»Wenn ich meinen Augen — einer gewissen Erinnerung trauen darf, so ist der Doctor nicht, was er zu scheinen vielleicht Ursache hat.«

»Unglückliche!« — fuhr Müssinger auf. Justine unterbrach ihn:

»Ich will meinen Scharfblick nicht über den Ihrigen stellen. Ich überlasse es Ihnen, auf der Hut zu sein. Es ist nicht unmöglich, daß ich mich getäuscht. Die Wahrheit muß sich jedoch bald auf diese oder die andere Weise enthüllen.«

»Du treibst Gauklerkünste,« sagte der Senator verlegen lächelnd: »Und auf's Wort und deine vielleicht grundlose Ahnung hin, soll ich dir in einer Sache folgen, deren Bewandtniß mir völlig unbekannt ist?«

»Der Tag, an dem ich mit Herrn Birsher abreise, wird Ihnen meine Vermuthung enthüllen. Ich fühle mich jetzt nicht aufgelegt, durch eine Unbesonnenheit einem Andern, oder Ihnen selbst Unrecht zu thun. Ich habe Ihre Klugheit gewarnt. Angeberin kann und will ich nicht sein.«

Sie verließ heiterer, erleichterter den Vater. Die Dämmerung war schon eingebrochen. Die Thüre ihrer Mutter war verriegelt. Das Dienstmädchen berichtete, die Frau Senatorin hätte Thee begehrt, und hierauf das Zimmer verschlossen, um ruhig zu schlafen. Die alte Marthe wache an ihrem Lager.

»O welch' eine Zerstörung alles häuslichen Friedens!« seufzte Justine, da sie an dem offenen Eßzimmer vorüber ging, das, verödet, vom blassen Mondlicht erhellt, die gemüthlichen Abendgäste nicht aufwies, die sich vor Zeiten wohl öfters darinnen einfanden. Justinens Schritte wurden schneller, als sie an der verschlossenen Thüre des Zimmers hinschlüpfte, welches der verstorbene Birsher eine Nacht hindurch bewohnt hatte. Mit beengtem Athem betrat sie ihr eignes Zimmer. Die Lainez saß darinnen, lesend, und erhob sich bei Justinens Ankunft.

»Sie blieben recht lange, meine Verehrte,« sagte die Französin mit einem freundlichen Vorwurfe im blühenden Gesichte. »Die Pflicht allein, mein Amt in Ihre Hände niederzulegen, stärkte mich mit Geduld. Hier, meine Beste, ist all das kostbare Silberwerk, das man in der Verwirrung auf der Tafel gelassen — eine Beute für jeden kecken Dieb. Zählen Sie die Stücke, Mademoiselle. Ferner empfangen Sie die Schlüssel zu Speisekammer und Keller, die Sie mir anvertrauten, und entbinden Sie mich meiner Verantwortlichkeit.«

Justine küßte die Hülfreiche dankbar auf die Wange, erstaunte aber, als diese nach dem Mäntelchen und den Handschuhen griff. »Wollen Sie nicht bei mir bleiben?« fragte Justine verwundert: »ich bat Sie ja, mit unserm Hause verlieb zu nehmen.«

»Ach, diese Güte! meine beste Jungfer, darf ich sie annehmen? Besinnen Sie sich wohl. Welche Figur würde ich in Ihrem Hause darstellen, worein ich so unvermuthet, unvorhergesehen kam? Das Staunen Ihres Vaters, der gar nicht ermuthigende kalte Empfang Ihrer Mutter, das Glotzen der Domestiken ... Ach der Spott dieser Letzteren, bei Allem, was ich anordnete, — und ich verstehe doch, ein anständiges Haus zu verwalten, — er schnitt mir in's Herz. Seht doch die Französin! hieß es rings um mich, und ich hatte Mühe, meinen Verdruß zu verbeißen; ein Unglücklicher ist ja doppelt reizbar! Erlauben Sie daher, daß ich Ihr freundliches Anerbieten ausschlagen darf.«