der Doctor allein führte mit dem New-Yorker ein unbedeutendes Gespräch. Justine beobachtete, und ihre Aufmerksamkeit, — sobald es ihre Geschäfte erlaubten — theilte sich zwischen Herrn Birsher und dem Doctor. Die Züge des Letztern hatten für sie etwas Bekanntes, mancher Anklang seiner Stimme war ihr ebenfalls nicht fremd, und dennoch hatte sie ihn im Cabinete des Vaters nur ein einzigmal — beinahe nicht gesehen, keine Sylbe aus seinem Munde gehört. Sie grübelte in der Erinnerung, gelangte jedoch zu keinem Ergebniß, weil ihr des Doctors Nachbar interessanter erschien. Wider Willen kehrte ihr Auge immer häufiger auf den jungen Amerikaner zurück, und sie mußte sich gestehen, daß ihre Phantasie an dem Manne eine Sünde begangen. Nicht die müde Behaglichkeit des Vaters, — die entschlossene Ruhe eines mit sich selbst auf's Reine gekommenen Menschen, redete von dieser Stirne, aus diesen Blicken, die manchmal hell und fest den ihrigen begegneten, — die ihr eine freundliche Bewunderung, verbunden mit einer beinahe ehrfurchtsvollen Scheu, einflößten. Sie horchte neugierig auf jedes seiner Worte; sie lächelte unwillkürlich und beifällig, als der Zurückhaltende endlich gesprächig wurde. — Nach der dritten Speise schob Birsher mit einer leichten Verbeugung den Teller etwas zurück, und sagte: »der Hunger ist gestillt, und zum Vergnügen esse ich nicht. Ich erbitte mir daher die Vergünstigung, unangefochten und nachsichtsvoll beurtheilt, ein unthätiger Zeuge der fernern Mahlzeit sein zu dürfen.«
Die Senatorin, viel auf Tafelgenüsse haltend, und dieselben sogar in ihrem jetzigen gereizten Zustande nicht vernachlässigend, warf dem Redner einen mißbilligenden, verwunderten Blick zu. Birsher bemerkte denselben, fuhr aber, ruhig und verbindlich zu der Frau vom Hause gewendet, fort: »Ein Paar Worte, hochzuverehrende Gastfreundin, werden hinreichen, den Verdacht einer Unschicklichkeit von mir zu entfernen. Ich habe es wohl erfahren, daß man in Deutschland die freundschaftlichen Mahlzeiten hochschätzt und sie verlängert; daß man den Grundsatz hegt, dem willkommenen Gast könne nie zu viel angeboten werden, und er könne hinwieder nie zu viel genießen. Bei uns in Amerika ist die Lebensart viel einfacher, so wie unsere Wohnungen, unser Tafelgeräthe und unsere Kleidungen einfacher sind. Drei Gerichte, eine Flasche Bier oder Wein, ein herzliches Tischgespräch von einer halben Stunde, ein aufrichtiges Gebet zum Beschluß — das sind die Bestandtheile unserer Sonntags- und Feier-Tafeln. Lassen Sie mich bei dieser Gewohnheit, die meine Landessitte mir einprägte, die mir immer wohl bekam. Ich will, da ich meinen Theil von diesem überprächtigen Gastmahle nicht gehörig annehmen darf, meinen Antheil zu der Unterhaltung geben, und fange damit an, Ihnen unumwunden zu bekennen, weßwegen ich im Grunde hierher gekommen bin.«
Alle Anwesende neigten höflich das Haupt, und der Senator, um eine Erwiderung verlegen, sagte mit zweifelhaft schwankendem Tone: »Ew. Edeln kommen unsern Wünschen zuvor. Ich darf gestehen, ... daß ... so höchst angenehm mir auch Dero Ankunft erschienen, ich nicht begreife, wie es möglich wurde, Sie schon jetzt hier zu begrüßen. Meiner erprobten Berechnung gemäß könnte das schnellst segelnde Schiff kaum die Nachricht nach New-York gebracht haben, daß ...«
»Ihre Berechnung täuscht nicht, Herr Senator,« antwortete Birsher: »das dänische Kauffahrteischiff Kiöbenhaven, das vom Texel abging, mit der Depesche des Herrn van den Höcken befrachtet, kann erst seit drei Wochen, fiel die Fahrt vollkommen günstig aus, zu New-York angekommen sein. Doch hatte ich nicht auf eine Nachricht aus Europa gewartet. Eine Ahnung — man möchte sagen, wie mein schottischer Faktor zu sagen pflegt: ein zweites Gesicht hat mich über's Meer getrieben!«
»So?« fragte Doctor und Buchhalter. Des Senators Gesicht verlängerte sich. Die Frauen hingen mit ihren Blicken an dem Munde des Erzählers. Dieser bemerkte die gespannte Neugier, und sprach lächelnd weiter: »Erwarten Sie keine Gespenstergeschichte. Nichts Ungewöhnliches. Ein einfacher Traum ist's nur, der sich leicht erklärt, wenn man erfährt, daß Vater und ich uns unaussprechlich lieb gehabt. Um ein Capital zu retten, das in Ostfriesland unsicher stand, und um mir — wovon nachher — einen Schatz mitzubringen, unternahm der alte Herr die mühevolle Reise. Eine Art von Heimweh gesellte sich zu den obigen Motiven. Er hatte früher in Holland und Deutschland gelebt. Es war ihm in diesen Ländern wohl ergangen. Er wollte das Paradies seiner Jugend noch einmal sehen vor seinem Ende. Er hoffte, seine lästige Corpulenz auf der Seefahrt zu vermindern. Er bestand — eigensinnig von jeher — auf seinem Vorhaben, und segelte ab. Das Schiff hatte einen bedeutungsvollen Namen: Fare well! Mein Glück- und Segensruf hing sich an des Schiffes Wimpel, und — setzte ich mich gleich stracks wieder vor die Bücher und die Correspondenz, so schaukelte sich doch meine Seele neben dem Vater auf dem fern hingleitenden Fare well! Diese Einbildung verwuchs, so zu sagen, mit mir, und gab sicherlich Anlaß zu dem Traume, der mir einst, geraume Zeit nach des Vaters Abfahrt, vorkam. Ich saß im Comptoir und schrieb. An die Thüre klopfte es. »Herein!« rief ich. Alles still. Nun stand ich auf und sah selbst nach. Vor der Thüre stand mein Vater: gekleidet, wie wohl sonst, aber blaß. Willkomm! sagte ich, und streckte die Hand aus. Er aber sprach: Beileibe, Freund Georg; ich bin ja gestorben, und muß in Europa bleiben. — Ich fuhr auf, und das nächste Schiff nahm mich mit nach Holland. Van den Höcken sagte mir bei der Ankunft in Amsterdam nichts Neues. Ich war von der Wahrheit meiner Ahnung innig überzeugt.«
»Das ist eine entsetzliche Geschichte!« sagte die Senatorin, und erhob sich, von Gespensterfurcht ergriffen, vom Stuhle, um mit starren Augen und bebendem Kinn von hinnen zu wanken. Der Senator, der auf glühenden Kohlen gesessen, beeilte sich, der Frau seinen Arm zum Weggehen anzubieten. Mit einer Geberde schaudernden Abscheu's stieß ihn jedoch Frau Jacobine zurück, griff mit heftiger Gewalt nach Justinens Hand, und verließ, auf dieselbe gestützt, das Eßzimmer.
»Die Frau Senatorin scheint reizbarer zu sein, als ihre Constitution errathen läßt,« versetzte Birsher, etwas aus der Fassung gewichen; »ich habe dennoch nur Alltägliches erzählt, um einen Beitrag zur Seelenkunde zu geben.«
»Ein merkwürdiger Beitrag allerdings,« hob der Doctor an, um des Senators betretene Beschämung zu bemänteln; »die Geschichte zeugt von Ihrer außerordentlichen Liebe zu dem Vater, dessen Tugend ein späteres Lebensziel verdient hätte.«
»Ich habe beschlossen, daß er in seinen Vorsätzen, in seinen Wünschen fortlebe,« entgegnete Birsher: »sein Wille ist mir ein schätzbareres Vermächtniß als seine beträchtlichen Güter. Ich bin weniger gekommen, um hier das mir zustehende Erbtheil zu holen, als um den hochachtbaren Herrn Senator zu fragen, ob er die Freundschaft, die er für meinen Vater hegte, auf mich fortpflanzen, und mich, wie der Selige gewünscht, zu seinem Schwiegersohne an- und aufnehmen will.«
»Herr Birsher,« stammelte der Senator, höchlich überrascht: »Ihr wackerer Sinn spricht sich so unerwartet aus, da ...«