James erröthete erbebend; der Doctor verneigte sich stumm. »Ich werde ihm vorläufig die exercitia Spiritualia unsers heiligen Ordensstifters und Regulators in die Hände geben,« fuhr der Superior fort, »und Er mag sich bereit halten, mir in das für Ihn bestimmte Collegium zu folgen, sobald meine Geschäfte in hiesiger Gegend beendigt sein werden. Ich habe mit dem Pater Rector schon die nöthige Rücksprache genommen, wie es Ihr letzter Brief, Pater Münzner, verlangt hat. Quod erat demonstrandum.«
James küßte des Superiors Hand, und ging niedergeschlagen nach seiner Kammer. Der Doctor blickte ihm mitleidig nach, und sagte nach einer Pause leise und demüthig zu dem Superior: »Es kömmt mir beinahe vor, ehrwürdiger Herr, als ob ich mich in den Anlagen des jungen Mannes getäuscht hätte. Seine Geisteskräfte sind wohl scharf, allein noch schärfer ist der Trieb seines Herzens. Er begehrt, er verlangt wie ein kräftiger sinnlicher Jüngling. Er zeigt dann und wann Widerspruchsgeist, Grübelei ... es wird schwer halten, seine Vernunft in die wohlthätigen — Ketten des Glaubens zu legen, und ich würde mir's zum ewigen Vorwurf machen, — gestaltete sich aus diesem — in die Welt berufenen Jüngling ein schlechter Priester.«
Der Superior sah den Doctor hoch und mißbilligend an: »Sie reden jetzt ganz anders, mein Vater, als Sie vor kurzer Zeit geschrieben. Welche unzeitige kränkelnde Philanthropie! Wären auch Sie von der Lüstelei, von dem empfindelnden Wahnsinn des Jahrhunderts ergriffen worden? Haben nicht auch wir begehrt und verlangt, und sind wir deshalb schlechte Priester geworden? Die Disciplin bändigt den Widerspruch; die rastlose Thätigkeit der Novizen steuert der Grübelsucht. Vernunft? — Glauben? — Sie sind nicht klar über die Grundsätze unsrer Institutionen, ob Sie gleich Prozeß und Gelübde gethan haben. Fähige Geister gewinnen, — dieselben nach ihrer Richtung beschäftigen, — das ist unsere Aufgabe, und deren Erfüllung sichert das Gedeihen unserer Gesellschaft. — Der nützliche Schwärmer, der ein begeisterter Apostel werden will, glaube. Der rein Vernünftige, geeignet, die politischen Zwecke unsers Daseins zu erreichen, gehorche, wo er nicht glauben kann. Und dieses Gehorsams Triebfeder ist sein Vortheil, — das Interesse, das man ihm an seinem auferlegten Streben beizubringen hat. Und nach den geschickten Combinationen unsers herrlichen Staats ist der Vortheil des Einzelnen der Vortheil des Ganzen. Darum herrschen wir, darum siegen wir; darum beneidet man uns. Glauben Sie mir: Ihr Pflegling wird noch gut werden, und reichliche Zinsen tragen, für das Geld, das wir an seine Bildung verschwendet haben, und noch verschwenden werden. Nun zur wichtigern Sache, Pater Missionär. Ich habe Ihre Bücher durchblättert. Unser Commerz über hiesigen Platz rentirt sich nicht besonders. Ob die Pariser uns Schaden bringen? oder ob die Schiffscapitäne, die unsere Frachten besorgen, Betrüger sind? Ist das Erstere, so müssen wir die Augen zudrücken. Das Zweite kann nur an Ort und Stelle erforscht werden. Ich erwarte darüber Befehle von dem Pater Provinzial. Ein geschickter Ordensmann hat zugleich mit meiner Eingabe ein Projekt eingesendet, das, wird es angenommen, dem Handelsfond unserer Gesellschaft unbegränzten Vortheil bringen wird. Es wird darinnen vorgeschlagen, den Sklavenhandel für Brasilien unter billigern Bedingungen zu übernehmen, als ihn bisher unsere unverschämten Schiffsmeister nebenbei getrieben haben.«
»Den Sklavenhandel?« fragte der Doctor erschrocken.
»Ja,« versetzte der Superior gleichgültig: »der Trafik mit denen schwarzen Negern bringt immense Dividenten.«
»Aber die Menschlichkeit, Pater Superior?« fragte der Doctor schaudernd weiter.
Der Jesuit lächelte vornehm. »Floskeln, lieber Pater Münzner. Diese Schwarzen sind eine untergeordnete Race; an schmutzigen Heiden, wie sie sind, ist nichts verloren. Ueberdies ist ihr Sklavenleben reicher an Genüssen, als ihre Freiheit.«
»Das Naturrecht, Pater Superior ...«
»Sie sind Doctor juris utriusque;« sagte dieser gähnend: »man hört es Ihnen an. Satis über diesen Punkt. Der Verfasser jenes Projekts wird belobt werden, und es noch weit bringen. Wie weit ist's aber mit der heiligen Christenverbesserung gediehen?«
Der Doctor berichtete in Kürze; legte die Liste der kleinen Gemeinde vor; ihre Beiträge zum Kirchendienst; die Berechnung des Ueberschusses. Der Superior durchging die Liste schmunzelnd und zählend. »Viele Leute,« sagte er hierauf: »aber nichts Besonders. Die meisten ex infima plebe.«