So sehr auch die vorige Rede des Lehrers Justine in Anspruch genommen hatte, so wenig schien das Mädchen Geschmack an der folgenden zu finden. Verwundert hatte sie den jungen Mann betrachtet, — beängstigt fast die Gelegenheit gesucht, seine Worte zu unterbrechen, und endlich ungeduldig das schwere Wörterbuch vom Tisch gestoßen, daß ob dem Geräusche die Frau Senatorin erschreckt aus dem Schlummer fuhr.
»Die Lehrstunde ist zu Ende, bester Monsieur;« sagte Justine mit steifer Verbeugung zu James. »Vergeßt jedoch nicht, daß ich Euch morgen Vormittag ganz bestimmt erwarte. Ich habe plötzlich viele Lust bekommen, Eure Sprache zu erlernen, und hoffe, daß Euer Beistand mir von vielem Nutzen sein werde.«
James, obgleich nicht wissend, ob er seinen Ohren, nach allem dem, was vorgegangen war, zu trauen habe, versprach feierlichst, wiederzukehren, küßte der Senatorin mit aller Förmlichkeit die fleischige Hand, bückte sich still vor der gleichgültig nickenden Justine, und empfahl sich, wie ein Mann von Bildung und Welt.
»Warum blieb er nicht zum Abendbrod?« war des Vaters erste Frage, als er zu den Frauen heraufkam: »ich habe ihm freie Kost versprochen, damit er sich häufig einfinde, und Justine durch die Conversation die Fortschritte mache, die ihr Fleiß nicht erringt. Ich hätte gern heut mit dem Menschen geplaudert, denn auf dem Collegio schwatzen sie auch nur von Briefen, Procenten, Sicht und Manco, und mir brummt vor Arbeiten der Kopf. Mit dem pietistischen Berndt ist nichts anzufangen, und Nothhaft jubilirt gewiß wieder in der Schenke. Die Frau Senatorin erwartet ihre Basen, Justinchen treibt Kindereien, oder liest in Arminius und Thusnelda. Mit dem Engländer hätte ich ein vernünftig Wort reden können.«
»O, ich bitte dich,« erwiderte die Frau, indem sie vornehm vom Stuhle aufrauschte: »binde den fremden Menschen nicht so sehr an's Haus. Die Unschicklichkeit von heute werde ich ihm nie vergessen. Es taugt nicht, wenn man einen Adelichen in eine Bürgerfamilie verpflanzt. Solch hungriges Geziefer ohne Geld und Mittel bewahrt doch immer sein Vornehmthun und seinen Stolz, dem Alles zu schlecht ist, was ihn umgibt.«
»Du vergissest, Frau,« antwortete der Senator, »daß du selbst in diesem Augenblicke den unerträglichsten Hochmuth auskramst. Ich kann das an einem Weibe vollends nicht leiden, weil nur der Mann ihm die Würde und den Rang im Staate verleiht. Schweig darum!«
»Wenn's mir beliebt,« setzte die Senatorin phlegmatisch bei: »Deine Matrosen- und Lastträger-Weisheit beleidigt mich nicht, und ich gebe darum meinen Stolz nicht auf. Mir gehört er, einem hergelaufenen Burschen gegenüber, der kein Verdienst hat, als daß sein Vater Baronet war, und ein gehenkter, fürchte ich obendrein, weil du vom Prätendenten ein Wort fallen ließest. Wer an meinem Tische ißt, und von meinem Gelde lebt, ist unter mir, und damit gut.«
Der Senator fühlte seine Geduld zu Ende gehen, und entfernte sich schnell, die Thüre hinter sich zuwerfend. —
»Der Mann ereifert sich um des Kaisers Bart,« sagte die Mutter spöttisch und eiskalt, indem sie die Seidenzupfkästchen, mit welchen sie sich in der Abendgesellschaft zu beschäftigen pflegte, hervorholte: »es verlohnt sich auch der Mühe, für einen Menschen Parthie zu nehmen, den ich morgen aus dem Hause jage, wenn mir's beifällt.«
»Ich will nur von ihm englisch lernen!« erwiderte kurz und herrisch Justine, und drehte sich auf dem Absatze gegen das Fenster um.