»Was der Vater beschloß, will ich gehorsam ausführen! — Von seinen Händen hätte ich blindlings die nie gesehene, ungeliebte Braut empfangen. Was soll ich nun thun, da ich die liebliche Jungfer gesehen, da ich aus jedem Munde nur ihr Lob vernommen? Ich bin kein Freund von vielem Reden. Ja oder Nein, Herr Senator? obschon unter Männern von Wort ein »Nein« nicht wohl denkbar ist. Ueberlegen Sie nicht, grübeln Sie nicht. Der Brautschmuck ist in Ihrem Hause. Das Capital, das mein Vater, es schon verloren gebend, zu Emdes rettete, hat er verwendet, gewisse Verbindlichkeiten, die Ew. Edlen gegen van den Höcken hatten, aufzulösen; die quittirten Verschreibungen zu der Jungfer Nadelgeld bestimmt. Mein Vater hat Alles im Voraus geleistet und besorgt.... werden Sie nun nicht auch das Ihrige gegen mich thun?«
»Ich wills, ich werde es!« rief der Senator ausbrechend, weil ihm ein Felsenberg von der Brust fiel: »ich heiße Sie doppelt willkommen, als meinen lieben Sohn und Handelsfreund.«
Er und Birsher schüttelten sich treuherzig die Hände. Der Buchhalter, mit dem Glase an das des Doctors klingend, rief eine jubelndes »Gratulor, gratulor von Herzen!« Der Doctor stieß wohl an, neigte sich wohl glückwünschend, aber auf seiner Stirne saß nicht das zufriedene Einverständniß. Wie hätte sich jedoch die Falte auf des welterfahrenen Mannes Antlitz lange halten können?
Nun wurde der Senator lebendig. Die Spannung seines Gemüths schien wiedergekehrt zu sein, eine heftige Freude ihn zu beleben. Die silberne Schelle ertönte in seiner Hand. »Alicante!« rief er dem eintretenden Burschen zu: »vier Flaschen! Das Siegel mit den vier Thürmen! Frisch! Schnell! nicht gezaudert! die spanischen Kelchgläser mit den Lilien dazu! den Nachtisch herein! Justine soll kommen; sie soll kredenzen!«
Und so ging es fort in Feuer und Leben. Der Niersteiner, der gerade auf dem Tische kreiste, floß in ungeduldigen Bächen in die traulichen Römer. Gesundheit auf Gesundheit wurde getrunken. Unter den fröhlichen Bewegungen der Gäste erzitterten beständig die silbernen Glöckchen an dem prächtigen spiegelverzierten Aufsatze, der, einen chinesischen Tempel vorstellend, mitten auf der Tafel stand; aber das Funkeln dieser schillernden Spiegel und bewegten Perlen war todte Asche gegen Müssingers strahlendes Auge; das Schellengetön verklang unter der tönenden Sprache seiner erweiterten Brust.
Die Thüre ging auf. Einen silbernen Präsentirteller in der Hand, auf welchem sechs Kelche voll des köstlichen Alicante schimmerten, neben der geöffneten Flasche, die nun mit einer prachtvollen Blume verschlossen war; — gefolgt von dem dienenden Burschen, der im Korbe die drei übrigen Flaschen nach sich schleppte, — trat eine schöne Frau herein, in einfachem aber angenehmem Kleide, mit Wirthlichkeit kündender Florschürze angethan, und die zierlichen Hände von saubern Handschuhen bedeckt. Die Herren fuhren überrascht und grüßend auf. Der Senator blickte überraschter als die Uebrigen auf die ihm Unbekannte.
»Mademoiselle Justine ist nicht zu finden,« sagte die angenehme Wirthin, den Wein mit einem Anstande umherreichend, als bediene sie eines Königs Tisch. »Um die verehrten Herren nicht allzu lange warten zu lassen, mußte ich also selbst ... entschuldigen Sie gütigst.«
So eben trat Justine aus der Seitenthüre. Mit einem Blicke begriff sie die Verlegenheit der Helferin, die Ueberraschung des Senators, und sagte mit der freundlichsten Betonung, zu der ganzen Gesellschaft gewendet: »Madame de Lainez, die Wittwe eines im Felde gebliebenen königlich französischen Hauptmanns, meine sehr liebe Freundin, die sich heute erbitten ließ, meine häusliche Pflicht zu theilen und mir zu erleichtern.«
»Freut mich unendlich,« versetzte der Senator mit einem Bückling, und wies der Erröthenden den ledigen Stuhl Jacobinens an. Die Lainez wollte sich, stumm versagend, empfehlen. Justine hielt sie aber zurück, sagte ihr viele schmeichelhafte Worte und behauptete: durch eine plötzliche Unpäßlichkeit der Mutter würde sich die Tafel verwaist sehen, wenn nicht eine liebenswürdige Frau den Platz einnehme. — Leise flüsterte sie indessen der Lainez zu: »Bleiben Sie um Gotteswillen, meine Beste, und unterhalten Sie die Herren. Ich finde noch kein Wort, das nicht meiner Seele wehe thäte.«
So fügte sich Madam Lainez endlich. »Bei Denain fiel Ihr Gemahl?« fragte nach einigen vorläufigen Erkundigungen der Senator: »er ist in einem rühmlichen Kampfe gefallen gegen ehrenhafte Feinde. Man muß gestehen, daß des Kaisers Truppen in den Niederlanden einen Schauplatz vielen Ruhms, und nur weniger Niederlagen gefunden haben. Meine Herren! der Prinz Eugen soll leben!«