»Die Wittwe eines tapfern Soldaten fürchtet sich nicht.«
»Ei, wenn auch. Christine soll mit der Laterne vorausgehen. Aber — Morgen, nicht wahr? so bald als möglich? Ich sehne mich nach Ihrer Gesellschaft. Ich bedarf jetzt der Aufheiterung. Sie werden nicht zaudern, oder gar Ihr Wort zurücknehmen. Die Franzosen, sagt man, halten die Parole nicht zum Allerbesten. Geben Sie mir ein Pfand, daß Sie gewiß kommen.«
»Ein Pfand, sonderbares, eigensinniges Mädchen? Ich würde Ihnen mein Herz schenken, wenn es möglich wäre. Nehmen Sie jedoch, was meinem Herzen zunächst ruht.«
Die Lainez zog ein Medaillon, das an einem schwarzen Sammetbande um ihren Hals hing, hervor, nahm es ab, und überlieferte es lächelnd der mißtrauischen Gläubigerin.
»Sieh doch!« rief Justine, als sie das Medaillon empfing, und es von allen Seiten betrachtete; »welche schön gearbeitete Bilder! Erklären Sie mir, liebe Frau! Wer ist dieses herrliche Weib im Purpurmantel, mit der blitzenden Krone auf dem Haupte, und dem noch strahlenderen Scheine um dasselbe?«
»Es ist die fromme und selige Kaiserin Pulcheria, meine Patronin,« versetzte die Lainez: — »ihre Schönheit war das Wunder ihrer Zeit; und ihre Tugend war ihren Reizen gleich, und die dankbare Erinnerung der Nachwelt versetzte sie unter die Heiligen!«
»Welche Anmuth! welche Lieblichkeit!« fuhr Justine fort: »ja, wer so schön wäre! Diese Strahlen ...«
»Sind der Heiligschein, mit welchem die römische Kirche das Haupt der Gepriesenen umgibt. Die Bilder dieser Heiligen schmücken heiter und lebendig die Gotteshäuser, und es läßt recht angenehm, wenn Weihrauchwolken sie umnebeln, Kerzen davor flammen, Blumenbüsche um sie blühen und das Volk sich vor den Geehrten fromm verneigt.«
»Mit andern Worten: die Götzen anbetet. Ich weiß, unser Pastor hat schon oft dieses Thun in seinen Streitpredigten berührt, und einen heidnischen Gräuel genannt.«