»Vielleicht ging er darinnen zu weit. Die Katholiken haben in diesen Bildern nur das Andenken frommer Tugendfürsten zu verehren: nicht das Holz, nicht den Stein.«
»So? Dann lasse ich mir's gefallen. Ich finde die Sitte sogar hübsch. Man stellt ja auch Bildsäulen berühmter Männer in Städten auf. Wir haben z. B. hier auf dem Rathhause das Reiterbild eines Bürgermeisters aus der alten Zeit, der einst mit Opferung seines Lebens die Vaterstadt von Schimpf und Untergang gerettet hat. Das Bild steht wohl schön anzuschauen an der großen Treppe, aber die Leute gehen kalt vorüber, und beachten's nicht. Stünde es in einer Kirche, würde es besser geehrt.«
Sie wendete das Medaillon um, stutzte etwas, und fragte kleinlaut: »Das ist ein Mann? nicht wahr? Der Maler hätte ihm allenfalls einen Mantel um die Schultern werfen können.«
»Der Zweck wäre gefehlt gewesen; die Pfeile seines Märthyrthums müssen dem Gläubigen sichtbar sein. Man nennt den schönen Jüngling den heiligen Sebastian.«
Justine sah das Bild noch einmal flüchtig erröthend an, legte es dann still auf den Tisch, warf ein Tuch darüber, und wünschte der scheidenden Lainez eine ziemlich einsylbige Gute Nacht!
Indem die Wittwe aus Justinens Thüre trat, vernahm man in dem schräg gegenüber liegenden Zimmer des Senators ein starkes Geräusch, und Müssingers halberstickte Stimme, welche nach Leuten rief. »Mein Gott! was ist da wieder vorgefallen?« sagte Justine, auf das Gemach zueilend, und winkte der Lainez und der Magd, die derselben mit der Laterne vorausgehen sollte, sich zu entfernen, ohne weiter dem Geräusch nachzuforschen. Die Französin, der es in dem Hause unheimlich vorkam, trieb selbst die gaffende Magd zur Eile an. Sie erreichten Beide, ohne sich umzusehen, die Treppe, und stiegen schnell hinab. Doch unten am Geländer stand unbeweglich und lautlos eine breite weiße Gestalt, welche drohend den Arm gegen die Kommenden erhob, und alsdann im Dunkel niederzutauchen schien. Die erschrockene Lainez und die erschrockenere Magd stießen einen Schrei des Entsetzens aus. Die Letztere ließ die Laterne fallen, welche zusammenklirrte und erlosch. Das Dienstmädchen rannte schreiend über die Treppe zurück; die Lainez aber, welche im Mondstrahl, der durch ein vergittertes Fenster fiel, die Hausthüre wahrnahm, eilte schaudernd auf dieselbe zu, fand sie zu ihrer größten Freude nur angelehnt, riß sie auf und entfloh. Scheu zurückblickend, glaubte sie die grausende Erscheinung wieder auf der Schwelle des Hauses zu erblicken, auftauchend wie ein weißer Blitz, verschwindend wie dieser, und von Gespensterfurcht bedrängt, flüchtete sie auf's Gerathewohl in die Gassen. Allenthalben waren diese leer; von ferne her hörte man die Schnarre eines Nachtwächters, — endlich den geschwinden Schritt eines Kommenden; ... eine Handlaterne näherte sich, — ihr blendender Schein führte die Flüchtige gerade auf den Mann los, der sie trug ... Der Doctor war's. »Ei, Madame! woher um diese Stunde? auf welchem Wege finde ich Euch?« Die zitternde Lainez bat um seine Hülfe, indem sie mit ein Paar Worten ihre Angst schilderte.
Der Doctor, lächelnd bald, bald ernst und zweifelnd den Kopf schüttelnd, erbot sich, sie nach Hause zu führen. »Um Gotteswillen, nein!« bat die Lainez dringend; »in dem alten Gebäude allein ... von aller Welt geschieden ... würde mich heut nach diesem Auftritte die Angst umbringen. Ich schwöre darauf, daß mir mein Mann erschienen ist. Seine weiße Uniform ... sein drohendes Gesicht ... meine Sünden ... Hochwürdiger! nur unter Ihrem Schutze kann ich meine Seele beruhigen.«
»Bedenkt meinen Stand, liebe Frau,« versetzte Leupold beschwichtigend; »Eure Phantasie ist erhitzt; Ihr bedürft der Sorgfalt; ... was kann ich jedoch für Euch thun? Doch, wenn Ihr's wünscht, will ich meine Wirthin bewegen, Euch diese Nacht zu beherbergen.«
»Gleichviel!« rief die Lainez; »nur bringen Sie mich unter Menschen, oder ich sterbe an dem Schreck!«