»Ei mit nichten,« versetzte Justine sehr erbittert: »Sie erzählen mir da von Schändlichkeiten, denen ich ein schnelles Ende machen werde. Verzeihen Sie, liebe Frau, unserm dummen Mägdevolk vom Lande, dem Alles lächerlich vorkommt, das nur ein wenig aus dem Geleise schreitet, welches diese Gänse Tag für Tag auszutreten gewohnt sind. Morgen sollen Sie schon ernsthafter sein — ich stehe ihnen dafür. Sie kennen mich, und wissen, wie man mit mir verfährt, wenn ich ungnädig bin. Ich verstehe die Mittel, solch' unbescheidenes Gesindel zur Ordnung zu bringen. — Nein, Madame, Sie müssen bleiben; meine Ehre steht auf dem Spiele: denn, was ich mir einmal vorgenommen, muß ich durchsetzen, ... und wenn ...! lächeln Sie nicht; man nennt mich allgemein die tolle Justine, und manchmal hat man Recht.«

»Welche kindliche Naivität!« rief die Lainez, und streichelte Justinens Hände: »eine Königin, so schön, so liebenswürdig, so lebhaft wie Sie auf Frankreichs Throne, und meine Landsleute würden Sie vergöttern!«

Justine sah plötzlich mit großen und sehr unmuthigen Augen in die Höhe. »Warum nicht gar?« sagte sie kurz abbrechend: »welche Schmeichelei. Sie können Ihr Vaterland nicht verläugnen, Madame Lainez!«

Die Französin war betreten, dann erwiderte sie mit dem schmachtenden Augen-Aufschlag, den sie vollkommen in der Gewalt hatte: »Verzeihen Sie Mademoiselle. Entschuldigen Sie die fade Uebertreibung, womit sich mein Mund versündigte, mit der herzlichen Anhänglichkeit, die ich für Sie hege, und die etwas Besseres sagen wollte.«

Justine bereute schon das harte Wort, und glaubte um so leichter dem Bittworte. »Das lasse ich mir gefallen,« sagte sie, der Lainez versöhnt die Hand reichend: »lernen sie immerhin in Deutschland, das Ihr zweites Vaterland werden soll, sich deutscher aussprechen.«

Sie zog die Wittwe vertraulich neben sich auf einen Stuhl, und fuhr fort: »Hören Sie, wie ich mir Alles, was Sie betrifft, klar und baar ausgesponnen habe. Sie bleiben vor der Hand bei mir, — unter dem Schutze Ihrer Königin,« setzte sie lächelnd bei. »Aber leider kann dieser unmittelbare Schutz nicht lange dauern, da mein eigenes Schicksal eine rasche Wendung nehmen, — mich für immer von hier entfernen wird. Daher — nebenbei gesagt, darf Ihnen vor Vater und Mutter nicht bange sein; ich heiße Justine und stehe für Alles, — daher lasse ich an einem der nächsten Sonntage unsre Karosse einspannen, und bringe Sie, meine gute Frau, nach einem Städtchen in der Nachbarschaft, wo eine alte Base meines Vaters lebt; — etwas taub, etwas stumpf, aber wohlhabend, gottesfürchtig, und mir mit uneigennütziger Liebe ergeben, ob sie gleich eine veraltete Jungfer ist. In ihrem Hause erhalten Sie Kost und Wohnung, und besuchen fleißig den Pfarrer der wallonischen Gemeinde in jener Stadt, wenden sich von der aufgedrungenen Religion zu der Angebornen, und treten, da hoffentlich Ihr Wille ernstlich ist, öffentlich in den Schoos Ihrer Gemeinde zurück. Sind Sie so weit gekommen, so bedürfen Sie meiner Unterstützung nicht mehr. Ihre Verwandten zu Berlin werden Sie alsdann mit offenen Armen aufnehmen; — mir bleibt das Bewußtsein einer rechtschaffenen Bemühung, und Ihnen — so Gott will — ein freundliches Andenken an ein unbedeutendes Mädchen, das man böse nennt, das sich aber schmeichelt, von Herzen gut zu sein.«

Die Lainez umarmte das zauberische Geschöpf mit Thränen in den Augen. »Ich bin Ihrer Wohlthaten nicht würdig,« — sagte sie, das Gesicht an Justinens Busen verbergend: — »wo werde ich jemals ein Gemüth wie das Ihrige wiederfinden?«

Justine hielt ihr den Mund zu. »Wo werde ich jemals — —?« — parodirte sie, aber aus dem Scherze wurde Ernst. Sie ließ den Kopf sinken, und wiederholte langsam: »Wo werde ich jemals finden, was mir Glück bringt? Ach meine Liebe, ich habe heute ein recht traurig Gemüth, und meine Seele ist müde, wie mein Körper. Ich will gehen, und den Vater fragen, ob er noch etwas wünscht. Dann wollen wir zu Bette. In jenem Cabinete habe ich Ihr Lager aufzuschlagen befohlen.«

»Heute noch nicht,« — bat die Lainez: »ich habe zu Hause noch Einiges zusammen zu räumen und zu packen. Morgen, wenn Sie's erlauben, will ich Ihrem Anerbieten nachkommen.«

»Ich werde Ihnen keinen Zwang auferlegen,« — sagte Justine, wie wohl etwas verdrüßlich: — »morgen also. Aber es ist schon nahe an neun Uhr. So spät wollen Sie durch die Straßen gehen?«