»Oho, mein Püppchen!« sagte die Mama lächelnd, und wollte dem Mädchen scherzend auf die Wangen klopfen. Die Tochter entzog sich ihr jedoch ziemlich ungestüm, und entgegnete scharf und bestimmt: »ich will, daß man meinen Lehrer mit Freundlichkeit behandle; sonst werde ich Gleiches mit Gleichem vergelten.« — Die Mutter wußte nun, woran sie war, und gab, wie schon unzähligemale, um nicht einen guten Alliirten gegen den kampflustigen Eheherrn zu verlieren, auch diesmal nach; ging, ohne die eigensinnige Tochter zu schelten, in ihr Kränzchen, und ließ dem jungen James in ihrem Hause freien Paß. Sie begnügte sich, ihm ihre Abneigung dadurch zu beweisen, daß sie ihm kein Wort gönnte; nicht bei Tische, nicht während der Lehrstunden, die sie sorgsam bewachte. Am Vormittage lernte Justine fleißig, und schien die eifrigste Schülerin. In den Nachmittagsstunden jedoch wurde der Schlummer der Mutter benützt. Justine gab das Signal zum Schweigen, und alsdann das des Erzählens, und Nordamerika war einige Tage hindurch die Axe, um die sich James Berichte und Erklärungen drehen mußten. Endlich sagte einst Justine, da der Engländer wieder von dem beliebten Thema anheben wollte: »Stille; genug! ich kenne das dortige Leben, wie meinen Arbeitssack, und muß gestehen, es gefällt mir nicht. Herr Birsher wird sich entschließen müssen, sich mit mir in einem andern Lande anzusiedeln, wo es lebendigere, fröhlichere Leute gibt, und einen mildern Himmelsstrich, und viele Freude, und viel Gesang. Wenn ich aus Kälte, Reif und Nebel im Winter nicht scheiden soll, bleibe ich lieber in der Heimath, und zur traurigen Hausunke will ich mich in meiner Jugend nicht machen lassen. Wißt Ihr, guter Herr, was ich will und verlange? Ein Dasein voll Vergnügen. Ich bin ja reich, des Vaters und der Mutter einzige Erbin, und Herr Birsher ist, wie es heißt, ein kleiner König an Ueberfluß. Warum soll ich mich nicht der Welt freuen, weil ich Alles dazu besitze? Ferner will ich einen ewig heitern Himmel über mir, blau und sonnefunkelnd; Myrthen, Lorbeer und Rosen auf meinen Wegen....; ach! wenn ich Euch beschreiben könnte, wie mir manchmal im Traum das Land erscheint, in dem ich leben möchte ...!«

»Die Myrthe winkt Ihnen schon,« antwortete James mit leichtem Seufzer: »das Land, von dem Sie sprachen und träumten, ist auch wirklich. Ziehen Sie südwärts in dem schönen jungen Welttheil Amerika, so finden Sie es. Die Mittagsländer bieten die üppigste Reichthumsfülle. Der Schöpfer hat über sie das Horn des Ueberflusses ausgeschüttet. Ueber ihren Triften und Höhen hängt der ewig leuchtende Himmel; in ihren Fluren wächst die ungeheure Palme neben dem Heer von duftenden Kräutern, die in der Luft auf Meilen in die Runde Wohlgeruch verbreiten. Der Mensch kämpft dort nicht dem Boden sein Leben ab; spielend gewinnt er ein fröhliches Dasein. In jenen lustigen Wäldern tummelt sich der bunten Vögel glänzendes Gefieder; stattliche Heerden, und der kräftigen Wildrosse flüchtige Geschwader beleben die Landschaft, die an jedem Morgen in neuem tausendfältigen Reiz aufgeht, und in der dunkelsten Nacht nichts von ihrem Reiz verliert. Dort bewegt sich ein leidenschaftlich lebendiges Volk. Die Cymbeln rufen zum Tanz; die duftenden Büsche, vom Glühwurm erleuchtet, hallen den Jubel wieder, und die Githarre murmelt wie eine liebe Geisterstimme unter dem Fenster der angebeteten Dame.«

»Das klingt ja schön!« flüsterte Justine froh bewegt: »O sagt, gehört das schöne Land auch Euerm Könige?«

»Mein König,« versetzte schmerzhaft der Jüngling, »besitzt kein Land, als seine himmlische Heimath, die ihm kein Usurpator rauben kann. Der Krone England gehören jedoch jene Länder auch nicht. Dort herrscht Spanien und der Pabst.«

»Gott steh' uns bei!« rief unwillkürlich Justine aus. Da sie jedoch bemerkte, daß James sie fragend ansah, fühlte sie Beschämung, und setzte bei: »Bin ich nicht ein närrisches Kind, und werdet Ihr mich nicht auslachen, daß ich vor dem Pabst erschrecke?« —

»Ich weiß ja,« entgegnete James ruhig, »daß in England, so wie hie und da auf deutschem Boden die Amme schon dem Säugling den Namen des Pabstthums neben der Verdammniß nennt. Mich wundert das eingesogene Vorurtheil nicht, ob es mich gleich schmerzt, es in einer Seele, so schöner Anlagen und Keime voll, wie die Ihrige, zu entdecken. Lassen Sie unserm Parlamente seine Barbarei gegen Irland, dem fanatischen Calvin seine Scheiterhaufen: dem Weibe sei Duldung ein bekannter, wohlaufgenommener Gast.«

Das Mädchen sah den Lehrer mit großen Augen an; äußerte jedoch alsdann: »Wahr, mein Herr; sehr wahr. Ohnehin kann ich nur urtheilen, wie der Blinde von der Farbe. Ich habe noch nie einen Katholiken gekannt, noch nie den römischen Gottesdienst gesehen.«

»Dann sahen Sie das Schönste nicht, was jemals der menschliche Geist ersann, seine Anbetung des Allerhöchsten glänzend und würdig an den Tag zu legen,« rief James, wie begeistert: »das geheimnißvollste, und doch zu den Sinnen ernst und schmeichelnd sprechende Schauspiel! O! wer rühmte sich wohl, je gewußt zu haben, was Gebet ist, der nicht dem römischen Cultus einmal beigewohnt? Diesem erhabenen Opfer, das ein so heiliges Band um alle Gemüther webt! Das ist der Tempeldienst für fühlende Menschen, für Seelen, die sich begeistert an die Flügel der Gottheit hängen wollen; der Dienst, den der heitere Süden gebar, und das Land, in dem der Herr sichtbar wandelte. In unserm traurigen Norden, wo das Herz kalt und unfruchtbar ist, wie der harte Boden, wo der Alltagsverstand grübelt, statt zu glauben, ist Alles anders, und in der eisigen Form versteinert endlich auch der Geist.«

»Ich wundre mich, daß ein englischer Protestant der feindlichen Kirche so glänzend Gerechtigkeit wiederfahren lassen mag,« versetzte Justine, als James schwieg: »Unsre Prediger schildern sie ganz anders. Indessen ist etwas Wahres an Euern Empfindungen und Meinungen. Das fühle ich wohl. Aufrichtig gesagt: die Perücke unsers Pfarrers hat mir nie besser, nie schlechter gefallen als seine Predigt, und die schnarrenden und schluchzenden Stimmen meiner Kirchennachbarinnen machen allezeit das Lied zu einem possierlichen, nicht ehrwürdigen Ohrenschmaus. Wir haben indessen schon allzulang von Babylon gesprochen, mein guter Monsieur, und die Mutter nimmt sich eben vor, zu erwachen.«

Die Unterredung, die einen so wunderlichen Umschwung genommen hatte, fand ihr Ende, aber in Justinens Ohren setzte sie sich leise fort, und das Mädchen konnte sich nicht erwehren, dann und wann Betrachtungen über den Gegenstand anzustellen. Wohl hatte sie hin und wieder von den geweihten Flammen, den prächtigen Gewändern einer Messe gehört; von der herrlichen Musik, den duftenden Weihrauchwolken, den Blumengefäßen und heitern Panieren; ... allein, theils war immer in ihrem Kreise nur mißbilligend und verdammend von diesen Dingen die Rede gewesen, theils waren diese angedeuteten Bilder zu verworren, um sich in einem Rahmen vor der Seele zusammenfügen zu können. Durch James feurige Rede waren die seltsamen Vorstellungen wieder erwacht. Hielt sie mit ihnen die finstre Johanniskirche zusammen, mit dem schmucklosen Altar, der einfachen gothischen Kanzel, und dem zufällig eintönigen näselnden Vortrag des Predigers, so mußten Letztere verlieren. Ihr lebhaftes, fröhliches Gemüth haschte nach dem fröhlichern Eindruck, und, sann sie oberflächlich über den Kern der unfreundlichen Schaale nach, so waren eben jene geschmacklosen Kanzelreden, und das geistlose Plappergebet, das ihre Mutter alle Abende ableierte, nicht geeignet, sie in dem unbedingten Vertrauen zu ihrer Lehre zu stärken.